Wachwechsel bei Öland, oder eine Einladung von Odin


Oktober 2009

Ich sitze vor meinem Computerbildschirm und suche nach Ausrüstung für eine slawische Jägerin und Fischerin, um meine Mittelalterausstattung zu komplettieren. Dabei stoße ich auf die Mittelalterwoche auf Gotland. Ich bin elektrisiert, dieses Spektakel lässt sich mit einem Langstreckentörn verbinden. Der „Einkauf“ für meine Mittelalterausrüstung ist nun erst einmal vergessen. Ich sitze 10 Minuten später über dem Übersegler der Ostsee …

August 2010 – Rønne/Bornholm

Wir sind heute Morgen mit der „Franzi“, einer Bavaria 38, nach einer Nachtfahrt von Rügen hier angekommen. Morgen wollen wir den Schlag nach Visby/Gotland antreten. Doch das Wetter spielt nicht mit. Leider naht ein Sturmtief aus Westen, dessen Ausläufer uns bereits am Abend erreichen werden.

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Die „Franzi“ 2010 in Rønne/Bornholm

Wir segeln mit der „Franzi“ noch nach Allinge und lassen uns auf der Ostseite Bornholms einwehen. Die Reise der „Franzi“ wird uns nicht nach Gotland bringen. Wir erkunden noch Südschweden, Kopenhagen und die dänische Inselwelt. Gotland wartet nach wie vor hinter dem Horizont …

Januar 2015 – München

Wir sitzen auf Stephans Einladung, mit Veteranen der „Intention“ und „Mephisto“ beim Chinesen. Ich erzähle von Gotland, den Konsequenzen, welche der Sturm bei Bornholm für uns 2010 hatte. Die „Veteranen“ sind infiziert und bald schon ist der alte Plan wiederbelebt. Vier feste Zusagen habe ich noch an diesem Abend. Eine passende Yacht wird gebucht und im August 2015 werden wir Gotland erneut ansteuern.

Mai 2015 – Sloten

Susanne:
Prolog.
Moni besucht mich in Friesland. Es war nur je ein Satz. Ein Satz von Moni und ein Satz von Frank. Moni: „Für den Gotlandtörn ist noch `ne Koje frei.“ – Nein, ich bin Ende August schon eine Woche weg. Nein, ich kann die Kanzlei nicht drei Wochen in einem Monat allein lassen. Nein, wie soll ich das denn machen, Urlaubsvertretung organisieren, wer kümmert sich um die Post, Gerichtstermine verlegen, Mandanten vertrösten…. Nein, das geht nicht. Schade, wäre sicher schön geworden.

Nach Monis Besuch kreisten meine Gedanken immer wieder um Gotland. Lässt sich das irgendwie organisieren, kann das gehen – NEIN, viel zu viel Aufwand im Vorfeld, um sich die zwei Wochen freizuschaufeln.

Frank, der in den letzten 30 Jahren gelernt hat, meine Gedanken zu lesen, sagte fast betonungslos im Vorbeigehen: „Du weißt, dass man am Ende nur das bereut, was man nicht gemacht hat.“… Er verließ das Zimmer, ließ den Satz mit mir zurück. Da waren sie wieder, die kreisenden Gedanken. Lässt sich das irgendwie organisieren, kann das gehen? Ein sehr liebes Angebot von Frank, sich um meine Post zu kümmern und mich zu benachrichtigen, wenn etwas sehr dringendes dabei ist, sorgte dafür, dass Moni noch am Abend ihres Besuches beim mir KEINE Koje mehr frei hatte.

Und dann erlebte ich eine Crew, die besser nicht sein konnte. Obwohl man sagt, dass nach einer Woche auf engem Raum das Boot gefühlt an jedem weiteren Tag um einen Meter kürzer würde, stimmt das bei dieser Crew einfach nicht. Personifizierte Wertschätzung, kein böses Wort, vergleichbarer Sinn für Humor und ganz viel Rücksicht. Klasse. Tolle Erfahrung. Und dann sind wir irgendwann angekommen in Gotland. Ich entdecke Visby und sammle Eindrücke bei einer kleinen Reise über die Insel. Wenn man darüber nachdenkt, sein Leben noch einmal völlig zu verändern, dann kann es nur an der Aura dieser Insel liegen. A place to live!

Wir sind zurück in Simrishamn. Ein Schwede geht längsseits, der einhand unterwegs ist. Wir laden ihn zu einem Bier ein, kommen ins Gespräch. Wo kommst Du her, wo bist du gesegelt… Unsere Antwort: Aus Visby. Seine Reaktion: Oh, that’s far. Geographisch mag Gotland weit weg sein, meiner Seele bleibt es sehr nahe.

Angekommen in Simrishamn

Angekommen in Simrishamn

Epilog.
Es war ein sehr schöner Törn mit vielen neuen Eindrücken, einer guten Skipperin, einem nicht minder guten und tiefenentspannten Co-Skipper und einer ganz großartigen Crew.

Samstag, 01. August 2015; Schleswig à Breege/Rügen

1430„Borsti“ rollt auf die Wittower Fähre. Eine Stunde haben wir im Stau vor der Fähre zugebracht. Im Kofferraum ein Einkauf, der bis Visby reichen soll. Noch eine gute halbe Stunde, dann werde ich wieder in Breege sein. In mir kommt Vorfreude auf, ich spüre die Schmetterlinge.

1515 – Ich erkunde unserer „Marie Joelle“. Bringe die Lebensmittel an Bord, dabei treffe ich Andrea am Steg. Wir waren gemeinsam auf der „Amely“ und der „Toni Manila“ unterwegs. Langsam kommt mir Peter am Steg entgegen. Ich freue mich riesig, Peter wieder zu sehen. Er hilft mir, mein privates Gepäck an Bord zu tragen, dann laden wir sein Auto aus. Er hat, neben seinem Gepäck, unser Wasser und Bier im Auto.

1630 – Susanne, Stephan, Adi und Andreas sind mit ihrem Taxi angekommen. Jetzt ist die Wiedersehensfreude komplett, das Emotionen-Karussell in mir ist schwer zu beschreiben. Wir beziehen nun gemeinsam die „Marie Joelle“. Unsere beiden großen Jungs, Andreas und Adi beziehen ihre Einzelkabinen im Bug. Dafür müssen sie uns aus den Achterkabinen ein wenig Gepäck abnehmen. Stephan und Peter residieren an Backbord achtern, während ich mir mit Susanne die Kabine an Steuerbord teile. Wir haben zudem den Luxus von drei Sanitärräumen und einer Dusche für das Ölzeug. Ja, wir reisen diesmal fürstlich.

1900 – Wir machen uns auf zum „Boddenstübchen“. Das Essen ist lecker, Susanne lernt noch eben, dass man Störtebeker mit langem „e“ spricht und man in Meeecklenburg nur ein „e“ schreiben muss, um 3 „e“ zu sprechen, nur mit der Rechnung wird es am Ende ein wenig komplizierter. In der Summe war es ein schöner Abend.

Sonntag, 02. August 2015 – Breege/Rügen à 55° 19,5`N 014° 45,3`E

Wetterprognose DWD vom 02.08.15 0500 Ortszeit

So:       SW-drehend, im Laufe des Tages 0-2 Bft.
Mo:      SE über E auf S drehend, mit 2 – 3 Bft.
Di:        SE 4
Mi:       südliche Winde um 4 Bft, abnehmend
Do:      S 3-4 Bft
Fr:        S 3-4 Bft.

 0700 – Auf dem Weg zur Dusche erledige ich den Wettereintrag im Logbuch. Die Dusche genieße ich so lange es geht. Und dass zwei Duschmarken am Ende verbraucht sind, ist mir egal.

Kurz vor 0800 sind alle am Tisch im Cockpit versammelt und wir genießen unser gemeinsames Frühstück. Dabei werden der Törn und die Wacheinteilung besprochen, Anekdoten ausgetauscht und ich bitte meine Mitsegler, dass jeder bitte eine Anekdote für den Reisebericht beisteuert.

0900 – Wir sehen uns die Yacht an und gehen auch auf die Vor- und Nachteile des Rollgroßsegels ein. Anschließend machen wir klar zum Auslaufen und um 1020 verlassen wir den Hafen von Breege.

Im Breeger Bodden fahren alle ein Rettungsmanöver unter Maschine. Für das Manöver unter Segeln fehlt uns der Wind. Als letzter ist der Co-Skipper, Andreas, an der Reihe. Er ist schon ein wenig überrascht, als seine Skipperin dabei ins Wasser springt, anstelle des sonst obligatorischen Fenders.

Dass er mich wieder an Bord holt, davon bin ich vollkommen überzeugt gewesen. Die kleine Episode hat deutlich gezeigt wo die Schwachstelle bei Schulungssituationen liegt, denn niemand hatte mir die „Rettungsmittel“ nachgeworfen. Das liegt mit hoher Sicherheit daran, dass es in der Ausbildung immer nur simuliert, aber nie gemacht wird, und die Crew wohl auch die Hände voll hatte, die Skipperin im Wasser zu filmen.

1045 – Wir setzen Kurs auf den Tonnenstrich, um in Richtung Hiddensee zu fahren. Die zweite Seewache hat frei bis 1400 Uhr. Ruhig brummt der Diesel mit 2000 Umdrehungen und schiebt unsere 14 Tonnen schwere Yacht nach Westen. Eine Stunde später passieren wir die Wittower Fähre.

1245 – Wir haben das Tonnenpaar 1/2 am Libben passiert. Jetzt könnten wir segeln; wenn wir Wind hätten. Also geht die Maschinenfahrt weiter, mit 2000 Umdrehungen kommen wir auf 6,5kn Fahrt durch Wasser, einen Knoten schenkt uns die Strömung. Also sind wir mit 7,5 Knoten über Grund unterwegs. Ein Radfahrer könnte problemlos mithalten, sofern Fahrräder über Wasser fahren könnten.

Unter Deck wird inzwischen gekocht. Heute gibt es Salzkartoffeln, Rotkohl und Nackensteaks. Zum Essen selbst übernimmt „Rüdiger“ das Ruder. Rüdiger ist ein sehr genügsamer Kerl. Ein wenig Strom und Daten vom Windex und GPS reichen ihm und er hält eisern unseren Kurs ein. Das ermöglicht uns zu sechst zu essen.

1400 – Wachablösung. Und ja, die Seewache Eins versucht wirklich zu schlafen. Wir wissen, dass Andreas, Stephan und Susanne uns sicher weiter fahren werden. Nur ist unser Organismus noch zu sehr auf den Tag-Nacht-Rhythmus eingestellt.

Somit sind wir gegen 1600 alle wieder an Deck. Wir machen Tee und setzen uns vor den Mast. Dort ist der Motor nicht mehr zu hören. Der Anblick der spiegelblanken, silbernen Ostsee ist verzaubernd. Der Horizont verschwindet im Dunst und somit hat der Auftakt der Reise etwas Mystisches.

Nach dem Tee legen wir uns noch einmal in die Kojen. Wir müssen ausgeruht sein, wenn wir nachher die Kameraden ablösen wollen.

1930 – 60sm liegen im Kielwasser als sich beide Wachen an den Cockpittisch zum Abendessen nieder lassen. Wieder ist „Rüdiger“ am Steuer, auch wenn Stephan den Job am Ruder gerne noch eine Weile ausüben wollte.

Das Abendessen dient gleichzeitig der Wachübergabe. Fischer, dessen Kurs nicht ganz eindeutig ist, lässt uns einen größeren Haken schlagen. Die Entscheidung dazu haben die beiden Wachführer gemeinsam gefunden. Die Skipperin haben sie dabei in Ruhe gelassen.

Immer noch liegt die Ostsee glatt vor uns. Ein wenig juckt es schon, baden zu gehen. Andererseits hält der grüne Algenzustand selbst Peter und Moni, die verrücktesten Wasserratten vom Sprung ist die Ostsee ab.

Andreas, Susanne und Stephan leisten der Wache noch etwas Gesellschaft und ziehen sich gegen 2130 in die Kojen zurück, so bleiben Adi, Peter und Moni allein im Cockpit und wechseln sich am Ruder ab. „Rüdiger“ ist leider ein wenig zu laut, um den beiden in Achterkabinen wirklichen Schlaf zu gönnen.

2230 – Dunkelgrau, wie flüssiges Blei, wirkt die Ostsee im Westen hinter unserem Heck. Die Gespräche an Deck werden immer leiser, die Nachtfahrt zieht uns in ihren Bann. Seit zwei Stunden steuern wir direkten Kurs auf die Nordspitze Bornholms zu. Im Osten ist schwarz die Kontur der Insel zu erkennen. Einzelne Lichter funkeln magisch vom Land herüber.

In der Ferne ist nun anhand der Positionslichter und Beleuchtung der dort fahrenden Schiffe das Verkehrstrennungsgebiet zu erkennen. Der Leuchtturm Hasle zeigt Adi am Steuer zuerst den Weg. Später orientieren wir uns an Hammerødde.

Montag, 03. August 2015 – 55° 19,5`N 014° 45,3`E à Allinge/Bornholm à Christiansø/Erbseninseln à 55° 37,4`N 015° 44,5`E

Wetterprognose DWD vom 03.08.15 0007 Ortszeit für die Zentrale und Nördliche Ostsee

Mo:      SE über E auf S 3-4 Bft.
Di:        SE 4
Mi:       Ostteil SE 4-5
Do:      Ostteil schwach umlaufend
Fr:        S-SW 3-4 Bft.
Sa:       W 5, abnehmend 6 Bft.

0030 – Vor einer halben Stunde haben Susanne, Stephan und Andreas die Wache übernommen. Zeitgleich haben wir den Kurs auf 140° geändert. Wir haben Hammerødde passiert, nun rutscht der Leuchtturm langsam achteraus.

Kurz vor Allinge übernimmt Moni das Ruder. Während sie sich einsteuert, erläutert sie uns ihren Plan zum Einlaufen in Allinge. Andreas und Peter am Vorschiff, Adi und Susanne an die Achterleinen, Stephan wird zur „besonderen Verwendung“ eingeteilt. Wir bereiten vier Festmacherleinen und sechs Fender vor, einen Fender hält Stephan als „Abhalte-Fender“ bereit.

Gut gerüstet schleichen wir uns in den Hafen von Allinge. Wie zu erwarten war ALLES belegt. Ein niederländischer Touristensegler liegt passend am Pier, gegenüber der Einfahrt. Zum Glück sind noch Leute an Bord, die wir fragen können, ob wir längsseits gehen dürfen. Die Antwort: „die anderen schlafen schon“ ist leider nicht hilfreich und lässt auf Kunden, nicht Crew schließen.

Wir versprechen keinen Lärm zu machen und legen still und leise mit der Steuerbordseite an. Nicht ganz 15 Minuten später liegt die „Marie Joelle“ sicher und fest am Touristensegler. Sogar Landstrom haben wir ergattert.

Unter Deck gibt es nun einen Anlegeschluck. Wir reden noch eine Weile und lassen den ersten Schlag Revue passieren. Es wird fast halb drei, bis alle in den Kojen sind.

Tageswerte: 95 sm – alles unter Motor.

0700 – Ich kann nicht mehr schlafen. Schon verrückt, denn wir sind eben erst gegen 0230 ins Bett gegangen! Ich schleiche mich aus der Koje und blinzle in die Sonne. Der blaue Himmel ist wolkenfrei und es sind jetzt bereits 22°C. Im Nachthemd setze ich mich ins Cockpit und genieße die Ruhe im Hafen.

Lange bin ich nicht allein, Stephan gesellt sich zu mir, dann auch bald Adi und auch Peter und Susanne gesellen sich bald zu uns. Also machen wir Frühstück und duschen. Andreas ist sichtlich überrascht, was wir unter „Ausschlafen“ verstehen, als er gegen neun zu uns kommt.

Ich habe mich inzwischen mit dem Kapitän des Touri-Seglers verständigt, wann diese auslaufen wollen. Dank Susannes sehr gutem Niederländisch, war es wirklich leicht. Wir gehen noch in Ruhe duschen.

Als ich von der Dusche zurückkomme, bemerke ich viel freien Platz im Innenhafen. Gemeinsam mit Stephan und Susanne verholen wir die „Marie Joelle“. Als Peter und Andreas vom Duschen zurückkehren, müssen sie nun ein paar Meter weiter laufen. Adi geht mit Peter, Stephan und Susanne noch zum Netto, dorthin ist der Weg nun deutlich kürzer. Sie bringen auch „Gebäck“ für den Nachmittag mit.

1045 – Am Hafenkiosk bekommen Adi und Stephan nun auch das seit einem Jahr ersehnt „Gammledægs“. Sie sind von der Größe beeindruckt. Wir sind uns einig, dass dies auch als Mittagessen ausreicht. Während des Essens, sehen wir unserem ehemaligen Innenlieger beim Auslaufen zu. Die haben das echt gut gemanagt. Zwei Schlauchboote stehen als „Bugsierboote“ zur Verfügung, um den circa 30m langen Schiff beim Drehen zu helfen. Auch in der engen Hafeneinfahrt steht ihm ein Schlauchboot zur Seite, dann werden die Masten langsam immer kürzer.

Zur Verdauung machen wir eine Runde durch den Ort und besorgen auf dem Rückweg eingelegten Hering, aus Christiansø. Das überrascht mich, soll uns aber nicht davon abhalten in Christiansø noch einen Zwischenstopp einzulegen.

Dabei sammelt Peter Eindrücke die ihn beschäftigen. Peter: „Ich kenne die Ostsee, seit ich drei Jahre alt bin. Meine Eltern wohnen seit 40 Jahren nicht allzu weit von ihr entfernt, und daher waren wir meist in den Ferien dort. Manchmal drei Wochen, manchmal nur eine, und an einigen Wochenenden oder Tagesausflügen. Und auch heute noch lege ich großen Wert darauf, mindestens ein verlängertes Wochenende im Jahr auf der Insel Poel zu verbringen. Im Laufe der Zeit habe ich viele Gesichter der Ostsee kennengelernt: Häufig ist sie grün oder grau in allen Schattierungen, ich kenne sie in tiefem schwarz, oder schwer wie Öl. Weiß von tosender Gischt kenne ich und selbst zugefroren habe ich die Ostsee schon erlebt. Auf den Anblick der Ostsee aus Allinge, unserem ersten Stop, war ich trotz allem nicht vorbereitet: ein tiefes Blau, wie man es nur aus dem Farbkasten kennt und sich an der Küste nicht vorstellen kann. Blau wie der Himmel. Blau, wie es die Fahrtensegler, eben Blauwassersegler, beschreiben und erklären, das gibt es nur auf der offenen, weiten See. Dieser Anblick hat mich sehr beeindruckt und wird einer der bleibenden Momente dieser Reise bleiben. Die anderen bleiben Geheimnis derer, die sie schon kennen…“

1200 – Wir ziehen uns aus unserer Parklücke im Päckchen heraus. Der Aussenlieger kommt dabei an den Kai und bereits eine Viertelstunde später liegt Allinge im Kielwasser. Wind? Zu wenig und das auch genau von vorn!

Also lässt die zweite Seewache den Motor die Arbeit verrichten. Nur das Ruder, will Stephan nicht an „Rüdiger“ abtreten. Die Überfahrt dauert etwas mehr als zwei Stunden. Andreas bereitet sich während der kurzen Überfahrt auf den Anleger in Christiansø vor und teilt auch bald die Crew ein.

1420 – Wir sind fest, für einen Spaziergang auf Christiansø. Andreas hat uns super neben eine kleinere Yacht gebastelt. Den Liegeplatz wies uns der Hafenmeister an, als er hörte, dass wir nur ein paar Stunden bleiben wollten.

„Tageswerte“: 110 sm – alles unter Motor.

Keine zehn Minuten später sind alle von Bord. Die Kameras dürften glühen, denn in den zwei Stunden auf Christiansø und Frederiksø entstehen insgesamt circa 160 Bilder. Die letzten Postkarten vor der langen Etappe nach Visby kommen noch in den Briefkasten auf Christiansø, dann heißt es auch bald schon wieder: „Vorbereiten zum Auslaufen.“

1625 – Wir werfen die Leinen los und fahren langsam aus dem Hafen von Christiansø. Vor dem Hafen ist ein Lufthauch zu spüren. „Wollen wir es versuchen?“ – hoffnungsvoll kommt Monis Frage. Als Antwort geht Peter vor zum Mast und öffnet die Sperre des Rollgroß, Stephan und Adi gehen an die Großschot und die Endlosleine, während Susanne und Andreas das Vorsegel bedienen. Keine fünf Minuten später stehen die Segel, der Motor ist aus!

Wir kreuzen uns von Christiansø frei. Ein wenig aufpassen müssen wir dabei auf das „Mini-Atoll“ Øesterskær. Die drei Windstärken ermöglichen uns mit voller Segelfläche, also 107m², eine Fahrt durch Wasser von 5 bis 6 Knoten, auf einem Am-Wind-Kurs. Leider ist unser Wendewinkel nicht so gut wie erhofft und wir müssen auch mehr abfallen als wir wollen um voran zu kommen. Der Kurs auf dem Holebug veranlasst Andreas irgendwann zu dem Kommentar „Gut, dann geht’s eben nach Polen.“ Dennoch freuen wir uns endlich zu segeln.

1830 – Seit Christiansø haben wir 12,3 sm zurückgelegt. Es gibt Abendessen. Bei dem schönen Wetter an Deck. Auf den Tisch kommen feuchte Tücher unter die Töpfe, dass sie bei Lage auch auf dem Tisch bleiben. Es gibt eingelegten Hering mit Pellkartoffeln, dazu Tee und Kaffee für die aufziehende Wache. Die abziehende Wache nimmt Limonade, oder Schorle.

Wir sprechen ab, das wir versuchen, die Wenden auf die Wachwechsel zulegen, das würde jedoch für die zweite Wache bedeuten sehr lange mit Kurs 160° nach Südosten zu fahren. Also schlägt Moni als Kompromiss vor, gegen 2200 Uhr eine Wende zu fahren. Kurz nach 2000 Uhr ist die erste Seewache in den Kojen.

2200 – 32,6sm seit dem Auslaufen in Christiansø. Stephan fährt die „alles entscheidende“ Wende. Was es auch immer war, es reicht um für die folgenden 30 Stunden auf dem Backbordbug, mit einem Kurs zwischen 015° und 045° nach Nordosten zu segeln! Die Freiwache hört die freudigen Gespräche im Halbschlaf mit. Andreas kann es anfangs nicht glauben, als er den COG (Course over Ground) am GPS abliest. Doch es ist so, auch wenn wir es dort noch nicht wissen, dies war bis Visby die letzte Wende!

Kurz vor dem Wachwechsel müssen sie sich noch mit ein paar Fischern herumärgern und weichen knapp am Verkehrstrennungsgebiet an der Südspitze Ølands aus.

Dienstag, 04. August 2015 – 55° 37,4`N 015° 44,5`E à 57° 20,7`N 017° 56,0`E

Die Nachtwachen sind besonders schön. Anstrengend, ja. Weil man die Müdigkeit noch sehr spürt. Schön, weil es anders ist. Nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Erleben. Das Schiff segelt still durch die Nacht. Du weißt die Freiwache in den Kojen. Dort ruhig schlafend, weil sie dir Vertrauen.

Die Luft ist mild und am Himmel sieht man so viele Sterne. Die Schiffe weitab sind gut zu erkennen und wirken teilweise märchenhaft. Anfangs sieht man meist nur ein oder zwei Lichter. Dann kommen schemenhaft die Silhouetten dazu. Manchmal, je nachdem wie der Wind steht, kann man auch Motorengeräusche hören. Auf unserem Kurs, östlich an Øland vorbei, kommen wir jedoch nur mit wenigen Schiffen in Kontakt.

In der Nacht nimmt der Wind auf 5 Windstärken zu. Das ist früher als in der Prognose des DWD vom Montag. Stimmt aber mit der Prognose des DMI von heute Nacht überein. Wir haben das Großsegel auf 50% und die Genua auf 90% gerefft. Dabei erreicht die „Marie Joelle“ noch sechs Knoten durch Wasser und liegt leicht am Ruder.

0400 – 55°50,4´N 016°05,7`E – 63sm seit den Auslaufen in Christiansø, 273sm seit Breege. Seit fünfzehn Minuten läuft der Motor im Leerlauf mit, zur Batterieladung. Kurz vorher haben wir die Freiwache geweckt. Susanne mit Stephan und Andreas haben nun die Wache. Die Wache von vier bis acht am Morgen. Mit wenig Schlaf, noch die Müdigkeit im Kopf und die Wärme vom Schlafsack in den Gliedern. Den Sonnenaufgang haben die drei dennoch nicht erleben können. Die Sonne ging kurz nach halb vier bereits auf. Wir freuen uns nach der Hundewache in die Schlafsäcke zu kommen. Die Wachübergabe ist kurz. Wir hatten noch Tee und Kaffee gemacht, die Kurse in der Karte und das Logbuch geführt. Seit drei Stunden arbeiten wir in der Navigation hauptsächlich mit Monis IPad und den Karten von Navionics. Die Kartensätze des Kartenplotters der „Marie Joelle“ sind hier zu Ende.

Der Schlaf ist tief und erholsam, auch wenn es nach drei Stunden schon wieder aufstehen heißen wird.

0800 – 56°06,6`N 016°31,0`E – 85sm seit den Auslaufen in Christiansø, Wachwechsel. Am Horizont erscheint ein Kriegsschiff, die Linien sind klar zu erkennen. Es hält fast zwei Stunden auf uns zu, am Funk ist nichts zu hören. Irgendwann dreht es ab und fährt seinen Kurs weiter. Wir waren also nicht sein Ziel. Immerhin hat es uns Gesprächsstoff für ein paar Stunden geliefert. Am Vormittag sehen wir eine weitere Segelyacht auf Gegenkurs, dann noch einen Küstenfrachter. Das war’s. Sonst nur wir und die See.

Gegen 1200 – Uhr rumort Stephan in der Kombüse und beginnt das Mittag vorzubereiten. Kurz vorher verschwindet Øland hinter dem Horizont, jetzt ist ringsherum nur Wasser.

Kurz vor 1300 stellt uns Stephan sein legendäres Risotto auf den Tisch im Cockpit. Wieder werden die Teller mit feuchten Tüchern gesichert und während erst Moni, dann Adi am Ruder stehen, lassen wir uns das Essen schmecken. Zum Nachtisch gibt es Doublevla – Schoko-Vanille. Gar nicht so einfach die Schüsselchen mit dem Pudding hochzubugsieren.

Um 1400 – 56°34,2`N 017°05,8`E – 120sm seit den Auslaufen in Christiansø. 35 Seemeilen haben wir während unserer sechs Stunden Vormittagswache geschafft. Nun haben wir sechs Stunden Zeit zum Schlafen. Das Rauschen des Wassers an der Bordwand wirkt beruhigend und einschläfernd.

Gegen 1730 werde ich wach. Nach einem Besuch auf der Toilette versuche ich noch einmal zu schlafen. Doch es geht einfach nicht mehr. Ich koche Tee, Kaffee und beginne mit dem Abendessen. Heute gibt es Spiralen-Nudeln mit Paprika und Tomatensoße. Alles mit frischem Gemüse selbst zubereitet.

Dann sitzen wir im Cockpit und sehen der aktiven Wache noch eine Weile bei der Arbeit zu. Fließend ist die Wachübergabe und bald nach 2000 sind die drei unter Deck verschwunden. Ich habe noch ein Hüngerchen und mach mir ein Nutellabrot. Auch Adi nimmt eins, obwohl das sonst gar nicht seine Art ist. Das ist schon komisch auf See, da schmecken auf einmal ganz andere Mahlzeiten.

2100 – Wir sehen unsere Bekannte, die Wachfregatte von heute morgen, im Sonnenuntergang wieder. Kurz vorher haben wir auf der anderen Seite Land gesichtet. Gotland. Es ist ein merkwürdig schönes Gefühl Land zu sichten. Land, von dem ich seit sechs Jahren geträumt habe.
Wieder fasziniert uns der Sonnenuntergang auf See erst gegen 2300 ist es wirklich dunkel. Die Luft ist immer noch fast 17°C warm, doch der frische und böige Wind, mit fünf bis sechs Windstärken, an der Grenze zur Sieben, kühlt doch. So sind wir über unsere winddichten Fischerpullis froh.

Wir rätseln lange über drei merkwürdige rote Lichter, die wir nicht zuordnen können. Es sind keine Leuchttürme oder Tonnen eingezeichnet. Ich finde keine Lösung und übergebe das Rätsel als solches während der Wachübergabe an Andreas.

Tageswerte: 284sm, davon 174 gesegelt.

Mittwoch, 05. August 2015 – 57° 20,7`N 017° 56,0`E à Visby/Gotland

0000 – Ich bin echt froh, ins Bett zu können. Mir zieht es sowas von die Augen zu. Dankbar übergebe ich Andreas die Wache und begebe mich in Morpheus Arme.

Von Geschepper und Geklapper an Deck werde ich wach. Die Kollegen reffen gerade. Also hat der Wind noch zugenommen. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, es ist 0300. Ich ziehe mich an und gehe der Wache zur Hand. Wirklich gebraucht werde ich nicht, aber eine Hand mehr an der Winsch ist immer gern gesehen.

Im Anschluss mache ich uns einen Tee, dabei klärt mich Andreas über die rätselhaften Leuchtfeuer auf. Sie stehen sehr weit im Landesinneren und sind für die Luftfahrt. Man kann sie sehr schön als Ansteuerung auf Visby verwenden.

Visby liegt direkt vor dem Bug. Wir haben seit Mitternacht weitere 24 Seemeilen zurückgelegt. So ergibt es sich, dass wir im Morgengrauen in Visby einlaufen. An Bord ist die Freude zu spüren, alle haben leuchtende Augen!

Das Anlegen wird noch einmal spannend, im Hafen überrascht mich eine Strömung die meine geplante Drehung vereitelt. Wir treiben an eine am Pier liegende Motoryacht. Und hier liegen echte Motoryachten! Das sind Schiffe von 60-Fuß aufwärts. Nur mühsam bekomme ich die „Marie Joelle“ von der Yacht weg. Da ich die Strömung im Hafen nicht einschätzen kann, entschließe ich mich gar nicht erst nach einer freien Box im vollen Hafen zu suchen. Bei dieser eingespielten Crew reichen wenige Worte. „Ich gehe mit Backbord da vorne an den Steg und dampfe in die Achterleine ein.“ Nur Dank der Unterstützung meiner tollen Crew klappt das Anlegemanöver reibungslos. Gemeinerweise fängt es mitten im Anlegemanöver auch noch an zu regnen. Nachdem es bisher nie geregnet hatte!

Um 0415 sind wir in Visby/Gotland fest. Wir haben die letzten 160 Seemeilen auf einem Bug gesegelt. Es war die Wende von 2200! Tja Stephan…

Die letzten von uns gehen circa 0500 ins Bett, nach einem ausgiebigen Anlegeschluck.

Tageswerte: 296,3sm, davon 196,3sm gesegelt.

1100 – Stephan ist auch schon wach, ich habe ihn herausgehen hören, obwohl er echt leise war. Träge komme ich aus dem Bett und tapse in den Salon. Kurz darauf gesellt sich Adi zu mir. Wir beschließen zum Hafenmeister zu gehen, um uns anzumelden. Dieser Verwaltungsakt dauert fast eine Stunde. Aber wir haben jetzt W-Lan-Codes, können duschen gehen und unsere Liegegebühr für zwei Tage entrichtet.

Duschen, das ist ein gutes Stichwort und bald darauf sieht man immer mehr Duschtücher an der Reeling der „Marie Joelle“ hängen. Zeitgleich wird das Frühstück vorbereitet. Adi hat frische Brötchen organisiert. Und unser Co-Skipper ist wieder einmal von dem geringen Schlafbedürfnis der Crew beeindruckt.

1300 – Wir haben uns „Landfein“ gemacht, die Fotoapparate eingepackt, SD-Karten überprüft und sind nun unternehmungslustig in die Stadt. Adi ist der „Stadtführer“ und bald tauchen wir in die Atmosphäre der „Medeltidsveckan på Gotland“, der Mittelalterwoche auf Gotland, ein. Die historischen Gewandungen passen viel besser in das Stadtbild, als unsere moderne Kleidung. Es scheint fast, als wären nur die Touristen nicht in historischer Gewandung auf der Straße. Meine Gedanken gehen zurück zu Friedhold, Denise, Christoph und Martin – der Crew der „Franzi“, doch die immensen Eindrücke wischen diese Gedanken bald weg.

Wir erleben eine Parade mit Spielmannszug, trinken ein kühles Heinecken (Der Preis haut uns fast vom Schemel!), dafür ist Wasser kostenlos und genießen die Aussicht über die wunderschöne Altstadt von Visby.

Wir besorgen in der Stadtinformation Karten für das Turnier am Freitag und können für morgen sogar noch einen Leihwagen ergattern, um eine Inselrundfahrt zu machen. Zufrieden kehren wir an Bord zurück.

1730 – Und hier an Bord zaubert unser Maître de Cuisine Stephan seine legendären Spaghetti mit Rucola-Walnuss-Pesto, dazu einen frischen Salat und deutsches Bier, oder guten Wein, aus unseren Bordbeständen. Anschließend steigen wir in die Mitgebrachten Gewandungen, naja noch nicht alle. Adi und Andreas bleiben an Bord, so gehen zuerst nur vier von uns noch einmal in den Ort.

Leider ist der Markt schon dabei zu schließen. Der Sonnenuntergang, über der spiegelglatten Ostsee, dazu die vielen kleinen Gruppen die Musik machen, die spielenden Kinder am Ufer, in der lauen Dämmerungszeit. Diese Eindrücke haben sich sehr tief eingeprägt. Sie vermitteln mir auch jetzt wieder ein Gefühl von Frieden und Geborgenheit.

An Bord zurück lassen wir den Abend still bei einem Glas Wein oder einer Flasche Bier ausklingen.

Donnerstag, 06. August 2015 – Visby/Gotland – Hafentag und Inselrundfahrt

Nach dem Frühstück machen sich Andreas, Stephan und Moni auf den Weg, den Leihwagen abzuholen. Wir haben uns diverse Spots, die mit der Geschichte Gotlands, der Wikinger und Vitalienbrüder zusammen hängen, heraus gesucht. Die Villa Kunterbunt steht inzwischen in einem Vergnügungspark. Schade, wir hätten sie sonst mit auf die Liste gesetzt.

Andreas ist an diesem Tag ein aufmerksamer und sehr guter Chauffeur, allerdings hat Moni zu Beginn bei der Landnavigation ein paar Probleme. Dadurch finden wir zwar eine 3500 Jahre alte Schiffssetzungen in Gnisvärd bei Tofta, und einen Truppenübungsplatz. Doch an der nächsten Tankstelle wird eine brauchbare Straßenkarte gekauft. Die Karte aus der Touristinformation dient nur noch der Inspiration.

Wir erkunden das Wikingerdorf in Tofta, die Bildsteine von Stora Hammars, die eindrucksvolle Anlage der Thorsburg und das malerische Fischerdorf Katthammarsvik auf der Ostseite der Insel. Die Rückreise für uns durch die Geschichte des deutschen Ritterordens und der gotischen Kirchen.

Erschöpft erreichen wir wieder Visby, nutzen den Leihwagen noch, unsere Bordvorräte zu ergänzen und dann lassen wir den Abend an Bord gemütlich ausklingen. Die abendliche Kaperung durch umherziehende Piraten können wir durch ein Schutzgeld in Form von bestem Portwein verhindern. 

Freitag, 07. August 2015 – Visby/Gotland – Hafentag und Ritterturnier

Wetterprognose DWD vom 06.08.2015 2228 Ortszeit

Trend für die Ostsee:
Sonnabend NW 4-5,
Sonntag N 4,
Montag auf SW auf E drehend von 3 auf 4 auffrischend,
Dienstag SE 4

Das Wetter sieht richtig gut für die Rückreise aus. Also an die Arbeit. Wir machen nach dem Frühstück los und fahren zur Tankstelle. Peter hin und Andreas zurück. Wir legen uns passend an den Steg um auch Frischwasser zu bunkern. Heute stehen kleinere Besorgungen von Andenken, Tanken und Frischwasserbunkern und kleinere Reparaturen auf dem Plan. Moni und Peter verzichten auf die Dusche. Sie gehen einfach schwimmen und spritzen sich im Anschluss mit dem kalten Wasser auf dem Steg ab. Und am Nachmittag machen wir uns alle fein, um korrekt in mittelalterlicher Gewandung zum Turnier und auf den Markt gehen zu können.
Adi: „Nach Visby, Schweden, zum Mittelalterfest, aufm Segelboot, ein Traum. Aber der Haken: Jeder geht verkleidet! Verkleidet zu sein, ich weiß nicht.

Na ja, dann gehe ich als Zwerg. Kaum schreibe ich das in der E-Mail, kommt auch prompt die Antwort von Susanne: „Adi als Zwerg, davon will ich ein Bild“. Das habe ich nun davon. Ich suche ein Zwergen-Kostüm, ist doch einfach, Angebote gibt es genug. Aber nach einer Stunde die Ernüchterung: Teuer und die Schminke würde mir überall hinlaufen, es ist Sommer in Visby. Ich brauche etwas Einfacheres. Ich finde eine Kutte, aber welche Farbe? Ich entscheide mich für weiß, der Wanderprediger. Sofort bestellt, schnell geliefert, anprobiert, passt. Das ist es. Hoffentlich ist das Wetter nicht so warm, sonst ist schwitzen unter der Kutte angesagt.

Dann kommt der Tag in Visby, Premiere: Adi verkleidet! Schnell anziehen und schon geht es los. Das Foto vor dem Schiff ist obligatorisch, habe jetzt meinen Mönchsbeweis. Ab in die Stadt, aber kaum sind wir in der Stadt, bin ich auch schon umringt von einer Gruppe, sehr fremdländisch sprechend. Und bevor ich es richtig realisiere, werde ich mitten in der Gruppe fotografiert.

Kaum ist dieses Shooting vorbei, kommen schon die Nächsten, wieder eine für mich unverständliche Sprache, sie fragen, ich nicke, wieder ein Foto mit mir als Wanderprediger in der Mitte. Plötzlich ist der Spuk vorbei, ich habe ab jetzt kein Shooting mehr. Sind das alles Passagiere von den 3 Kreuzfahrschiffen, die vor ein paar Stunden in den Hafen eingelaufen sind?“

Der liebe Adi war als Wanderprediger wirklich ein Magnet der Kreuzfahrttouristen und musste viele Bilder aushalten. Auf dem Markt hatte er dann aber seine Ruhe. Doch auch Stephan als Kaufmann und Susanne, die sogar zwei selbstgeschneiderte Gewänder dabei hatte, waren eine Augenweide. Peter und Moni repräsentierten die einfachen Freien des Landvolkes, so waren wir alle sechs gut unterwegs.

Der Markt lebte wirklich, hier traten Musiker, Spielleute, Theatergrüppchen auf, überall konnte man mittelalterlich einkaufen und speisen. Das Turnier war anders als in Deutschland. Weniger technischer Aufwand, eher an historischen Vorbilder orientiert. Die Ritter mussten in allen Künsten antreten, Bogenschützen präsentierten ihre Fertigkeiten im Wettkampf und auf den Bänken nahmen wir noch einen Ohrwurm mit „uhhh uhhh“…

Diesen Abend waren wir alle vor Mitternacht in der Koje, morgen wollten wir früh raus.

Samstag, 08. August 2015 – Visby/Gotlandà 56°27,0`N 016°44,3`E

Wetterprognose DWD vom 08.08.15 0538 Ortszeit für die nördliche und zentrale Ostsee

Nördliche Ostsee: S-SW 3 bis 4 Bft., später westdrehend und Gewitter mit Schauerböen
Zentrale Ostsee S-SW 3 bis 4 Bft., später westdrehend und Gewitter mit Schauerböen, ab Mitternacht W 3-4 Bft, norddrehend und abnehmend.

0800 – Peter fährt den Ableger und vor dem Hafen drehen wir anfangs nach Norden. Wir wollen die Kulisse Visbys noch von See aus sehen. Leichter Dunst schafft eine einzigartige Atmosphäre, auch wenn dadurch die Fotos nicht klar und scharf werden können.

Eine halbe Stunde später drehen wir den Bug nach Süden, in Richtung Heimat. Peter übergibt „Rüdiger“ das Steuer, denn der vorhergesagte Wind fehlt. Anstatt mit raumen Wind abzulaufen, nagelt nun der Diesel und schiebt uns durch die spiegelglatte See.

An der Backbordseite zieht Gotland vorbei und wir beginnen mit diversen Zeitvertreiben. Die Freiwache liest und entspannt. Die Wachmannschaft plaudert und kontrolliert regelmäßig Kurs und Wetterlage. Viel zu tun ist derzeit nicht. Unser Kurs zielt direkt auf die Südspitze Ölands und wir lassen pro Stunde sechs Seemeilen hinter uns.

Immer wieder versuchen wir zu segeln. Bei jedem kleinen Auffrischen des Windes ziehen wir die Segel raus und stoppen den Motor. Mal reicht der Wind eine halbe Stunde, einmal auch fast eine Stunde. Aber leider schläft er immer wieder ein, so dass unsere „Eisenfock“ immer wieder aushelfen muss. Das wird den ganzen Tag so gehen.

Mittags gibt es Spaghetti mit Paprika und Champignon, Stephan hat seine Freude daran, uns kulinarisch zu verwöhnen. Und um 1400 ist Wachwechsel. 32 Meilen sind geschafft, bis Simrishamn sind es noch circa 170 Seemeilen.

Wir beginnen unsere Freiwache mit einem Kartenspiel. „Wizard“ zieht uns in seinen Bann und wir vergessen fast schlafen zu gehen. Ein paar Stunden Schlaf holen wir uns noch, damit wir nach dem Abendessen ausgeruht die Kameraden ablösen können. Zum Abendessen gibt’s „Reste von gestern“.
Peter und Moni braten die übrigen Spaghetti auf und machen einen gemischten Salat dazu. Wieder wird die Wachübergabe während des Essens erledigt und der liebe „Rüdiger“ hält eisern den Kurs.

2000 – 56°49,5`N 016° 58,1`E – 70 Seemeilen seit Visby. Wieder ein Wachwechsel. Wir nehmen eine leichte Windzunahme wahr. Um 2200 dann endlich ausreichend Wind zum Segeln. Wir setzen die Segel und machen die Maschine aus. Die „Marie Joelle“ legt sich leicht auf die Backbordseite und nimmt Fahrt auf.

Wir segeln in die Nacht, die uns wieder mit ihrem eigenen Charme empfängt. Im Westen sind aus den Cirren inzwischen Altostratus und einzelne Altocumulus geworden. Der Luftdruck beginnt langsam zu steigen.

Sonntag, 09. August 2015 – 56°27,0`N 016°44,3`E à Simrishamn/ Skåne – Schweden

0000 – Andreas mit Susanne und Stephan übernehmen. Wir gehen müde zu Bett, während die drei die Hundewache übernehmen. Der Wind lässt ein immer mehr nach, doch sie können bis Wachwechsel weiter segeln, wenn auch langsam. Im Westen beobachten sie zunehmend Wetterleuchten und auch schon einzelne Blitze. Wir bekommen von allem nix mit, da wir unter Deck gut schlafen.

Stephan: „Wache ist schön, wenn…:

Das erste Mal in einem Wachsystem zu fahren – was wird da auf mich zukommen, wie ist das mit dem Wachwechsel und den geänderten Ruhe bzw. Schlafzeiten? Diese Fragen beschäftigten mich vor dem Törn. Um es vorweg zu nehmen, Wache ist schön wenn….

Es war auf dem Rückweg von Visby nach Simrishamn Susanne, Andreas und ich hatten die 00.00 bis 04.00 Wache. Es war leichter Wind zum Anfang unserer Wache, der dann soweit abflaute, dass wir überlegten die Segel einholten und das „Volvo-Segel“ zu aktivieren. Die See ruhig und nur am Horizont ein leichtes Wetterleuchten das von West nach Ost zog also unsere Richtung kreuzte – aber wie gesagt noch weit weg.

Die Stunden vergingen, wir machten langsam Strecke. Das Wetterleuchten kam näher aber noch kein Donner zu hören, wobei jetzt schon vereinzelte Blitze zu sehen waren. Gewitter auf See?!.

Dann 04.00 Uhr Wachwechsel mit frischem Tee und Kaffee für die neue Wache und der Info bei der Übergabe zum Kurs, Sichtungen und natürlich Wetter. Hier waren es dann schon deutlich mehr Blitze und ein vereinzeltes Grollen war auch dabei.

Ich machte mir auch noch einen Tee bevor es in die Koje ging. Gesagt getan und zum „Gute Nacht“ noch einen Blick in die Plicht. Oha, alle im Ölzeug und die ersten Tropfen – nichts wie unter Deck. Im Schlafsack eingewickelt hört sich das Prasseln auf das Kabinendach sehr beruhigend an. Ich habe geschlafen wie ein Stein und bin durch das wecken um 07.30Uhr erst wieder aufgewacht. Moni, Peter und Adi schilderten die letzten Stunden, die Sie bei Regen und Gewitter mit Blitz und Donner verbracht hatten und froh waren, dass die Blitze nicht in das Boot eingeschlagen hatten.

Susanne und Andreas hatten schlecht geschlafen aber ich habe nichts mitbekommen und musste für mich feststellen- eine kompetente Crew die Wache hat und dann selbst Freiwache in der warmen Koje – Wache ist schön, wenn man Freiwache hat.

Danke Moni, Adi und Peter, dass ihr uns sicher durch das Gewitter gebracht habt.“

Wie von Stephan schon beschrieben, setzt direkt nach der Wachübernahme ein sintflutartiger Regen ein. In Gedanken mit „Kommt der Regen vor dem Wind,…“ holten wir sofort die Segel ein und starteten die Maschine. Doch die Böen hielten sich in Grenzen. Ich ließ den Kurs dichter unter Land legen. Adi und Peter wechselten sich am Ruder ab, ich kümmerte mich um die Navigation. Das Handfunkgerät und ein Hand-GPS, sowie mein Handy hatte ich in den Backofen getan. Keine Ahnung, ob es wirklich notwendig war.

Die Blitze kamen immer näher, das Donnergrollen auch. Einem Gewitter ausweichen ist eher Glück. Ein Glück, was ich schon mehrfach hatte. Dann, gegen 0520 krachte es fast dauernd, wir stoppten zwei bis drei Sekunden zwischen Blitz und Donner. Demzufolge war das Gewitter weniger als ein Kilometer weg.

Eine halbe Stunde später entfernten sich die Blitze, das Donnergrollen ließ nach, der Regen auch. Für eine Stunde setzten wir sogar wieder die Segel. Doch der Wind ließ uns dann wieder im Stich.

0730 – Ich wecke die Freiwache und setze Kaffeewasser an. Der Himmel lockert wieder auf. Die Emotionen des Erlebten lassen uns sehr lebhaft von dem Durchfahren des Gewitters berichten. Stephan, Susanne und Andreas übernehmen sichtlich müde die Wache. Viel geschlafen haben die drei leider nicht.

Für mich und meine beiden Jungs der Wache eins, gibt es jetzt erst einmal einen Grog. Es ist außergewöhnlich wenn ich auf See Alkohol zulasse. Doch zum einen haben wir nun sechs Stunden frei. Das reicht, den Rum zu verdauen. Zum anderen schlägt man nicht jeden Tag eine Einladung an Odins Tafel aus!

1145 – circa 155 Seemeilen seit Visby. Ich werde wach und muss mich orientieren. Ich war vollkommen weg. Lag das am Grog? Ich fühle mich frisch und schaue in der Kombüse vorbei. Dort steht frischer Kaffee. Ich schnappe mir eine Tasse und gehe an Deck. Dort, blauer Himmel, fast 25°c, eine entspannte Wachmannschaft und wir segeln zur Abwechslung mal auf Steuerbordbug.

Als Adi zu uns stößt, spielen wir noch eine Stunde Wizard. Dann beginnen wir uns Gedanken um das Essen zu machen. Ein kurzer Blick an Deck; ja, wir werden draußen essen. Zurück in der Kombüse beginne ich Zwiebeln zu schälen. Während ich dies mache, fällt mir ein Zitat von Wilfried Erdmann aus seinem Buch „Ein unmöglicher Törn“ ein. „Wenn ich koche, und das passiert häufig, beginne ich mit Zwiebelschneiden – ohne genau zu wissen was es geben soll.“ (S.68) Im Gegensatz zu Wilfried weiß ich genau, was es geben wird. Farfalle mit gebratenen Zucchini und Paprika in Tomaten-Chili-Soße. Peter unterstützt mich beim Kochen. Kochen bei Lage ist Kombüsensport, ganz ehrlich.

Die feuchten Tücher für die Teller sparen wir heute. Nur der Topf mit den Nudel und Soße, steht so sicher auf dem Tisch. Jeder hält seinen Teller in der Hand, bis auf den Mann am Ruder. Denn diesmal ist „Rüdiger“ nicht an Steuer. Doch eine leichte Rotation sorgt dafür, dass jeder warmes Essen im Bauch hat.

1345 – Der Wind macht eine kurze Verschnaufpause, wir nutzen das Nachlassen der Fahrt durch Wasser zum Baden gehen. Adi bleibt gerne am Steuer. Doch Stephan und natürlich Peter lassen es sich nicht nehmen, genau wie Moni, sich an einer Leine von der Yacht durch die glasklare Ostsee ziehen zu lassen. Diesmal präsentiert sie sich leider eher türkis-grün.

Als der Wind wieder zulegt, wird es sehr schwer sich bei fast vier Knoten Fahrt an der Leine an Bord zurück zu ziehen. Adi geht kurz in den Wind um es mir zu erleichtern an Bord zu kommen. Danke Adi.

1615 – Wir haben seit dem Mittag zwar 20 Seemeilen im Kielwasser zurück gelassen, doch nur vier Meilen kreuzend auf das Ziel geschafft. Obwohl wir guten Segelwind haben, machen wir zu wenig Höhe um nach Simrishamn zu kreuzen. Wir stimmen ab, ob wir noch eine Nacht auf See bleiben wollen. Das Ergebnis ist, dass wir den Motor starten und auf direkten Westkurs gehen.

1800 – Wir sind fest in Simrishamn, am gleichen Steg wie fünf Jahre zuvor die „Franzi“. Hier schließt sich also wieder ein Kreis. Peter fährt den Anleger und 34 Stunden nach unserem Auslaufen haben wir 201,5 Seemeilen zurückgelegt. Davon konnten wir diesmal leider nur 74,1 Seemeile segeln, der Rest waren Motormeilen.

Tageswerte: 507,8 sm, davon 270,4 sm gesegelt.

Wir lassen es uns in den Duschen gut gehen. Und nach dem Abendessen, zu dem uns Stephan und Andreas mit einem tollen Salat überraschen, kommt es noch zu dem Plausch mit dem schwedischen Segler, von dem Susanne bereits berichtet hat. Er ist Einhand von Kopenhagen gekommen. Das sind immerhin auch 100 Seemeilen Nonstop. Und diese, allein!

Montag, 10. August 2015 – Simrishamn/Schweden à 55° 28,17´N 014° 19,83´E

Wetterprognose DWD vom 10.08.15 0538 Ortszeit für die zentrale, südliche und westliche Ostsee

Zentrale Ostsee: schwachwindig umlaufend
Südliche Ostsee: schwachwindig umlaufend
Westliche Ostsee: E 2-3 Bft, später zunehmend, Schauerböen

Aussichten bis Dienstagmittag:

Westliche Ostsee: E – NE 3-4 Bft
Boddengewässer Ost: E – NE 3-4 Bft.

0900 – Ich habe geschlafen wie ein Murmeltier. Vor einer Stunde war ich mit Stephan frische Frühstücksbrötchen holen, dann haben wir Frühstück gemacht und nun sammeln sich alle langsam bei Tisch.

Wir sammeln den Bedarf an Vorräten, die wir ergänzen müssen und beschließen, dies am Vormittag zu erledigen. Nachmittags wollen wir einen „Monsterwindbeutel“ und Kaffee/Tee in der Einkaufsmeile genießen, und um 2000 werden wir auslaufen. Wir haben überlegt wie wir die verbleibenden Tage nutzen und beschlossen die Reise mit „Rund Rügen“ zu beenden. Also wird Lohme unser nächster Zielhafen werden. Wir wollen dort zum, oder nach, dem Frühstück einlaufen und abends im „Daheim“ speisen.

Mittag fällt heute aus, wir dösen in den Tag. Einige gehen auch noch allein in die Stadt und erkunden Simrishamn.

1540 – Pünktlich zum Kaffee treffen wir uns im Café in der Einkaufsmeile und genießen die leckeren Windbeutel. Im Anschluss verteilen wir uns noch einmal in der Stadt.

1900 – Das Abendbrot haben uns der Maître de Cuisine und Susanne zubereitet, den Salat haben Peter und ich beigesteuert. Adi und Andreas hatten die Navi vorbereitet. Nun sitzen wir beim Abendessen. Die letzten Kronen sind nicht verbraucht, doch morgen früh werden wir wieder in Deutschland sein.

2000 – Pünktlich legt Stephan ab, wir laufen aus und verlassen Simrishamn. Direkt hinter dem Hafen setzen wir die Segel und der Motor ist aus. Unser Kurs führt uns entlang der Ostküste Skånes nach Süden. Mit einem Generalkurs von 195° steuern wir Lohme/Rügen an. Der Sonnenuntergang hinter der Küstenlinie ist malerisch. Aber, wir müssen ins Bett, denn um Mitternacht wird unsere Aktion gefordert sein.

 

Dienstag, 11. August 2015 – 55° 28,17´N 014° 19,83´E à Lohme/Rügen

0000 – 19,6 Seemeilen sind wir seit dem Auslaufen gesegelt. Jetzt gehen wir; Adi, Peter und ich, in die Kojen. Doch, leider ist nach einer Stunde der Wind weg. Wir dümpeln mit 1,5kn Fahrt dahin. Und das, direkt am Verkehrstrennungsgebiet!

Ungern gibt Andreas die Anweisung die Segel zu bergen und den Motor zu starten. Doch wir wollen vorankommen und müssen korrekt das Verkehrstrennungsgebiet queren. Auch wenn die Freiwache jetzt den Motor ertragen muss.

Die Lichter der Fahrzeuge sind beeindruckend. Kreuzfahrtschiffe, große Tanker, Containerschiffe und kleine Fischer. Dazu noch eine Baustelle auf See. Alles da. Ein wenig Verwirrung entsteht schon, doch das Radar hilft, die Lage besser zu analysieren. Susanne und Stephan nutzen die Gelegenheit, sich mit dem Radar zu befassen.

Einmal klingt es als ob sie einen Torpedoangriff in Schnellbootmanier fahren wollen. Neugierig gehe ich hoch. Doch bald schon bin ich wieder im Schlafsack.

0400 – Wachwechsel. Andreas weckt mich eine halbe Stunde vorher, ich ziehe mich an und mache Wasser heiß. Erst mal eine Tasse Kaffee. Rügen ist bereits am Horizont, als dunkler Schatten, auszumachen. Wir überlegen ob das Einlaufen noch in dieser, oder erst der kommenden Wache erfolgen wird. Dann gehen die drei zur verdienten Ruhe.

Gemeinsam mit Peter ändere ich unsere Beflaggung. Die schwedische Gastlandflagge kommt nach Backbord, gemeinsam mit dem Dannebrog, der Bornholmer und Gotländer Flagge ziert sie nun unsere Backbordseite. An Steuerbord weht wieder die rote Flagge von M² – Segeln mit Herz. Wir sind stolz auf unsere Leistung. Ja, wir waren in Visby.

Immer besser können wir Arkona, Lohme und die Masten von Rügen Radio erkennen. Peter ist genauso berührt wie ich. Beide sehen wir unsere Heimat, Mecklenburg-Vorpommern, nur noch sehr selten. Wobei ich inzwischen in Schleswig-Holstein, nach fast 25 Jahren in Bayern, angekommen bin.

Wir trinken noch einen Kaffee zu dritt und schmieden leise den Plan, die anderen drei in Lohme aufwachen zu lassen. Doch die spielen einfach nicht mit. Sie kommen so nach und nach von ganz allein an Deck. Alle drei!

So breiten wir nun die „Marie Jolle“ gemeinsam aufs Einlaufen vor. Diesen Anleger fahre ich selbst. Lohme ist mit 45 Fuß nicht zu verachten, auch weil am Morgen in der Hochsaison der Hafen sicher proppenvoll sein dürfte. Ist er auch.

0800 – Wir ergattern noch ein Plätzchen am Fischersteg, direkt gegenüber der Einfahrt. Ich kläre die Lage mit dem Hafenmeister, der gibt seine Zustimmung, wir können bis morgen früh dort liegen bleiben. Danke. Seit Simrishamn waren es 66 Seemeilen, davon konnten wir 42 Seemeilen segeln.

Dann heißt es duschen und Frühstück. Adi, Stephan und Susanne machen sich im Anschluss auf den Weg zum Königsstuhl. Der Rest von uns legt sich anschließend noch ein wenig hin.

Nachmittags genießen Susanne, Peter und ich im Cafe Niedlich ein paar schöne Stunden. Und am Abend besuchen wir die Gaststätte „Daheim“. Alle stimmen zu, das Essen ist sehr gut, aber diese Portionen sind mächtig.

2200 – Nachtruhe, wie merkwürdig, doch ab morgen haben wir nur noch Tagestörns.

Tageswerte: 576,1 sm, davon 312,5 sm gesegelt.

 

Mittwoch, 12. August 2015 – Lohme/Rügen à Stralsund

Wetterprognose DWD vom 12.08.15 0533 Ortszeit für die westliche Ostsee

Boddengewässer Ost: NW – N 3 – 4 Bft, im Laufe der Nacht nordost-drehend

0850 – Susanne dreht die „Marie Joelle“ am Steg, dann kann sie vorwärts raus fahren. Vor dem Hafen kommen die Segel hoch, schon geht’s parallel zur Küste ostwärts. Es wird ein entspannter Tagestörn. Jeder kommt auf seine Kosten am Ruder und ehrgeizig versuchen wir bis zur Ziegelgrabenbrücke im Strelasund aufzukreuzen. Doch um noch rechtzeitig die Brückenöffnung zu erwischen muss dennoch der „Volvo-Wind“ helfen.

1815 – Leider sind wir dann doch eine dreiviertel-Stunde zu spät.

Also gibt’s an Bord zu Abend „Reste von gestern“. Ich muss sagen, dank Stephan war es eines der besten Reste-Gerichte, die ich je gegessen habe. Die Wartezeit am Pier des Bauhofes wird mit der Ziegelgrabenbrücke im Licht des Sonnenuntergangs sehr romantisch. Es ist ein verzaubernder Anblick und an Bord schweigen alle und genießen den Moment.

2205 – Wir sind fest im Kommunalhafen der Hansestadt Stralsund. Genau gegenüber der „Gorch Fock1“ und hinter einem Touristensegler. Heute haben wir 51,9 Seemeilen zurückgelegt, das kommt uns merkwürdig wenig vor. Wir versuchen noch ein „Störtebeker“ im Klabautermann zu erhaschen, doch dort ist wegen Reichtum jetzt schon zu. Hallo? Es ist Hochsaison!

Glück haben wir dann im „Ristorante Bellini“, wo wir noch ein Gläschen bekommen. Morgen wollen wir einen Stadtbummel machen und die Führung genießen, bevor wir nach Vitte fahren. Zusätzlich will sich Almuth mit uns treffen.

Tageswerte: 601,8 sm, davon 339,5 sm gesegelt.

Donnerstag, 13. August 2015 – Stralsund à Vitte/Hiddensee

Wetterprognose DWD vom 13.08.15 0528 Ortszeit für die westliche Ostsee

Boddengewässer Ost: N 3 – 4 Bft, im Laufe der Nacht nordost-drehend

Nach dem Frühstück gehen meine Mitsegler los. Sie werden die Stadtführung mitmachen. Ich bin an Bord mit Almuth verabredet und wir beide schnacken bis zum vereinbarten Zeitpunkt, wo wir uns mit dem Rest am Fischimbiss treffen. Am Ende hat jeder seinen Vormittag optimal genossen.

1230 – Susanne legt ab und fährt aus dem Hafen. Ein kurzer Blick zum Verklicker sagt mir, heute ist Motorboot angesagt. Pech. Die anderen glauben es dennoch erst nach einem Blick auf die Seekarte.

Beeindruckt sind alle von der Enge des Fahrwassers im Bodden. Besonders die beiden Engstellen im Kubitzer und Schaproder Bodden faszinieren immer wieder.

1630 – Wir sind fest im Kommunalhafen von Vitte/Hiddensee. Wir liegen außen an einer schönen Motoryacht. Gemeinsam mit Stephan gehen Peter und ich auf die Westseite der Insel. Eigentlich wollten wir baden. Doch das Wasser ist eisig. Auch Peter und Moni sind sehr bald wieder aus dem Wasser raus. Als wir zum Boot zurückkommen, bemerken wir einen Flusskreuzfahrer direkt hinter unserem Heck. „Auf das Ablegemanöver morgen freue ich mich schon besonders.“ geht mir durch den Kopf.

Das Abendessen im „Godewind“ wird noch einmal ein Erlebnis der Sinne. Es folgt ein beschaulicher Abend an Bord. Wir lassen die Reise langsam ausklingen. Doch ein Highlight erwartet uns noch.

Tageswerte: 617,6 sm, davon 339,5 sm gesegelt.

Freitag, 14. August 2015 – Vitte/Hiddensee à Breege/Rügen

Wetterprognose DWD vom 13.08.15 0528 Ortszeit für die westliche Ostsee

Boddengewässer Ost: NE 2 Bft, im Laufe des Tages zunehmend

Stephan hat sich von meinen Worten zum Leuchtturm Dornbusch zu einem morgendlichen Joggingausflug animieren lassen. Er schickt mir früh am Morgen via Facebook-Messenger ein tolles Bild vom Sonnenaufgang am Dornbusch. Mich überrascht bei diesem sportlichen Mann überhaupt nichts mehr.

Ich kümmere mich inzwischen um den Frühstückstisch. Zum ersten Mal auf dieser Reise essen wir wirklich unter Deck! Kurios.

Im Anschluss erkläre ich, wie ich vorhabe, uns hier heraus zu zirkeln. Das Manöver dürfte heikel werden. Da uns gegenüber drei Yachten im Päckchen liegen, an unserem Heck ein Fahrgastschiff liegt und ich nicht weit drehen kann. Ich muss also wie ein Pendel das Boot seitwärts versetzen. Die Möglichkeit anzustoßen, ist an vielen Stellen gegeben.

0845 – Wir sind raus, das Manöver hat geklappt und ich bin dennoch schweißgebadet. Die letzten Meilen nach Breege werden dafür sehr entspannend, auch wenn wir nicht mehr segeln können. Zu wenig Wind von vorn ist doof. Zu viel erst recht!

1230 – Wir sind fest in Breege. Das Ende der Reise. Mir klemmt ein Kloß im Hals! Ich gehe eine Runde durch den Hafen und dann beginnt der übliche Abschusspapierkrieg. Seemeilennachweise und Meilenbücher. Dann die Rücknahme der Yacht, die Kollegin war sehr freundlich dabei. Wir packen schon die Taschen soweit es geht.
Anschließend besorgen wir Tickets für die Überfahrt nach Ralswiek. Wir werden mit der „Wappen von Breege“ zu den „Störtebeker-Festspielen“ nach Ralswiek übersetzen.

1800 – Wir legen in Breege an, als Zuschauer. Dann genießen wir die Überfahrt im geheizten Salon, bei einer heißen Schokolade. Wir klönen und lassen die spannende Reise revue passieren.

Die Festspiele beeindrucken alle, und die Rückfahrt nach Breege an Deck werden wir sobald auch nicht vergessen.

Samstag, 15. August 2015 –Breege/Rügen

Um 0900 haben wir die „Marie Joelle“ ausgeräumt. Ein Frühstück noch im Steghaus und dann heißt es Abschied nehmen. Es waren 12 wunderschöne Tage.

Danke, an die Crew, das Schiff und alle Götter, die uns solch tolles Wetter geschenkt haben.

Tageswerte: 631,4 sm, davon 339,5 sm gesegelt.

Die Route der "Marie Joelle"

Die Route der „Marie Joelle“

Fotoalbum zur Reise auf Facebook    http://www.segeln-mit-herz.de    wir auf YouTube

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Von „kleinen Drachen“ und der „Freiheit“ auf der Nordsee – Woche Zwei


< — … was bisher geschah.

Freitag, 18. Juli 2014 – Stavoren

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 18.07.2014, 03:58 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:58 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 2 bis 3 Windstärken, aus Südost (Southeast), 32°C
  • 2000 bis 0800: Wind 3 bis 4 Windstärken, aus Südost (Southeast), 22°C

0600 – Wind, 2 Windstärken aus Ost (East), Lufttemperatur jetzt schon 23°C, Himmel blau und wolkenlos. Langsam gehe ich über den Steg zur Dusche. An Bord herrscht bereits emsiges Treiben. Die Taschen werden gepackt, Frühstück wird gemacht und nebenbei immer wieder ein Blick ins Lehrbuch geworfen. Kurz, es ist Prüfungsmorgen. Ich habe mich dem bewusst entzogen. In aller Ruhe dusche ich, bevor ich zum Essen an Bord zurückkehre. Auf dem Rückweg grinse ich Franz an und winke Chris zu, der noch ein wenig verschlafen unterwegs zur Dusche ist.

0830 – Ich starte den Motor und fahre die „Fuchur“ hinüber zum Steg „A“, lege meinen „Drachen“ hinter der „Hürriyet“ an und versuche nun ganz cool und entspannt zu wirken. Innerlich bin ich nervös und hoffe, dass heute alles klar geht, dass niemand in der Aufregung ein falsches Kommando gibt, sich nicht am Rad verdreht und sich auch nicht um Kopf und Kragen redet. Der Klönschnack mit Chris, Martin und Franz lockert mich wieder auf. Martina habe ich nur eine kurze SMS geschickt. Jetzt reden, das wird nix.

1015 – Wir haben die Prüfer an Bord und laufen aus. Kurz gesagt, es haben alle vier bestanden. Die Prüfer haben durchaus auch ein paar mehr Hühneraugen zugedrückt. Ich kann nicht sagen, ob ich alle Pannen „übersehen“ hätte. Dennoch kann ich meinen Schützlingen mit einem lachenden und weinenden Auge zur bestandenen Prüfung gratulieren. Ich freue mich ehrlich für sie. Und ich bin sicher, dass keiner von ihnen leichtsinnig sein wird.

1140 – Wir legen an der Tankstelle an, bunkern den verbrauchten Diesel, dann fahre ich den kleinen Drachen in seine Box. Mir wird das Herz schwer, als meine drei Jungs mit Ute von Bord gehen. Doch der Abschied muss ja sein. Ich muss auch noch auf die „Hürriyet“ umziehen, Wäsche waschen und möchte auch ein paar freie Stunden haben. Martina schicke ich schnell eine SMS. Dann geht der Umzugsstress los.

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Mein Schlafsack lüftet in der Sonne aus.

Meilenkonto Fuchur-Reise: 180,2 sm, davon 95,9 sm gesegelt.  

1300 – Während die erste Waschmaschine läuft, trage ich den Rest meiner Sachen auf die „Hürriyet“. Ansehen muss ich mir nicht mehr viel. Zum Glück habe ich gestern schon das Schiff kennen gelernt. Kurz vor 1400 kann ich meine Wäsche in den Trockner stecken und stelle auch gleich die zweite Waschmaschine an. Dann flitze ich zum Schiff und ziehe mich um.

1430 – Ich bin mit Franz in seinem Cabrio unterwegs zum Mittagessen und wir unterhalten uns über „Gott und die Welt“. Schweigen ist auch schön. Bei 30°C mag man auch irgendwie nicht viel machen. Auf dem Rückweg fahren wir noch beim „Coop“ ran. Ich benötige einige Drogerieartikel und mag auch eine Postkarte für meinen Schatz holen. Anschließend reservieren wir für den heutigen Abend Tische bei Kristina.

1630 – Wir sitzen auf der „PIM“ und planen die kommende Woche. Franz möchte sich hinsichtlich der Route nicht festlegen. Chris und ich wollen nach Vlieland. Also werden die „Lucky Spirit“ mit Chris und ich auf der „Hürriyet“ gemeinsam fahren. Treffpunkt mit Franz wird kommenden Mittwoch in Hindeloopen sein. Wir checken noch gemeinsam die Tidenverhältnisse und die Wetterprognosen für die kommenden Tage. Über dem östlichen Atlantik zieht gerade ein kräftiges Tief heran. Ab Sonntag oder Montag ist also deutlich mehr Wind zu erwarten.

1800 – Pünktlich begrüßt Chris unsere versammelten Crews. 16 neugierige Gesichter blicken uns an. Chris erklärt den allgemeinen Ablauf der kommenden Woche und stellt das Revier sowie Sailing Island vor. Danach teilen wir die Crews auf, ein Crewmitglied von mir fehlt. Als ich sie anrufe, stellt sich heraus, dass sie wohl doch storniert hat. Also sind wir auch in dieser Woche nur zu fünft an Bord. Heidemarie und Gisbert sind ein Paar. Die beiden werden also die Hochzeitssuite im Vorschiff beziehen. Christian darf sich über eine Einzelkabine freuen, die er achtern backbord bezieht. Ok ok, die Reisetaschen von Simone und mir ziehen bei ihm mit ein, während ich mir mit Simone die Steuerbordachterkabine teilen werde.

Kaum an Bord besprechen wir die Einkaufsliste und die erste Essensplanung. Ich lasse die vier so weit wie möglich selbst erarbeiten, was wir in der kommenden Woche benötigen werden. Nur wenige Anregungen muss ich einfließen lassen. Zwanzig Minuten später sind sie unterwegs zum Einkaufen. Simone bleibt mit an Bord und räumt schon ihre Sachen ein.

1940 – Unsere Einkäufer sind zurück. Erneut bauen wir eine Stafette auf und verstauen die Lebensmittel an Bord. Die Wasserflaschen bleiben in den Backskisten im Cockpit. Eine halbe Stunde sind wir beschäftigt, dann können wir zum Abendessen gehen. Während des Essens tauschen wir uns über unsere Erwartungen aus. Gisbert ist der einzige Prüfling an Bord. Heidemarie möchte lernen, ihren Mann im Notfall zu retten und alle weiteren Fertigkeiten, die sie benötigt, um mit ihm gemeinsam segeln zu können. Die beiden wollen bald ein eigenes Boot kaufen. Innerlich seufze ich, denn das ist die bei Paaren typische Konstellation. Christian ist aktiver Leistungssportler und hat bereits den SKS in der Tasche. Er möchte seine Kenntnisse vertiefen. Simone mag erst einmal herausfinden, ob segeln überhaupt etwas für sie ist.

Das weitere Gespräch kreist um Beruf, Familie, Allgemeines und wir haben noch lange viel Spaß. Im Kopf gelingt es mir langsam, meine „Drachencrew“ gegen die neue Crew der „Hürriyet“ auszutauschen.

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Revierkunde

Auf dem Heimweg habe ich jetzt endlich eine halbe Stunde Zeit, in Ruhe mit meinem Schatz daheim zu telefonieren. Um 2300 mache ich den letzten Logbucheintrag für heute. Wind ENE 2 (Ostnordost mit 2 Windstärken), Temperatur 18°C, Himmel b, Cc (blue Sky, Cirrocumulus – hohe Haufenwolken), Luftdruck 1013hPa, leicht fallend. Damit steht fest, dass sich das Tiefdruckgebiet langsam nähert.

 

Samstag, 19. Juli 2014 – Stavoren

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 19.07.2014, 03:30 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:30 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind im Ijsselmeer E 3-4, bei Texel E 3-4
  • 2000 bis 0800: Wind bei Texel E 3-4, Böen bis 35kn (Windstärke 8), Gewitter, Hagelrisiko
  • Tiden:
  • Harlingen:  Hochwasser: 0336 und 1550;  Niedrigwasser: 1036 und 2306
  • Den Oever:  Hochwasser: 0224 und 1455; Niedrigwasser: 0846 und 2126
  • Oudeschild: Hochwasser: 0147 und 1425;  Niedrigwasser: 0806 und 2035

0600 – Die Nacht über war es sehr stickig und schwül unter Deck. Durchgeschwitzt werden wir wach. Mein Nachthemd hänge ich an die Reling zum Trocknen und Auslüften, meinen Schlafsack über den Großbaum, Simones gleich daneben. Dann gehe ich zur Dusche. Eine halbe Stunde später bin ich wieder an Bord. Ich setze das Kaffee- und Teewasser auf, decke gemeinsam mit Christian den Tisch und schneide Obst für das Müsli. Simone stößt zu uns.

Kurz nach 0700 sitzen wir alle mehr oder weniger wach am Tisch. Langsam lenke ich die Gespräche auf die ersten Einweisungsthemen. Wir reden über die Seekrankheit, das Wetter, Wassereinbruch und Feuer an Bord. Warum Ordnung und Sauberkeit lebenswichtig sein können und dass auch Brotkrumen, wenn sie in der Bilge landen und die Lenzpumpe verstopfen, lebensbedrohlich werden können.

0830 – Die Backschaft ist gemeinsam schnell erledigt. Nun sehen wir uns das Schiff unter und über Deck an, setzen die Segel zur Übung am Steg, lernen den Umgang mit den Winschen und allmählich vervollständigt sich so die Schiffs- und Sicherheitseinweisung.

1030 – Ich bitte Gisbert und Heidemarie sich so hinzustellen, dass sie beide das folgende Manöver beobachten können. Ich untersage ihnen, irgendwo einzugreifen. Es ist mir wichtig, dass sie nur zusehen. Dann starte ich die Maschine und lege den Vorwärtsgang ein. Sofort stemmt sich die „Hürriyet“ in die Achterleinen. Mit Christian löse ich die Vorleinen und räume sie auch gleich auf. Auf dem Rückweg nach achtern legen wir die Fender an Deck. „Nachher werden die noch komplett weggeräumt; jetzt fahren wir aber erst einmal raus“, ergänze ich dabei.
Nun lasse ich die Backbordachterleine „auf Slip“ nehmen und mache dies selbst mit der Steuerbordachterleine. Ich erhöhe die Drehzahl um 200 Umdrehungen und fiere langsam die Leine. Im selben Maß lasse ich Christian die Leine an Backbord fieren. Die „Hürriyet“ bewegt sich langsam und kontrolliert vorwärts. Ich greife um, führe die Leine nur noch mit der rechten Hand, meine linke liegt am Ruder. Als die Yacht zur Hälfte aus der Box ist, reduziere ich kurz die Drehzahl und lasse meine Achterleine los. Christian weise ich an, seine Leine einzuholen. Ich fahre eine behutsame Linkskurve und als ich in der Boxengasse geradeaus fahren kann, gebe ich Gas. Bewusst hole ich jetzt erst die Steuerbordachterleine ein. „Seht ihr, wie wir die Leine nachschleppen? Solange wir jetzt nicht stoppen oder rückwärts fahren, kann diese Leine nicht in die Schraube kommen.“ Mit diesen Worten hole ich schnell die Leine ein und werfe sie klatschend auf die Cockpitsitzbank. Langsam fahre ich aus dem Hafen.

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Erste Manöver, volle Konzentration

Vor dem Hafen gehe ich auf Kurs 290°, das ist fast der direkte Kurs nach Den Oever und übergebe Simone das Ruder. „Versuche immer so zu fahren, dass der gelbe Strich vom Kompass auf die 290 zeigt“, weise ich sie an. Dann drehe ich mich zu den anderen um und rufe grinsend: „Aufräumen!“ Jetzt schnappe ich mir meine unordentliche Achterleine. Während ich diese aufschieße, beobachte ich, wie sich meine Crew an Bord bewegt und mit den Leinen und Fendern arbeitet. Ein Auge ist dabei regelmäßig bei Simone am Ruder und immer wieder folgt ein kurzer Rundumblick. Zehn Minuten später sind die Leinen aufgeschossen und in der Backskiste verstaut. Die Fender hängen an der achteren Reling.

Mein Blick geht am Mast hoch zum Verklicker; dieser zeigt nach Nordosten (NE). „Klar machen zum Segel setzen. Christian vor an den Mast, Gisbert an die Großschot“, lautet mein Kommando. Ich selbst nehme mir das Großfall. „Simone, der Pfeil an der Mastspitze zeigt bitte immer nach vorn“, erkläre ich ihr ihre Aufgabe am Ruder. Als alle auf Position sind, folgt das nächste Kommando. „Heiß auf Großsegel!“ Langsam steigt unser Großsegel am Mast empor. Wenige Minuten später stehen 40m² Segeltuch. Die Yacht neigt sich auf die Backbordseite. „Gut gemacht! Danke an alle. Simone, ein wenig nach links fahren.“ – „Gut so, jetzt diesen Kurs geradeaus.“ Dabei gehe ich nach achtern. Ich mache die Maschine aus. Wir segeln. Ein schöner Am-Wind-Kurs! „Jetzt holen wir noch den Turbo raus. Klarmachen zum Setzen der Genua“, ist mein nächstes Kommando. „Heidemarie, du gehst an die Backbordvorschot.“ Ich setze mich hinter sie an die Vorsegelreffleine. Nun lasse ich sie mit „Heiß auf Genua an Backbord!“ die Vorschot ziehen und winschen. Gleichzeitig gebe ich kontrolliert die Reffleine nach, bis auch die 42m² der Genua straff an Backbord stehen. Jetzt haben wir 82m² Segelfläche gesetzt. Am Heck gurgelt das Wasser, Simone macht ihren Job am Ruder noch ganz gut, doch es ist ihr anzumerken, dass sie sich sehr konzentrieren muss. „Aufräumen!“, lautet mein nächstes Kommando. Dabei stelle ich mich neben Simone, bereit, am zweiten Rad jederzeit eingreifen zu können. Wie praktisch, eine Doppelruderanlage zu haben.

1100 – Nachdem alle sich im Cockpit versammelt haben, führe ich eine Feedbackrunde durch. Jeder muss beschreiben, was er getan hat und was er von seiner Position aus wahrnehmen konnte. Dabei gehen wir das Manöver step by step durch.

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Die „Lucky Spirit“ vor dem Segel setzen.

Ich habe nebenbei die Umgebung und meine Steuerfrau im Auge. Steuerbord voraus ist die „Lucky Spirit“, die schnellste Yacht der Schule. Christian hängt uns problemlos ab. Ich akzeptiere, dass er deutlich vor uns in Den Oever sein wird. Im Anschluss an die Feedbackrunde lasse ich Simone am Ruder ablösen. Sie hat heute zum ersten Mal eine 12-Meter-Yacht gesteuert und sich dafür gut gehalten.

Nun hole ich mir einen Kaffee und einen Schokoriegel. Dann setze, ich mich ins Cockpit lächle Gisbert an und frage ihn: „Wo sind wir eigentlich und wie kommen wir denn nun nach Den Oever? Passt unser Kurs überhaupt noch und wann sind wir voraussichtlich da?“ Mir ist bewusst, dass unser Kurs eher auf den Breezand im Abschlussdeich zielt. Doch bis dahin ist noch mindestens eine Stunde Zeit. Gisbert sieht mich überrascht an. Also erkläre ich die Aufgabenstellung neu. „Position in der Karte eintragen, Kurs auf die Tonnen WV 11 und 12 absetzen und ETA, das ist die estimated time of arrival, die voraussichtliche Ankunftszeit, bestimmen.“ Ich lehne mich zurück und tue so, als würde das interessanteste der Welt unser Kielwasser sein. Meine Sinne jedoch sind maximal scharf gestellt. Ich habe den Rudergänger im Auge. Christian schlägt sich sehr gut. Simone genießt das schöne Wetter, denn inzwischen haben wir 26°C und einen blauen Himmel mit Schäfchenwolken. Heidemarie schaut irritiert und Gisbert geht langsam an die Karte. Wir sind in ausreichendem Abstand zu den immer mehr auftauchenden anderen Booten. Auf dem Ijsselmeer ist man eben nie allein.

Demonstrativ trinke ich meinen Kaffee aus und sage laut: „Ich hole mir noch einen Kaffee. Will noch jemand einen Riegel oder eine Banane?“ Dabei gehe ich zum Niedergang. Ich sehe Gisbert an der Karte stehen. Er wirkt ratlos. Ich mag ihm aber noch nicht alles vormachen. Mir ist wichtig, dass sich meine Schüler möglichst viel Wissen selbst erarbeiten. Dabei bleibt mehr hängen und das hebt das Selbstbewusstsein. Also starte ich einen anderen Versuch. Ich lasse Christian von Heidemarie am Ruder ablösen und frage ihn: „Traust du dir zu, den Kurs und die ETA zu bestimmen?“ Er nickt. Also übernimmt Heidemarie das Ruder und Christian gesellt sich zu Gisbert.

1130 – Heidemarie überrascht mich total; sie hat ein geniales Gefühl für das Ruder. Schon nach zehn Minuten lasse ich sie allein und gehe unbesorgt nach unten zu meinen zwei Navigatoren. Die beiden haben inzwischen einen Ort und einen Kurs in der Karte eingetragen. Ihnen ist jedoch entgangen, dass wir nicht auf ihrer gewünschten Kurslinie, sondern immer noch am Wind mit einem Kurs von 335° auf den Abschlussdeich zufahren. „Und nun, welche Konsequenzen hat diese Erkenntnis?“ Es dauert eine Weile, bis ihnen auffällt, dass wir immer noch den Kurs vom Setzen der Segel fahren und damit klar wird, dass wir den Kurs ändern müssen.

„HEIDEMARIE, NEUER KURS 230°“, rufe ich ihr zu und gehe dabei an Deck, um die Einstellung der Segel vorzunehmen. Langsam fallen wir ab, der Wind kommt immer mehr von achtern, bis aus dem rauschenden Am-Wind-Kurs ein sehr gemütlicher Raumschotkurs geworden ist. Heidemarie hat die Kursänderung gefahren wie ein alter Steuermann. Ich bin stark beeindruckt. „Und du hast wirklich noch nie gesteuert?“, frage ich sie. „Nö, ist das erste Mal“, lautet ihre Antwort.

1145 – Leider erreichen wir auf dem neuen Kurs nur noch 2,5 Knoten über Grund, der Wind hat auch deutlich abgenommen. So wären wir zu spät an der Schleuse, um mit günstigem Strom nach Texel zu fahren. Dennoch lasse ich meine beiden Jungs erst noch die ETA berechnen. Sie kommen schnell auf das Ergebnis. „Wir sind zu spät da“, informieren sie mich. Für die Konsequenz reicht ihre Entschlusskraft aber noch nicht aus. „Es hilft nichts, Segel runter, Motor an!“, treffe ich die „böse“ Entscheidung. Gemeinsam mit Simone rolle ich die Genua weg. Dann teile ich meine Schäfchen neu ein. Gisbert geht an den Mast, Simone an die Großschot und Christian an das Großfall. „Lass fallen Groß!“, kommt deutlich hörbar mein Kommando. Kaum ist das Segel im Lazybag, weise ich Heidemarie an: „230°, 7 Knoten Fahrt.“

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Alles klar zum Einlaufen

1330 – Wir hatten echt Glück. Kaum waren wir an der Schleuse, kamen wir auch direkt rein und konnten durchschleusen. „Willkommen im Wattenmeer“, gratuliere ich meiner Crew. Wir sind inzwischen etwas spät dran. Dennoch können wir hier draußen wieder segeln. Auch wenn die 2 bis 3 Windstärken uns nur 3 Knoten Fahrt durch das Wasser gönnen, schaffen wir aufgrund des Gezeitenstromes 5,8 Knoten über Grund.

Inzwischen steht Gisbert am Ruder. Er hat einen schweren Job. Steuern im Strom ist keine leichte Aufgabe. Doch nach einer Stunde hat er sich gut eingesteuert. Ich kalkuliere währenddessen unsere Strecke voraus. Mir ist es wichtig, dass wir noch ein wenig segeln und nicht schon wieder „dieseln“. Aufgrund der Tidenverhältnisse können wir es uns trotz des 1,86m Tiefgangs leisten, an der Tonne M12 zu schnippeln. Wenn wir in einer Stunde dort sind, haben wir zur Kartentiefe von 1,4m noch 1,6m Höhe der Gezeit. Das bedeutet, dass das Wasser in Wirklichkeit noch 3,0m tief ist. Ich erkläre Christian, wie ich das berechnet habe, zum einen nach den Gezeitentafeln und zum anderen nach der Zwölferregel.

1520 – Über Den Helder im Westen bauen sich Gewitterwolken auf. Wir bergen nun doch die Segel und fahren unter Maschine nach Oudeschild. Sicher ist sicher. Eine Stunde später laufen wir in Oudeschild ein. Christian ruft uns auf dem Funkgerät. Wir sollen uns beeilen, der Hafen ist gerammelt voll. Also drücken wir auf die Tube und dürfen als letztes Boot noch nach ganz hinten in den Hafen einlaufen.

1630 – Das Anlegemanöver wird ein wenig kitzlig, immerhin sieht es so aus. Mir macht es Spaß, die „Hürriyet“ auf der Stelle zu drehen und behutsam an der „Lucky“ anzulegen. Die „Lucky-Jungs“ schauen aufmerksam dem Manöver zu. Ich bin stolz auf meine Millimeterarbeit. Als wir fest sind, reicht unser Landstromkabel nicht an den Steg. Wir sind das fünfte Boot. Später bekommen wir noch einen Außenlieger. Damit haben wir dann ein Sechserpäckchen gebaut. Ich kühle mich erst einmal mit einem Sprung in den Hafen ab. Die Heckdusche der „Hürriyet“ übernimmt die Grobreinigung, bevor ich zur Duschanlage gehe.

1800 – Die Gewitterwolken rücken ganz langsam näher. Wir beginnen also das Päckchen ordentlich zu verzurren und bereiten unser Abendessen. Heidemarie hat eine leckere Nudelpfanne gezaubert. Den Abend verbringen wir anfangs noch im Cockpit mit Wein und Gesang. Als der Regen einsetzt, verziehen wir uns unter Deck. Die Luft kühlt sich angenehm ab und wir freuen uns auf eine erholsame Nacht.

Ich suche mir nach dem Gewitter noch eine ruhige Ecke im Hafen. Endlich kann ich mal länger mit Martina telefonieren. Die Roominggebühren sind mir egal, sie fehlt mir. Eine Stunde später kehre ich an Bord zurück, nehme mein Buch und freue mich, noch eine halbe Stunde zu lesen, bevor wir schlafen.

Doch kaum sind wir in den Schlafsäcken, schnattern Simone und ich noch eine ganz Weile über den heutigen Tag. Wir meinen, dass wir leise sind und denken nicht daran, dass Christian in der Nachbarkabine jedes Wort durch die dünne Sperrholzwand hören kann. Ob er rot geworden ist?

Meilenkonto: 22,5 sm, davon 11,6 sm gesegelt.

 

Sonntag, 20. Juli 2014 – Oudeschild/ Texel

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 20.07.2014, 03:44 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:44 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 1 bis 3 umlaufend
  • 2000 bis 0800: Wind bei Texel NW 3-4, Böen bis 35kn (Windstärke 8), Gewitter, Hagelrisiko Morgen auffrischend 5 bis 6 Windstärken, in Böen 8
  • Tiden:
  • Harlingen: Hochwasser: 0357 und 1624;  Niedrigwasser: 1116 und 2356
  • Vlieland:     Hochwasser: 0325 und 1551; Niedrigwasser: 0937 und 2210
  • Oudeschild:   Hochwasser: 0230 und 1505;  Niedrigwasser: 0835 und 2126

0130 – Das Gewitter ist da. Sturmböen zerren an den Festmacherleinen und unser Boot bewegt sich merklich. Ich stehe kurz auf, mache einen Rundblick und gehe dann wieder in die Koje. Simone dreht sich kurz um als ich wieder unter meinen Schlafsack rutsche und schläft auch gleich wieder ein. Da wir nicht vor 1000 auslaufen werden, stelle ich meinen Wecker neu und lege mich wieder hin.

0700 – Eine Stunde länger schlafen, das hat heute richtig gut getan. „Ist ja auch Sonntag“, sage ich grinsend zu Simone. „Haha, wenn die Tide anders stünde, wären wir sicher auch früher aufgestanden“, kontert sie. „Niemals!“, versuche ich mich rauszureden, doch sie hat die Situation hundertprozentig erkannt. Zeitgleich mit uns kommt Christian aus seiner Kabine. Er hat schon seine Laufkleidung an und verschwindet erst einmal zum Joggen.

Heidemarie ist bald emsig in der Kombüse beschäftigt. Ich stehe an Deck, meine Teetasse in der Hand und sehe mir den Himmel an. Die Wolkenfront im Nordwesten macht mich nervös. Ich beschließe, mir die weitere Entwicklung anzusehen. Ich mag jetzt noch keine Entscheidung treffen. „Wait and see“, murmele ich. „Hä? Was hast du gesagt?“, meint Chris hinter mir auf der „Lucky Spirit“. Auch er steht an Deck. Ich hatte ihn gar nicht wahrgenommen. Mit dem Kopf deute ich auf die Wolkenwand. „Paragraph 1 der Seefahrt. Wait and see“, meine ich. „Lass uns das vor dem Auslaufen noch mal ansehen und darüber reden“, antwortet er. Ich stimme zu und gehe zum Frühstück.

Gegen 0830 wollen die Innenlieger raus. Wir legen kurz ab. Ich hänge mich mit der Mittelspring an die Außenseite einer Stegbox, während Chris sich mit der „Lucky“ unter Maschine auf der Warteposition hält. Kaum ist die auslaufende Motoryacht weg, lege ich wieder außen an der „Lucky“ an. Mit Christian gehe ich auf den Deich, höhere Stellen wird man hier selten finden, und wir sehen uns das Wolkenband in Ruhe an. Die Zugrichtung in der Höhe weicht vom Bodenwind ab. Die Wolken ziehen mehr nach Norden an uns vorbei. Das ist doch eine schöne Information. Dennoch verwerfen wir die Idee, nach Vlieland zu fahren, denn wenn es morgen wirklich starkwindig wird, kommen wir vor Vlieland nicht zum Üben.

Es bleibt nur die sinnvolle Entscheidung, heute wieder ins Ijsselmeer zu fahren. „Na dann, zurück zur grünen Wiese“, versuche ich mit Humor die Enttäuschung zu überspielen. „Kopf hoch, Mädel, verschoben ist nicht aufgehoben.“ Nickend stimme ich Christian zu. „Lass uns nach Makkum fahren, da war ich bisher nur in der Marina“, schlage ich vor. Chris greift die Idee sofort auf und weiß auch einen tollen Liegeplatz für uns. Also fahren wir heute nach Makkum.

1100 – An Bord informieren wir die Crews über unsere Entscheidung. Aus Zeitgründen versuchen wir gar nicht erst bis Kornwerderzand zu segeln. Wir sind am Ende des Zeitfensters, um nach Kornwerderzand zu fahren, und dürfen jetzt nicht durch Spielen wertvolle Zeit verlieren. In drei Stunden kippt der Strom. Wenn wir jetzt fix durch die Schleuse sind können, wir vor Makkum noch länger üben.

1130 – Im Kielwasser mit der „Lucky Spirit“ verlassen wir Oudeschild. Als meine „Navigatoren“ einen Bogen fahren, überholen uns Chris und seine Jungs in der Innenkurve. Nun fahren wir der „Lucky Spirit“ hinterher. Ich lasse unterwegs Kreuz- und Versegelungspeilungen üben. Unser GPS-Gerät und alle Redundanzsysteme sind natürlich „ausgefallen“. Also müssen meine Jungs „händisch“ navigieren. Das ist zwar anstrengend, aber ich weiß, wenn sie es jetzt nicht üben, werden sie sich später immer aus Bequemlichkeit darum drücken.

1405 – Wir sind an der Schleuse Kornwerderzand. Dutzende Boote liegen bereits wartend vor der Schleuse. Einige Yachten ankern bereits. „Was´n hier los?“, rutscht es mir raus. Ich nehme das Handy zur Hand und rufe Chris an. „Hast Du eine Ahnung, was hier vorgeht?“ Die Antwort kommt prompt: „Die haben einen technischen Defekt an der Brücke; lass uns irgendwo festmachen.“ Es ist prima, dass Chris nahezu fließend niederländisch spricht. Ich tue mich da noch schwer.

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Geduldsprobe vor Kornwerderzand

Vorsichtig manövriere ich das breite Heck meiner „Hürriyet“ zwischen zwei niederländische Yachten an den Steg. Chris hängt seine „Lucky“ wiederum mit dem Heck an unsere Backbordbugklampe. An Steuerbord hängt bald eine weitere Yacht. Es ist eine X-Yacht. Mein Herz hüpft vor Begeisterung – dänische Bootsbauerkunst! Meine Schüler erhalten einen kleinen Vortrag über die Qualität skandinavischen Bootsbaus. Wohl wissend, dass ich mit den Niederlanden in einem Land bin, wo es auch zahlreiche gute Yachtwerften gibt.

1500 – Wir haben Stauwasser, die Yachten in ihren losen Päckchen beginnen zu Vertreiben. Uns bleibt nur eine Lösung. Wir müssen uns anderswo hinlegen. Die Yachten, die an uns hängen, werden informiert. Kurz darauf laufen wir an den treibenden und schwoienden Yachten vorbei. Ganz vorn am Fischer können wir ordentlich im Päckchen festmachen. Wir liegen mit der „Hürriyet“ innen, dann folgt Chris mit der „Lucky“ und ganz außen hängt sich Jens mit seiner „Generation X“ dran. Somit liegen hier auch drei SF-Foristen zusammen.

Es beginnt eine Zeitvertreibsblödelei. Immerhin ist das Wetter herrlich. Wind 3 Windstärken aus West, sonnig mit 28°C. Ich ärgere mich über die vertane Übungszeit.

1620 – Endlich geht die Brücke auf. Jens wirft die Leinen los, ich nehme Chris im Päckchen als Schlepp mit durch die Brücke. Die „Hürriyet“ schafft problemlos beide Schiffe. Vor der Schleuse trennen wir den Schleppverband und legen an. Ich gehe fix unter Deck auf die Toilette. Währenddessen meint ein niederländischer Skipper, wir sollten uns noch einen oder zwei Meter vorwärts verholen. Als meine Crew nicht schnell genug reagiert, entert er unser Schiff und beginnt meiner Crew Anweisungen zu geben.

Ich merke nur, dass die „Hürriyet“ andere Bewegungen macht als erwartet. Schnell bin ich vom Klo runter und sichere meine Yacht. Die Treidelbewegungen lasse ich sofort stoppen! Das Boot wird viel zu schnell nach vorne gezogen. Dabei schleift das Heck die ganze Zeit am Beton entlang, weil an der Achterleine stärker als an der Vorleine gezogen wird und niemand auf die Fender achtet!

Ich will nach vorne einen Sicherheitsabstand von zwei Metern haben, da die Boote in der Schleuse immer ein wenig treiben. Die Beschädigung am Heckkorb, die beim Schleifen an der Betonwand der Schleuse entstand, lässt sich nun nicht mehr rückgängig machen. Ich bin sauer, richtig sauer!! Ich kann es nicht fassen, wie schnell sich vier Erwachsene Menschen von einem Hobbyskipper Anweisungen geben lassen. Während der Schleusung spreche ich kein Wort mehr als für die Manöver nötig sind.

1640 – Wir sind unterwegs nach Makkum. Ich werde heute nicht mehr üben. Mit der Crew steht erst einmal ein klärendes Gespräch an. Die Fahrtdauer nach Makkum nutzen wir für die Aussprache. Es ist mir jetzt sehr recht, dass die „Lucky“ vorausfährt. Ich folge Chris langsam und versuche mich an alles, was ich über Konfliktmanagement und gewaltfreie Kommunikation gelernt habe, zu erinnern. Der Crew mache ich klar, woher auf meinem Schiff die Anweisungen und Kommandos kommen. Der Skipper allein trägt die volle Verantwortung für alle Sach- und Personenschäden.

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Abkühlung in Makkum

1730 – Wir sind fest in Makkum, liegen längsseits am Steg. An unserer Steuerbordseite ist die „Lucky Spirit“ ins Päckchen gegangen. Kaum dass wir fest sind, ziehe ich mich um und springe erst einmal ins Wasser. Ich will schwimmen, nicht nur planschen! Das hilft mir beim Stressabbau. Simone begleitet mich. Die Ärztin ist eine gute Schwimmerin. Sie hat Verständnis für mich. Auf dem Rückweg unterhalten wir uns, während wir gemächlich zurück zum Schiff schwimmen. Zum Reinigen nutzen wir die Heckdusche. Das Wasser und die Luft sind warm, bald hängen unsere Badeanzüge zum Trockenen an der Reling.

1930 – Das Abendessen war heute eine Wurst- und Käseplatte mit Rotwein. Auch sehr lecker. Zur Verdauung gehen wir noch in den Ort und schauen uns um. Wir finden einen kleinen Rummelplatz vor. An der Schießbude entsteht die Idee, für Gisbert eine Siegestrophäe zu schießen, die er nach erfolgreicher SKS-Prüfung erhalten soll. Da jedoch niemand wirklich schießen mag und kann, nehme ich das Luftgewehr und schieße ein kleines Plüsch-Seepferdchen. Eine abschließende Runde durch Makkum zeigt, wie schön das Örtchen ist.

Ich lasse mich auf dem Rückweg zurückfallen, um endlich Zeit zu finden, mit Martina zu telefonieren. Von unterwegs konnte ich heute nur ein paar kurze SMS schreiben. Das Gespräch ist wichtig. Ich komme selten dazu, ausführliche Mails zu schreiben. Mir sind die Momente allein sehr wichtig, um zu träumen oder ein Buch zu lesen. Genauso wichtig, wie die Gespräche mit Martina.

2230 – Wir krabbeln in die Kojen. Beim heutigen „Einschlafplausch“ beziehen Simone und ich Christian einfach mit ein. So wird es ein „Achterschiffplausch“ durch die Kabinenwand. Kichernd schlafen wir irgendwann ein.

Meilenkonto: 40,7 sm, davon 11,6 sm gesegelt.

 

Montag, 21. Juli 2014 – Makkum

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 21.07.2014, 06:05 UTC (Universal Time Coordinated) = 08:05 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind N bis NW 3 bis 4, in Böen 5 bis 6, teilweise Gewitter
  • 2000 bis 0800: Wind N bis NW 4 bis 5, abflauend und auf N bis NE drehend

0645 – Endlich ist es milder, nur 21°C, und der Himmel ist bedeckt. Die Hitze der letzten Tage hat mich geschafft! Die Wetteraussichten für die kommenden Tage versprechen einen Rückgang der Temperaturen und etwas mehr Wind zum Üben. Ich bespreche mich mit Chris. Meine Idee, heute nach Medemblik zu fahren und dadurch mit achterlichen Winden arbeiten zu können, findet seine Zustimmung. So ist es abgemacht, heute ist Medemblik das Ziel. Morgen sehen wir weiter. Wir werden auf dem Weg immer wieder Manövertrainings einlegen und uns gegen 1800 im Pekelharinghaven treffen.

0900 – Im Ölzeug stehen wir im leichten Regen an Deck. Die Segel bleiben noch eingepackt. Jetzt werden erst An- und Ablegemanöver geübt. Grundregel eins: „Niemals das Steuerrad loslassen. Besonders nicht in Rückwärtsfahrt!“ Grundregel zwei: „Immer schön langsam. Verry smoth, bitte!“ Wieder lasse ich die Manöver nur zu zweit üben, besonders, da Gisbert und Heidemarie später auch zu zweit klarkommen müssen. Nachdem die Manöver zu zweit klappen, muss jeder Trainee die Manöver auch alleine fahren.

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auf dem Ijsselmeer

Simone hat sich genüsslich unter die Sprayhood verzogen und genießt ihren Sonderstatus als Schnupperseglerin sichtlich. Warum auch nicht. Sie will weder eine Prüfung fahren, noch mehr Praxis erwerben. Für sie ist es ein Aktiv-Mitsegel-Urlaubstörn, keine Ausbildungs- oder Trainingsreise.

1100 – Wir setzen den Kurs auf das Ijsselmeer. Zwei Stunden lang Hafenmanöver zu üben reichen mir. Für mich bedeutet dies, zwei Stunden lang einen Sack Flöhe zu hüten, immer eine Hand am Ruder und 110% Konzentration! Ich nehme mir einen Tee und entspanne, während Extraklasse-Steuerfrau Heidemarie uns im Regen zuverlässig hinausfährt. Gisbert benötigt nun eine Pause, Christian genießt die Aussicht und Simone findet es langsam an Deck schöner als unter der Sprayhood, vor allem, da der Regen inzwischen aufgehört hat.

1120 – Wir sind westlich des Fahrwassers von Kornwerderzand nach Süden. Plötzlich stürzt „Otto“ über Bord. „Boje über Bord an Steuerbord!“, ertönt der Ruf von Christian. Heidemarie schaut ihn verdutzt an. Die Arme hatte gar nicht mitbekommen, wie ich zwei Fender als Übungsboje vorbereitet hatte. Nun reagiert sie: die Maschine auskuppeln, das Ruder nach Steuerbord legen und damit das Heck wegdrehen, einen Ausguck einteilen, ein Blick zum Verklicker zeigt die Windrichtung (NNE). Nun beginnt der Anlauf zum Rettungsmanöver! Heidemarie fährt mit dem Wind vier Schiffslängen ab, dreht über Backbord, ihrer Lieblingsseite, und fährt die Boje genau gegen den Wind an. Sie schickt ihren Mann zur Aufnahme der Boje auf die Steuerbordseite, stoppt neben der Boje und hat „Otto“ nach 4 Minuten wieder an Deck. „Gut gemacht!“, mehr habe ich nicht dazu zu sagen. „Der Nächste ans Ruder, das Ganze noch mal von vorn!“ Jeder fährt nun zwei ordentliche Rettungsmanöver, bis auf Gisbert. Als Prüfling darf er selbstverständlich vier Übungsmanöver fahren.

1220 – Ein kurzer Rundumblick, ein Blick zum Verklicker und schon grinse ich Gisbert an. „Welcher Kurs liegt an?“ Gisberts Zögern zeigt mir, dass er nicht ganz bei der Sache ist. „225°“, lautet die Antwort später. „Fein, mach ein Segelboot aus der Hürriyet“, lade ich ihn ein und stelle mich neben ihn. Während sich alle an Bord vorbereiten, den nun folgenden Anweisungen nachzukommen, ist bei Gisbert die Konzentration bis in die Haarspitzen förmlich zu fühlen. Es ist für einen Anfänger immer eine extrem fordernde Aufgabe, dieses Manöver zu leiten. Er muss die Yacht mit der Nase im Wind halten, der kommt aktuell ziemlich genau von hinten, dabei die Crew einteilen, alles im Auge haben und die richtigen Kommandos zum richtigen Zeitpunkt geben.

Ein weiteres, kommunikatives Problem ist für viele Anfänger, auch echte Kommandos zu geben. Ja, es gibt eine echte Kommandosprache! Die meisten bedienen sich des unverbindlichen Plaudertones aus der Kaffeelounge. Doch an Bord eines Schiffes wird im Manöver nicht geplaudert. Es muss den Einen geben, der das Manöver leitet und kommandiert.

Und dies alles zusammen setzt nun unseren lieben Gisbert unter Stress. Bei allem Verständnis, ich darf jetzt keine Nachsicht zeigen. Er muss da durch, denn in vier Tagen muss er dieses Können und Wissen in einer Prüfung nachweisen!

1240 – Mit etwas Soufflieren haben wir die Segel gesetzt und sind nun mit einem sicheren Raumschotkurs auf 260° unterwegs. Diesen Kurs werden wir nicht lange fahren können, denn in ungefähr 7sm ist das Ijsselmeer zu Ende. Demzufolge müssen wir dann halsen. Ok, es ist noch eine gute Stunde bis dahin. Ich übernehme für dreißig Minuten das Ruder, somit hat meine Crew Zeit, etwas zu essen. Ich kann es nun genießen, die Yacht auf diesem Kurs auf maximale Geschwindigkeit zu bringen. Teilweise gelingen mir sogar einige, ganz kurze Surfs.

1340 –Christian hat vor zehn Minuten das Ruder an Gisbert übergeben, das Ufer ist deutlich vor dem Schiff zu erkennen. Ich versuche abzuwarten, bis mein Steuermann von allein reagiert, doch nach 10 Minuten halte ich es nicht mehr aus. „Fahr eine Halse und dann Kurs 160°“, weise ich an. Wenn ich richtig gerechnet habe, müssten wir danach auf einem Halbwindkurs herauskommen. Wieder stehen Gisbert Schweißperlen auf der Stirn. Christian, unser Leistungssportler, schnappt sich die Großschot. Die beiden Frauen nehmen sich die Genuaschoten, legen sich die Winschkurbeln bereit, und ich beiße mir auf die Zunge. Ich muss dem Trainee die notwenige Zeit geben, solange ich es verantworten kann.

Es wird eine schöne Halse, ein großer Dank gebührt dabei Christian, der sich tüchtig an der Großschot müht. Ich lasse uns ein wenig vom Ufer ablaufen, dabei erkläre ich meinen Trainingsplan. „Wir werden hier jetzt die Küste herunter üben: vom Halbwindkurs auf Raumschotkurs gehen, dann eine Halse, kurz den Raumschotkurs fahren, anschließend eine Q-Wende, dann wieder auf 160° gehen, Abstand zum Ufer herausfahren und mit neuem Steuermann das Ganze von vorn. Die Mädels bleiben an den Vorschoten, an der Großschot werden die Jungs mit mir im Wechsel arbeiten.“

Ein wenig mehr Begeisterung habe ich mir schon erhofft. Erstens sind wir zum Üben hier, zweitens macht die Arbeit warm, drittens, ist Arbeit das beste Mittel gegen die Seekrankheit. Außerdem kann ich mich endlich einmal auspowern. Immerhin haben wir mit jedem Steuermann zwei komplette Übungen gefahren, Gisbert stand viermal am Rad… – wegen der Prüfung. Sogar Simone hat sich am Rad versucht, das hat mich richtig gefreut.

1740 – Wir sind kurz vor der Hafeneinfahrt von Medemblik. 25 sm sind seit dem Auslaufen in unserem Kielwasser geblieben. „Christian, übernimm das Ruder und mach ein Motorboot draus“, weise ich in lockerer Art an. Dabei stelle ich mich an der Genuareffleine bereit. Bei Christian kommen die Kommandos klar und deutlich, es gibt wenig Optimierungsbedarf. Man merkt seine Vorerfahrungen sehr deutlich.

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Lieblingshafen Medemblik

Zwanzig Minuten später legt Christian im Pekelharinghaven längsseits nahe der Duschen an. Ich gebe ihm noch den Auftrag, das Boot komplett festzumachen und sich um den Landstrom zu kümmern. Dann stelle ich mich an den Mast und beobachte, wie er sich die Crew einteilt und der Aufgabe annimmt. Als alle fertig sind, schlage ich vor, noch nach Medemblik in den Ort zu gehen. Dort gibt es auch sehr schöne Lokale.

Irgendwie gelingt es mir nicht, meine Crew zu motivieren, mir zu folgen. So besorge ich mir ein paar neue Segelhandschuhe und lade mich dann auf der „Lucky“ auf ein Amstel ein. Dabei tauschen wir unsere Ideen für die kommenden Tage aus. Ich habe große Lust, mal wieder nach Urk zu segeln und überrede Chris dazu, mitzukommen. Eigentlich wollte er nach Enkhuizen. Doch mir gelingt es, ihm Urk schmackhaft zu machen.

1900 – Heidemarie verwöhnt uns mit ihren Kochkünsten. Sie hat das voll drauf. Wir lassen uns die Nudeln mit Hackfleischsoße schmecken. Beim Wein reflektieren wir noch einmal die heutigen Segelmanöver und ein paar Ausweichregeln. Nebenbei flicke ich unsere Nationalflagge, die heute im Wind ziemlich gelitten hat.

Um mit meiner Liebsten zu telefonieren, bin ich zu müde. So verschiebe ich diesen Anruf auf morgen früh.

Meilenkonto: 68,3 sm, davon 28,6 sm gesegelt.

 

Dienstag, 22. Juli 2014 – Medemblik

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 22.07.2014, 03:19 UTC (Universal Time Coordinated) = 06:19 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind NE 4 bis 5, Sicht gut

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    Überfahrt nach Urk

  • 2000 bis 0800: Wind NE 4 bis 5, abnehmend 3 bis 4

0600 – Wind WSW 3, Himmel bedeckt, Luft 20°. Ich finde die Wettersituation im Hafen passt ganz und gar nicht zur Prognose. Das KNMI ist doch aber ein echter Topwetterdienst!? Also beschließe ich, nach der Dusche vor zum Deich zu gehen und einen Blick auf die See zu werfen. So stehe ich vierzig Minuten später auf dem Deich und stelle fest, dass das KNMI richtig liegt und die vielen Häuser um den Pekelharinghaven den Wind so deutlich ablenken. Den Rückweg nutze ich für den Anruf daheim.

0930 – Heidemarie legt ab und fährt aus dem Hafen. Dort erwarten uns 4 Windstärken aus NE, wie angekündigt. Direkt vor dem Hafen stelle ich ihr die Aufgabe, die Segel setzen zu lassen und auf Kurs 120° zu gehen. Das ist eine echte Komplexaufgabe! Heidemarie denkt kurz nach und dann zeigt das kleine Energiebündel, was in ihr steckt. Es kommen klare und deutliche Kommandos, die Segel werden korrekt gesetzt, und sie fällt nach nur 15 Minuten auf einen schönen tiefen Amwindkurs ab. Ich bin begeistert!

Die „Hürriyet“ saust mit 7,4kn ab. Das macht richtig Spaß… bis die „Lucky“ an uns vorbeizieht als würden wir parken! Ja, ich weiß, die „Lucky“ ist ein echter Renner, aber es so deutlich vorgeführt zu bekommen, frustriert gewaltig.

1320 – 52° 39,6`N 005° 31,4`E – Wir haben inzwischen 19,4 sm zurückgelegt. Alle dreißig Minuten haben die Jungs und Heidemarie sich am Ruder abgelöst. Ich habe immer wieder einen Manöverkreis eingebaut. Simone bekommt der Wellengang nicht so gut und auch Heidemarie findet es heute anstrengend. Der Wind hat inzwischen auf deutliche 5 Windstärken zugenommen, er kommt immer noch konstant aus NE. Ich erkläre Gisbert, dass wir jetzt das Großsegel ins erste Reff nehmen werden. Step by step arbeiten wir das Manöver gemeinsam durch. Nach zehn Minuten haben wir die Segelfläche verringert, Heidemarie löst ihren Mann am Ruder ab.

Eine halbe Stunde später haben wir das geplante „Übungsgebiet“ vor Urk erreicht. Die „Luckys“ üben bereits Rettungsmanöver unter Segeln. Ich übernehme das Ruder von Christian und fahre das Manöver zweimal vor. Anschließend übergebe ich das Steuer an Gisbert und stelle mich am zweiten Steuer bereit, klar, jederzeit einzugreifen. Wir üben pro Steuermann vier Anläufe, dann ist leider die Puste schon wieder raus. Alles gute Zureden von mir hilft nix, mein Prüfling mag jetzt Feierabend machen. Ok, Kurs zum Hafen!

1530 – Wir haben die Segel direkt vor dem Hafen geborgen. Der Hafen ist brechend voll. An einer großen und teuren Motoryacht finde ich noch einen Platz im Päckchen. Der Skipper ist begeistert von meinem wirklich sanften Anlegemanöver. Als er erkennt, dass er es mit einer Ausbildungsyacht zu tun hat, lädt er mich auf einen Kaffee ein. Ich gehe jedoch lieber mit meiner Crew ein Eis essen.

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In Urk

Der Spaziergang in Urk tut uns allen gut. Heidemarie und Gisbert verziehen sich auf einen Spaziergang zu zweit. Zu dritt tingeln wir durch die romantischen Straßen Urks, entdecken die zweite Werftanlage und sehen die „Lucky“ einlaufen. Ich bitte Simone und Christian, ein paar Einkäufe für die Pantry zu erledigen und gehe zurück an Bord. Ich habe eine Idee. Während ich mit meinem zweiten Eis im Cockpit sitze, besucht mich Chris. Die „Lucky“ liegt hinter unserem Heck, ebenfalls im Päckchen. So können wir uns gegenseitig in die Cockpits sehen.

Chris berichtet mir, dass er mit seinen Jungs heute Nacht nach Stavoren fahren will, morgen Mittag nach Hindeloopen und Donnerstag wieder nach Stavoren. Ich erkläre ihm mein Problem. Mein Prüfling ist schnell erschöpft und nur schwer zum Training zu motivieren. Er verschleißt seine Bordkameraden, und ich sehe die Stimmung an Bord kippen. Gerne würde ich ihn einen Tag mit den hochmotivierten „Lucky-Boys“ trainieren lassen. Eventuell holt ihn das aus seiner Lethargie.

Chris geht auf meinen Vorschlag ein. Wir vereinbaren, uns am Donnerstag auf See zu treffen. Den Crewtausch werden wir auf See vornehmen. Nachdem Gisbert dann einen Tag auf der „Lucky“ geübt hat und das Schiff als auch die Jungs kennt, kann er dann am Freitag an Bord der „Lucky Spirit“ ebenfalls seine Prüfung fahren. So muss die „Hürriyet“ nicht wegen eines Prüflings am Freitag extra rausfahren. Ich werde im Austausch den einzigen Nichtprüfling von Chris übernehmen und mit meiner Crew dann ankern üben.

1700 – Simone und Christian kehren schwer bepackt zurück. Gemeinsam mit Chris tragen wir die Taschen und eine große Hand Bananen an Bord. Im Anschluss beginnen wir mit den Vorbereitungen fürs Abendessen. Chris verabschiedet sich, er geht noch kurz in die Koje. Während auf der „Lucky Spirit“ ein wenig vorgeschlafen wird, spielen wir noch lange Kniffel in der lauen Abendluft. Leider hat Gisbert mein Angebot, die Manöver noch einmal durchzusprechen, nicht angenommen.

2200 – Wir sehen noch zu, wie die „Luckys“ zur Nachtfahrt auslaufen und gehen dann schlafen. Ich schicke Martina heute eine ausführliche Mail, in der ich ihr meine Gedanken und Sorgen mitteile. Ich haue in die Tasten bis der Rechner glüht. Erst gegen Mitternacht schlüpfe ich in meinen Schlafsack.

Meilenkonto: 95,7 sm, davon 53,4 sm gesegelt.

 

Mittwoch, 23. Juli 2014 – Urk

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 23.07.2014, 02:42 UTC (Universal Time Coordinated) = 04:42 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind NE 3 bis 4, zunehmend 4 bis 5

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    noch einmal Urk

  • 2000 bis 0800: Wind NE 4 bis 5

0700 – Wind SE 2, Himmel leicht bewölkt, Luft 23°, schwül. Langsam wandere ich allein durch den verschlafenen Ort. Die Ruhe tut mir gut. Ich entspanne mich und überlege mir das heutige Konzept. Lange suche ich nach Alternativen, wie ich Gisbert helfen kann, die Manöverabläufe zu verinnerlichen. Ich entscheide mich, direkt nach Stavoren zu segeln und dann dort vor dem Hafen, Manöver zu üben. Auf dem Rückweg kaufe ich Brötchen und setze an Bord das Kaffeewasser auf.

0930 – Ich bringe uns aus dem Hafen hinaus. Vor dem Hafen übergebe ich Gisbert das Ruder mit dem Auftrag, die Segel setzen zu lassen und Kurs aufzunehmen. Mit viel Hilfe durch seine Bordkameraden gelingt dies auch. Wir segeln gemütlich bei 4 Windstärken aus NE den Nordostpolder entlang. Mit etwas westlicherem Kurs können wir so dem Vrouwezand in ausreichendem Abstand ausweichen. Es ist ein herrlicher Tourensegeltag, lange sitze ich mit Christian auf der Kante und unterhalte mich mit ihm über Segeltrimm oder die Vor- und Nachteile verschiedener Yachtmodelle. Simones Magen kommt mit diesem Kurs gut zurecht, gestern hatten sie und Heidemarie ein wenig mit Übelkeit zu kämpfen.

1304 – Wir sind fest im alten Hafen von Stavoren. Am Hafen- und Bahnhofskiosk genießen wir Kibbeling mit Salat und Pommes, dazu einen Kaffee. Frisch gestärkt laufen wir eine Stunde später aus, um Segelmanöver zu trainieren. Die Mädels geben alles an den Vorschoten. Ich wechsle mich mit Christian an der Großschot und beim Aufnehmen der Boje ab. Leider müssen wir bereits nach drei Durchläufen abbrechen. Gisbert ist erschöpft… Ich könnte heulen! So schöner Segelwind!

1520 – Im Schleusenvorhafen üben wir noch einige An- und Ablegemanöver, doch bereits nach vier Versuchen fahren wir in unsere Stammbox. Ich gewinne der Situation das Beste ab. Gemütlich dusche ich und mache mich hübsch. Wir Mädels schmeißen uns in Schale, und die Jungs geben auch ihr Bestes. Ich habe mein schönes Sommerkleid also doch nicht umsonst mitgenommen. Ausgelassen machen wir uns auf den Weg ins „Cafe Max“. Hier verbringen wir gemeinsam mit der Crew von der „PIM“ einen sehr schönen Abend. Ich tausche mit Franz die Erlebnisse der letzten Tage aus. Dabei ergibt sich, dass wir zwar gemeinsam in Urk waren, uns aber nicht gesehen haben. Wir konnten sogar ein wenig tanzen. Beim Dartspiel fordern wir ein paar Jungs der „PIM“ heraus. Schön, dass es ein ausgeglichenes Spiel war. Ich glaube, so gegen 2330 haben wir das letzte Licht an Bord gelöscht.

Meilenkonto: 122,8 sm, davon 77,6 sm gesegelt.

 

Donnerstag, 24. Juli 2014 – Stavoren

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 24.07.2014, 03:22 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:22 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind E bis NE 4 bis 5, abflauend 3 bis 4

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    Abendstimmung in Stavoren

  • 2000 bis 0800: Wind NE bis E 3

0600 – Wind E 3, in Böen 5, Luft 20°C, blauer Himmel. Die Morgenroutine läuft heute etwas gemütlicher ab, gleichzeitig liegt aber auch Nervosität in der Luft. Gisbert packt seinen Rucksack für den heutigen Ausflug auf die „Lucky Spirit“ und Heidemarie umsorgt ihren Mann sehr fürsorglich.

0900 – Christian fährt aus dem Hafen. Das Ablegemanöver fahren wir zwei wieder allein, nur dass dieses Mal er am Ruder steht. Ein toller Schritt. Vor dem Hafen lässt er selbstsicher die Segel setzen und legt den Kurs auf Hindeloopen. Ich bin beeindruckt und begeistert! Eine halbe Stunde später kommt uns die „Lucky“ entgegen. Wir bergen die Segel, nun gehen die beiden Yachten auf See kurz aneinander längsseits. Gisbert und Maximilian tauschen die Schiffe und schon geht jede Yacht ihre eigenen Wege.

Während die „Lucky“ zum Manövertraining unterwegs ist, fahren wir nach Hindeloopen und besichtigen in aller Ruhe den niedlichen Ort. Mit Maximilian stromere ich durch die Werftanlagen des ortsansässigen Yachthändlers. Er bekommt jetzt Privatunterricht in Sachen Seemannschaft und Schiffbau. Christian und die beiden Mädels haben sich in diverse Läden zurückgezogen und genießen im Hafenrestaurant noch Kaffee und Kuchen.

1115 – Wir verlassen Hindeloopen. Jetzt rollen wir nur die Genua aus und lassen uns von ihr bei 4 Windstärken aus E gemütlich nach Stavoren ziehen. Dort ankern wir und haben nun eine tolle Badeplattform. Ausgelassen toben wir eine Stunde, dann fahren wir in den alten Hafen von Stavoren. Christian zirkelt die „Hürriyet“ in eine kleine „Parklücke“ und ist sichtlich stolz auf seine Leistung. Das kann er auch sein.

1430 – Wir verlassen den Stadthafen ohne Simone und Heidemarie. Die beiden wollen ein wenig shoppen, wir werden uns in der Marina wiedersehen. An Bord lassen wir uns für den Bogen in die Marina viel Zeit. Maximilian freut sich, noch ein paar Privatlektionen von einem zweiten Skipper zu erhalten. Er ist wissbegierig und hat eine sehr schnelle Auffassungsgabe. Es ist eine Freude, mit diesen beiden Jungs die „Hürriyet“ zu segeln. Wir vertreiben uns zwei schöne Stunden mit Trainingsmanövern. Ich zeige ihnen ein paar Tricks, die es leichter machen, ein großes Boot auch mit kleiner Crew zu segeln. Wir reffen ein und wieder aus oder lassen uns im Beilieger treiben. Dabei sehen wir der „Lucky“ und der „PIM“ beim Drehen von Manöverkreisen zu.

Während wir zur Tankstelle fahren, winken wir unseren Mädels zu. Dort bunkern wir Diesel und fahren anschließend den letzten Anleger dieser Reise in unsere Stammbox. Meine Crew hat gestern noch beschlossen, morgen früh auszuschlafen, die Taschen zu packen und heute Abend noch einmal ausgiebig an Bord zu kniffeln. Morgen wollen wir dann alle Gisbert die Daumen drücken und schon die Yacht gemütlich ausräumen.

1730 – Die „Hürriyet“ liegt fest verzurrt in ihrer Box. Eine halbe Stunde später läuft die „Lucky Spirit“ ein. Wir sehen uns das Anlegemanöver an, und dann werden die Erlebnisse des Tages ausgetauscht. Gisbert hilft noch beim Aufräumen auf der „Lucky“ und freut sich darauf, sich auf der „Hürriyet“ ausstrecken zu dürfen. Wir sehen ihn heute nicht mehr. Nicht einmal zum Abendessen kommt er aus der Koje.

Meilenkonto „Hürriyetreise“: 137,4 sm, davon 90,9 sm gesegelt.

Am Abend spricht mich Maximilian noch einmal an. Die „Luckys“ wollen ihrem Skipper eine Flasche Bessengenever schenken und nach der Prüfung überreichen. Ich verspreche, dass ich mich darum kümmern werde, diese zu besorgen. Mit Heidemarie kläre ich ab, dass sie mich morgen zum „Coop“ fährt, dort werde ich den Likör besorgen.

1930 – Ich sitze beim Hafenmeister auf der Bank und telefoniere entspannt mit Martina. Schnell habe ich meinen persönlichen Gewinn am morgigen Tag und die heutigen Erlebnisse zur Sprache gebracht. Morgen kann ich ganz entspannt meine Sachen packen, und Franz wird mich sogar zum Bahnhof fahren. Auch Olaf, der die „Hürriyet“ übernimmt, hat sich dazu angeboten. Ich freue mich, zu Martina heimzukommen.

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Badespaß vor Stavoren

Eine Stunde später gehe ich an Bord. Wir kniffeln noch eine Weile, dann ist gegen 2300 das Licht aus.

 

Freitag, 25. Juli 2014 – Stavoren

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 25.07.2014, 03:46 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:46 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 3, abflauend 1 bis 2 – am Nachmittag regnerisch
  • 2000 bis 0800: Wind 2 umlaufend und auffrischend

0600 – Wind E 3, Luft 20°C, diesig. Gisberts Nervosität ist deutlich zu spüren. Wir sind zu viert bemüht, seine Nerven zu beruhigen. Der Tisch ist gedeckt, der Kaffee perfekt und sein Lieblingsmüsli hat ihm Heidemarie auch schon hingestellt. Ich nehme meinen Tee und verziehe mich ins Cockpit. Dort geht es mir besser.

Nach der letzten Backschaft kommen bereits die ersten Abschiede. Simone und ich halten uns lange in den Armen, bis sie ihrem Vater und ihrer Reisetasche folgt. Ich habe das Gefühl, eine gute Freundin ziehen zu lassen. Ob sie jedoch noch einmal segeln wird, mal sehen. Einen reinen Urlaubstörn schon, eine Ausbildungsreise sicher nicht noch einmal.

Christian wird bis nach der Prüfung bei uns bleiben. Er will inzwischen eine Runde joggen. Unterdessen geht Gisbert auf die „Lucky Spirit“, hier herrscht emsiges Treiben. Die Segel werden klar und schön gelegt, die Bootshaken, einer je Schiffsseite, liegen bereit. Anschließend verholt Chris sein Schiff an den Steg A. Dort wartet neben der „PIM“ noch eine weitere Prüfungsyacht. Ich dackel zu Fuß rüber. Gemeinsam klären wir die Prüfer auf, wieso ein Schiff fehlt. Sie sind darüber erfreut, da sie auf diese Weise Zeit sparen.

1045 – Die „Lucky“ läuft mit sechs Prüflingen an Bord zur Prüfung aus. Heidemarie und ich haben nun mindestens eine Stunde Zeit zum Einkaufen. Wir fahren los, sobald die „Lucky“ die Hafenmole passiert hat.

Ich kaufe zwei Flaschen Bessengenever. Eine davon werde ich in meiner Reisetasche schon noch unterbringen, die zweite ist für Chris. Heidemarie kauft schon Lebensmittel für zuhause und die Heimreise. Sie ist echt eine tolle Frau. Gemeinsam stehen wir anschließend wartend am Steg.

1150 – Die „Lucky“ läuft ein. Nach dem Anlegen erfolgt die Verkündung der Ergebnisse. Alle haben bestanden. Wir sind froh. Gisbert wollte gleich zu seiner Frau, doch die „Lucky Boys“ rufen ihren Bordkameraden zurück. „Aufräumen!“, schallt es aus fünf Kehlen. Chris und ich grinsen uns an, so muss das gehen.

Schnell stecke ich Maximilian die Flasche zu, dann will ich gehen. Doch am Steg ist kein Platz zum Durchkommen, alle Jungs von der „Lucky Spirit“ haben sich vor ihrem Skipper aufgebaut. Als die sechs Jungs ihm die Flasche überreichen, bin ich gerührt. Ich schaffe es gerade noch, die Tränen zurückzuhalten. Ich freue mich für Chris.

Für mich folgt ein kurzer Abschied von Heidemarie und Gisbert. Die beiden gehen zum Auto und ich fühle mich unwohl, wenn ich daran denke, dass Heidemarie ihrem Gisbert auf künftigen Reisen nun sehr viel Kraft entgegen setzen muss. Er glaubt felsenfest daran, aus eigener Kompetenz bestanden zu haben. Ich schicke ihnen alle segensreichen Wünsche hinterher: „Allzeit eine glückliche Heimkehr, Gisbert und Heidemarie.“

1300 – Nachdem ich Christian noch einmal umarmt habe, bin ich allein an Bord. Auch von Chris folgt bald der Abschied, er wird um 1400 mit der Fähre nach Enkhuizen fahren. Franz ist zum Frisör, ich bin also allein. Nun beginne ich meine Taschen zu packen und lasse die Woche Revue passieren.

Meine Sachen stehen bereit im Salon. Der letzte Tee dampft in der Pantry. Draußen prasseln die Regentropfen aufs Deck, als Olaf hereinschaut. „Was hältst Du von Pizza?“ „Sehr viel, ich habe Hunger.“ Wir düsen in seinem niedlichen Polo los. Am Ende werden es Pfannkuchen mit Kaffee.

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Eine letzte Tasse Tee an Bord

Wir tauschen uns über die „Hürriyet“ aus, ich erzähle von der letzten Woche. Es ist wichtig, eine zweite Meinung zu hören. Olaf wird mich nachher zum Bahnhof fahren, so muss ich nicht mit Sack und Pack durch den Regen stapfen.

1600 – Ich verabschiede mich von Olaf. Nun bin ich am Bahnhof, freue mich darauf, heim zu kommen. Die zwei Wochen waren zum Ende hin doch sehr anstrengend geworden. Ich wuchte meinen schweren Skipperbag in den Zug, setze mich in eine Vierersitzgruppe und schaue träumend aus dem Fenster.

In Leeuwarden erwische ich den IC nach Amsterdam. Bingo! Ich kann nun bis Utrecht in einem Stück durchfahren. Nur die Schulklasse im Zug ist anstrengend, die waren auf einem Plattbodenschiff im Wattenmeer unterwegs. Besonders der Zwerg, der mir die ganze Zeit erklären will, wie man segelt, nervt mich. Ich mag ihm aber nicht sagen, dass ich durchaus auch segeln kann. Ich will einfach nur meine Ruhe haben und meinen Gedanken nachhängen.

1730 – Mein Handy klingelt. Martina ist in Kiel angekommen. Sie übernimmt in Laboe eine Bavaria 32 cruiser für einen einwöchigen Skipperauftrag. Wir tauschen uns über organisatorische Dinge aus, denn ich komme in unsere Wohnung zurück, und sie bringt mich auf den aktuellen Stand der haushaltlichen Arbeiten. Leider bricht das Netz bald ab. Immerhin gibt der Steppke neben mir nun endlich Ruhe, und ich kann ein wenig dösen. In Utrecht werde ich noch ein wenig zu Abend essen, bevor ich in den Nachtzug steige. Auch etwas für das Frühstück will ich mir dort besorgen.

2100 – Ich stehe in Utrecht am Bahnhof, mein Schlafwagenzug nach München hat fünfzehn Minuten Verspätung. Das geht ja schon gut los. Als der Zug einfährt, gibt es eine kleine Diskussion mit dem Schaffner, doch das Missverständnis über die Kabinenbelegung können wir schnell klären. Ich bitte noch darum, vierzig Minuten vor München geweckt zu werden. Martina bekommt noch eine SMS, dann gehe ich zu meinem Abteil.

Meine zwei Zimmergenossinen sind bereits in den Kojen. Super! Ich räume ein paar Taschen um, damit haben wir nun alles Gepäck irgendwie verstaut. Es ist schon seltsam, dass gerade in Fernreisezügen so wenig Platz für Gepäck ist. Nicht einmal zehn Minuten später bin ich eingeschlafen.

 

Samstag, 26. Juli 2014 – in der Nähe von Stuttgart

0730 – Ich wache von alleine auf. Dass ich fast zehn Stunden durchgeschlafen habe, ist für mich unfassbar. Noch unfassbarer finde ich es, dass wir schon wieder über zwei Stunden Verspätung haben. Es ist also mehr als ausreichend Zeit für das Frühstück. Wir drei bauen aus den Kojen normale Sitzbänke, ziehen uns an und plaudern über die alltäglichen Dinge oder die Sorgen der Bahnreisenden.

0940 – München Hauptbahnhof. Das Geschiebe und Gedränge geht mir jetzt schon wieder auf die Nerven. Ich nehme mir ein Taxi und lasse mich heimfahren. Dort mache ich mir einen Tee, setze mich auf den Balkon und überlege, was ich mir für die kommende Woche zum Essen kaufen mag. Ich komme langsam zu Hause an…

Meilenkonto Fuchur-Reise: 180,2 sm, davon 95,9 sm gesegelt. Meilenkonto Hürriyet-Reise: 137,4 sm, davon 90,9 sm gesegelt.

Summe: 317,6 sm, davon 186,8 sm gesegelt.

 

Fotoalbum zur Reise auf Facebook    www.segeln-mit-herz.de    wir auf YouTube

Von „kleinen Drachen“ und der „Freiheit“ auf der Nordsee


Donnerstag, 10. Juli 2014 – München

2200 – Behutsam schließe ich die heimatliche Wohnungstür, nehme meinen schweren Skipperbag, den Schlafsack und meinen Rucksack. Fast 30kg wiegt mein Gepäck. Der Taxifahrer ist beeindruckt, was ich alles anschleppe. Die Fahrt zum Bahnhof dauert nicht lange. Mein Gepäck und die Seglerjacke haben das Gespräch schnell auf den Zweck meiner Reise gelenkt, wobei der Taxifahrer beeindruckt ist, eine gewerbliche Skipperin kennen zu lernen. Eine, die in München lebt und auf der Ost- und Nordsee arbeitet.

Fünfzehn Minuten später gehe ich fröstelnd und müde durch den Münchner Hauptbahnhof. Eine Cola und ein stilles Wasser leiste ich mir noch, dazu eine belegte Semmel. Ich traue dem Frühstück im Schlafwagen nicht wirklich über den Weg. Ich freue mich, bald in meine Schlafwagenkoje zu können.

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Schlafwagenabteil T3 – ich schlafe ganz unten

2220 – Der Schlafwagenzug fährt ein. „Whow, ist das eng hier!“, geht es mir durch den Kopf. Prinzipiell bin ich von den Yachten her durchaus Enge gewöhnt, doch der sehr schmalen Gang und die Enge im Schlafwagenabteil überraschen mich dennoch. Ich bin enttäuscht. Auf den Bildern der Bahn im  Internet sah das geräumiger aus. Ändern kann ich es nicht, schlafen will ich, also räume ich irgendwie mein Gepäck ein und lege mein Nachthemd bereit.

Die Schaffnerin behält mein Ticket ein. „Das bekommen Sie wieder, wenn Sie aussteigen“, erfahre ich. „Möchten Sie morgen früh Tee oder Kaffee?“ Ich drehe mich langsam um. „Haben Sie schwarzen Tee und welche Sorte?“, frage ich vorsichtig. „Assam, Darjeeling oder Earl Grey“, lautet die Antwort. „Dann nehme ich Darjeeling. Sie brauchen mich übrigens nicht zu wecken, ich stelle mir selbst einen Alarm“, Dann bin endlich allein. Ich hätte mich besser eine halbe Stunde vor Arnheim wecken lassen sollen. Das werde ich allerdings erst morgen früh erkennen.

2235 – Lautstark stürmt eine begeisterte Horde französisch sprechender, dunkelhäutiger Fußballfans den Waggon. Kurz darauf betritt „Frau Hübenbecker“ das Abteil. Ihren echten Namen habe ich ausgeblendet. „Frau Hübenbecker“ leidet scheinbar an Logorrhoe, chronischem Sprechdurchfall. Also verabschiede ich mich in Gedanken von meinem Nachtschlaf bis Köln, denn dort wird sie aussteigen. Das und die Aufdringlichkeiten ihrer Familie, dass die Vorstellung im Theater ganz fürchterlich war, habe ich schon erfahren, bevor ich „guten Abend“ sagen konnte.

Glücklicherweise stellt „Frau Hübenbecker“ bald fest, dass sie noch einen Schlaftrunk benötigt. Ich nutze die Gelegenheit, um mich schnell umzuziehen und unter die Decke zu verschwinden. Als „Frau Hübenbecker“ zurückkehrt, bin ich schon demonstrativ tief eingeschlafen. Leider stellt dies ihren Redefluss nicht wirklich ab. Doch kurz vor Mitternacht ist sogar „Frau Hübenbecker“ in ihr Kopfkissen gesunken und schläft.

Freitag, 11. Juli 2014 – kurz vor Köln

0430 – „Pip – Piep – Piiiieeep – Piiiiiieeeeep – Piiiiiiiiiiieeeeeeeep“ – Ok, ich bin wach. Meine Kabinengenossin „Frau Hübenbecker“ leider nicht. Erst als ich aufstehe und die Dame kurz behutsam an der Schulter rüttele, wird sie wach. „Ja bitte?“ – „Ihr Wecker ist angegangen“, „Oh, danke“, Kurz darauf steigt sie aus dem Bett und zieht sich an. Zehn Minuten später ist wieder Ruhe. Ich drehe mich um und schlafe wieder ein.

0630 –Jetzt geht mein Wecker. In einer Stunde sollten wir in Arnheim sein. Betonung, sollten! Nachdem ich mich gewaschen habe und die nette Schaffnerin besuche, erhalte ich neben meinem Frühstück die Auskunft, dass wir zweieinhalb Stunden Verspätung haben. Na, danke!

Ich nehme mir mein Frühstückstütchen und verziehe mich in mein Abteil. Jetzt bin ich froh, dass es mir allein gehört. Ich klappe die mittlere Koje hoch und mache es mir auf ihr bequem.

Der Kaffee ist richtig gut. Das weiche Milchbrötchen lasse ich in der Verpackung. Das sieht schon so chemisch aus. Also bleibe ich bei dem Brötchen, welches ich mit Rama und Erdbeermarmelade verspeise.

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Bahnhof Arnheim

Nach dem Essen baue ich meinen Laptop auf, schließe den Stick an und lade noch einmal im deutschen Handynetz die Wetterdaten herunter. Outlook lädt zeitgleich meine Mails. Ich schicke Martina per SMS meinen aktuellen Status. Kurz vor der deutsch-niederländischen Grenze erhalte ich die SMS, dass ich nun im niederländischen Mobilfunknetz unterwegs bin. Ich fahre den Laptop herunter und nehme mir mein Buch. Martina hat es mir  ausgeliehen und so bin ich mit jeder Seite in Gedanken auch bei ihr.

0825 – Wir sind in Arnheim angekommen. Mein Zug nach Zwolle steht sogar noch am Gleis. Ich eile so schnell mein Gepäck es zulässt zum Zug. Kurze Zeit später kommt eine Durchsage: „Geachte dames en heren..“, Wir werden freundlich darauf hingewiesen, dass dieser Zug nach Zwolle entfällt. Nun  denn, nun habe ich eine Stunde Zeit für en Kopje koffie met vlaai un een half belegd broodje.

1000 – Im nächsten Zug von Zwolle nach Leeuwarden schlafe ich noch eine Stunde entspannt. Ich konnte klären, dass ich sogar noch meine originale Verbindung von Leeuwarden nach Stavoren erreichen werde. Die niederländische Staatsbahn finde ich genial.

1240 – Endlich bin ich am Bahnhof von Stavoren. Gegenüber des Bahnsteiges sind die Masten der großen Plattbodenschiffe zu sehen. Ich höre die Möwen und fühle mich endlich wieder zu Hause. Der Münchner Mief weicht aus meiner Nase und den Gedanken und langsam gehe ich in der warmen Sonne zum Imbiss am alten Hafen. Nach Kibbeling und Pommes ist mir nicht. So nehme ich ein Softeis und laufe dann gemächlich hinüber zur Marina im Buitenhaven.

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SY „Fuchur“ – Bavaria 36cruiser

Zwanzig Minuten später komme ich dort an. Ich sehe die „Fuchur“ als viertes Boot am Steg, stelle mein Gepäck vor der Yacht ab und suche Markus. Nach einem kurzen Plausch schnappe ich mir die Skippermappe für die „Fuchur“, eine fast nagelneue Bavaria 36 cruiser. Ihr Kiel hat 2013 zum ersten Mal das Wasser berührt. Der kleine Drache scheint mich lieb anzusehen, ganz so, als würde er sagen wollen: „Lass uns beide eine Woche lang ganz viel  Spaß haben“, Still antworte ich: „Geht klar, und ich werde gut auf dich aufpassen“,

1340 – Das Schiff ist in wirklich gutem Zustand, die Übernahme dauert nicht lange und so kann ich meine Kabine schnell beziehen. Das ist auch gut so, denn mein Magen knurrt inzwischen und darf nicht mehr länger ignoriert werden. Ich verabrede mich mit Franz, dem Skipper der „PIM“ zum Mittagessen. Ich mag vorher nur noch schnell duschen und mich frisch anziehen. Ich rufe kurz noch zu Hause an, damit Martina weiß, wie es mir geht. Zu mehr reicht die Zeit leider nicht.

1420 – Frisch geduscht und gut gelaunt, nehme ich neben Franz in seinem stylischen, schwarzen Mercedes-Cabrio Platz. Während der Fahrt zum roten Cliff tausche ich mich mit Franz über unsere Ideen für die kommende Woche aus. Chris hat mit der „Lucky Spirit“ einen England-Törn, Franz und ich sind für die „Holland-SKS“ eingeteilt. So überlegen wir, ob wir als Flottille fahren. Allerdings denkt Franz eher an die Südroute nach Amsterdam und Edam, während ich mit den Inseln Texel und Vlieland liebäugle.

Die Aussicht vom Imbiss ist einfach nur zum Träumen. Die Sonne spiegelt sich im nahezu glatten Wasser des Ijsselmeeres, Wind ist leider keiner zu spüren und so beginne ich schon wieder zu schwitzen. Das ist mir lästig. Glücklicherweise können wir einen Platz im Schatten ergattern. Die Kibbelinge mit gemischtem Salat sind erstklassig. Dazu eine kalte Cola. Wir beide genießen die Ruhe und können auch nebeneinander schweigen. – Auf dem Rückweg bestellen wir noch die Tische zum Abendessen bei Kristina in De Kruitmolen.

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Navigationsecke auf der „Fuchur“

1630 – Ich bin wieder an Bord. Jetzt finde ich noch eine halbe Stunde Zeit, um zu Hause anzurufen. Ich erwische meinen Schatz auf dem Heimweg zur   Tram. Der Rechner lädt inzwischen die aktuellen Mails herunter. Nach dem Telefonat checke ich die Wetterdaten des Königlich-Niederländischen Meteorologischen Institutes und nehme mir die Streckenplanung vor.

1730 – Ich treffe mich mit Chris am Steg. Wir sind beide auf dem Weg zum Büro, um unsere Crewmitglieder einzusammeln. Martin und Franz warten mit Markus bereits im Büro und trinken noch einen Kaffee. Einige der angereisten Crewmitglieder stehen derweil schon neugierig wartend vor dem Büro. Wir gehen noch einmal gemeinsam die Crewlisten und Wetterdaten durch, tauschen uns über die News im Revier aus und dann ist auch schon Zeit für die Begrüßung der Gäste.

1800 – Pünktlich begrüßt Markus alle inzwischen angereisten Trainees und stellt die Skipper vor. Die Crews finden sich jetzt offiziell. Klar haben sich die meisten Crews schon vorher ausgetauscht und gefunden. Ich sammele meine vier Schützlinge ein und wir gehen zur „Fuchur“.

Ich lasse jedoch erst nur die Taschen in die Kabinen bringen und beginne dann sofort mit der Einkaufsliste. Einen Zahlmeister benötigen wir noch und bereits um 1840 sind meine vier Crewmitglieder schon wieder unterwegs, um im „Coop“ die Vorräte für die kommende Woche zu besorgen. Und ich? Ich bleibe an Bord, entferne schon einmal die Polster von den Backskisten und sorge dafür, dass die Einkäufe zügig verstaut werden können. Anschließend warte ich auf die Einkäufer, dabei unterhalte mich mit den Kollegen und genieße noch einmal die Ruhe.

1935 – Meine Einkäufer sind zurück, jetzt wird eine Stafette organisiert, um die Vorräte sicher und sinnvoll zu stauen. Dabei leite ich unter Deck zunächst ein Crewmitglied an, später noch ein zweites. Die restlichen Crewmitglieder sorgen dafür, dass uns unter Deck der Nachschub nicht ausgeht. Zehn Minuten später sind wir unterwegs in Richtung „De Kruitmolen“, einem der Stammlokale der Sailing Island Crews.

Während des Abendessens lernen wir uns kennen. Erwartungen an die Ausbildungsreise, dazu Vorkenntnisse beim Segeln, aber auch sehr viele Anekdoten und auch berufliche oder private Erlebnisse werden ausgetauscht. Obwohl wir alle müde vom langen Tag sind, wird es doch fast Mitternacht, bis wir endlich die Kojen aufsuchen.

Mein Pärchen, Ute und Michael, residiert im Vorschiff, Stefan und Jonathan habe ich backbord in der Achterkabine untergebracht. Somit habe ich meine Achterkabine an Steuerbord für mich allein. Der einzige Rückzugsraum für mich, wobei ich auch hier die meisten Geräusche und Bewegungen an Bord mitbekomme. Das ist eben so. Auf dem Boot ist man niemals wirklich allein. Und doch freue ich mich darüber sehr, meine Kabine nicht teilen zu müssen.

 

Samstag, 12. Juli 2014 – Stavoren/Niederlande

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 12.07.2014, 03:36 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:36 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 2 bis 4 Windstärken aus East
  • 2000 bis 0800: Wind veränderlich 2 bis 4 Windstärken
  • Tiden:
  • Harlingen:   Hochwasser: 1025 und 2306
  • Den Oever:  Hochwasser: 0946 und 2205

0600 – Mein Handy weckt mich. Ich nutze die Zeit, meinem Schatz eine längere SMS zu schicken und beginne mich dann anzuziehen. Ich nehme mir meine Duschutensilien und mache mich auf den Weg zum Sanitärgebäude. Die Duschen sind hier im Hafen nicht zeitbegrenzt, so koste ich die heiße Dusche aus und mache mich gemütlich fertig. Vierzig Minuten später bin ich auf dem Rückweg.

An Bord beginne ich Wasser für den Kaffee und meinen Tee vorzubereiten. Die Jungs organisieren Frühstücksbrötchen und wir schneiden auch etwas Obst für den Jogurt auf. Anschließend kümmere ich mich um die Wetterdaten. Vom angekündigten Wind ist nix zu fühlen, die Temperatur beträgt aktuell 16°C und wir haben einen klaren, wolkenlosen Himmel.

Auf das Frühstück folgt der Abwasch. Das nennt man an Bord „Backschaft“. Streng genommen ist die „Backschaft“ der komplette Prozess vom Tisch decken, inklusive Kaffee und Tee vorbereiten, auch Brötchen holen, bis zum Wegräumen des abgespülten Geschirrs. Da ist es sicher klar, dass man diese Arbeit besser auf viele Leute aufteilt.

0900 – Wir haben uns an Deck versammelt und nun kommen die restlichen Anteile der Schiffs- und Sicherheitseinweisung. Gestern Abend habe ich nur die Benutzung der Toiletten besprochen, falls nachts mal jemand muss. Heute Morgen ging es unter Deck schon um den Herd, das Funkgerät, die Seeventile, die Feuerlöscher und die Lenzeinrichtungen. Das geht teilweise super beim Frühstück. Nur keine Zeit ungenutzt verstreichen lassen!

An Deck sehen wir uns die Rettungswesten und Lifelines, die Bedienung der Segel, des Ruders und der Maschine an, dann noch die Sicherheitseinrichtungen wie Rettungsleine, Rettungsringe, IOR-Boje, Rettungsinsel. Hinzu kommen Gasflaschen, Seenotsignale und Verhalten bei Mensch über Bord, Feuer oder Wasser im Schiff.

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Ansteuerung Schleuse Den Oever

Wem jetzt beim Lesen der Kopf brummt. Es fehlen noch der Umgang mit Leinen und Winschen, die wichtigsten Gebrauchsknoten und die Kommandos. So, und nun machen wir klar zum Auslaufen. Ja was? Wir sind hier eine Ausbildungsyacht und kein Hoteldampfer von einer Kreuzfahrtlinie. Keine  Sorge, wir haben dabei auch unseren Spaß! Doch es ist schon eine große Menge Input, die da auf einen Segelschüler am ersten Morgen eintrommelt.

1017 – Wir sind raus aus unserer Box, bis 1300 müssen wir in Den Oever durch die Schleuse sein. Die Ebbe wartet nicht! Hier gibt’s auch gleich die ersten Wissenskorrekturen. Ebbe, wie jeder weiß, ist der Prozess, in dem das Wasser nach dem Hochwasser abläuft bis zum Erreichen des Niedrigwassers. Wenn das Wasser dann zurückfließt, bis es wieder Hochwasser ist, auch das weiß jeder, das ist die Flut. An Bord haben wir das auch ganz schnell geklärt, und ebenfalls, dass es im Gezeitenrevier immer eine gute Idee ist, mit der Strömung zu fahren. Besonders, wenn die kleine Segelyacht maximal 7 Knoten schnell ist und die Strömung auch gerne mal 5 Knoten stark werden kann.

Vor dem Hafen setzen wir die Segel. Wir machen das ruhig und ohne Stress. Auch wenn wir dafür fast zwanzig Minuten benötigen. Mir ist klar, dass ich dafür von den Kollegen auf die nette Art aufgezogen werde. Immerhin haben die Trainees auf der „Lucky Spirit“ nur 8 Minuten dafür gebraucht. Das ist wiederum der Nachteil, wenn vier Schulyachten nahezu zeitgleich auslaufen. Ich kenne meinen Lieblingskollegen Chris gut genug, um zu wissen, dass ich einen frechen Spruch dafür abbekommen werde. Das gehört zum Geschäft.

1104 – Wir sind gerade einmal mit 2,3 Knoten unterwegs. Das ist super, wenn man das Steuern unter Segeln lernen und üben möchte, sozusagen im Zeitlupenmodus, aber sehr ungeschickt, wenn noch 7 Seemeilen vor uns liegen und nur zwei Stunden zur Verfügung stehen. Also üben wir nun die Segel zu bergen und lassen den Motor an.

Ich lasse meine SKS-Trainees ihre Navigationskenntnisse anwenden und koche inzwischen Kaffee und Tee. Während ich mir mein Brötchen aufschneide und belege, schaue ich den Navigatoren bei der Arbeit zu. Ein kurzer Kontrollblick auf den Peilkompass, der im Salon unter der Decke hängt, verrät mir, dass der Steuermann den Kurs unter Maschine halten kann. Die Navigatoren sind sich inzwischen einig geworden, dass es besser ist, mit unserem Tiefgang die Untiefe südwestlich der Ansteuerung von Den Oever nicht direkt zu überqueren. So bekommt unser Steuermann einen neuen Kurs angewiesen.

Ich habe mich inzwischen mit meiner Teetasse ins Cockpit verzogen. Kaum ist der Tee ausgetrunken, schnappe ich mir Michael und Jonathan und zeige ihnen, wie ich mir wünsche, dass die Fender und Festmacherleinen vorbereitet werden. Meine Formel dafür lautet: „Zwei vorn, zwei hinten und bei Bedarf noch einer in der Mitte“, Ich erkläre, wie ein korrekter Kopfschlag geht, ohne Türmchen zu bauen und worauf man beim Lauf der Festmacherleinen und der Fenderleinen zu achten hat.

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Anlegeübungen in Den Oever

Anschließend stelle ich mich neben Michael ans Ruder und dirigiere ihn in den Binnenhafen der Schleuse Den Oever. Beim Anlegen lasse ich Michael  gleich mit dem Heck an den Steg fahren und schicke Jonathan und Stefan wieder von den Leinen weg, die diese sich schon gegriffen haben. Bewusst lasse ich Michael den Anleger allein, nur mit Utes Hilfe fahren und Ute bekommt striktes Verbot zu springen. Sie darf erst auf den Steg übersteigen, wenn unser kleiner Drache sicher am Steg liegt. Michael mag ich in diesem Moment hart vorkommen, doch kaum hat er die Achterleine selbst über die Klampe auf dem Steg gelegt und ist in diese eingedampft, strahlt sein ganzes Gesicht vor Stolz über die erbrachte eigene Leistung. Nachdem Ute die Vorleine belegt hat, sind wir fest am Steg. Alle sind von der Einfachheit dieses Manövers beeindruckt. Keine Hektik, kein Stress, keine lauten Worte.

1300 – Michael legt auch ab und in der Schleuse gleich wieder an. Während die Schleusentore zugehen, sehe ich den Mast der „PIM“ achteraus. Demzufolge wird Franz nach uns durchschleusen. Ich vermute, dass Chris mit der „Lucky Spirit“ und seinen „Englandseglern“ schon vor uns durch die Schleuse gefahren ist.

Eine halbe Stunde später sind wir unterwegs im niederländischen Wattenmeer oder der Waddenzee, wie die Niederländer es nennen. Für Den Helder sind wir zu spät dran, also beschließe ich heute nach Oudeschild auf Texel zu fahren. Dafür steht der Strom einfach günstiger.

Wir versuchen anfangs noch unter Segeln voranzukommen, doch in Wirklichkeit schiebt uns nur der Gezeitenstrom vorwärts. Also kommt wieder die „Eisenfock“ zum Einsatz.

So bleibt viel Zeit, die Veränderungen im Wattenmeer zu bestaunen, die sich bei ablaufendem Wasser – nicht vergessen, das nennt man Ebbe – zeigen: die Sandbänke, die aus dem Meer „aufsteigen“, trocken gefallene Plattbodenschiffe und Seehunde, die es sich in der Sonne gut gehen lassen. Dazu gute Musik an Bord und kühle Getränke aus der Kühlbox, logisch ohne Alkohol. Den wird es frühestens im Hafen geben.

 

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Einfahrt in Oudeschild

1530 – Wir haben die Hafeneinfahrt von Oudeschild erreicht. Der Querstrom beträgt immer noch fast 2 Knoten. Stefan ist beeindruckt, wie stark er  vorhalten muss, obwohl unser Drachen einen starken Motor hat. Gut, eine Motoryacht würde lachen, doch für eine Segelyacht sind wir wirklich gut motorisiert.

Ich lotse Stefan in den hintersten Winkel des Yachthafens. Den ersten Versuch, rückwärts anzulegen, lasse ich ihn fahren, dann übernehme ich und bringe unseren kleinen Drachen behutsam rückwärts an den Steg. Kaum sind wir auch mit Landstrom versorgt, läuft die „Lucky Spirit“ mit Chris ein. Ich bin überrascht, habe ich ihn doch schon lange hier vermutet.

Wir nehmen uns beide ein Bier und setzen uns ins Cockpit der „Fuchur“. Meine Crew ist ausgeflogen und will sich „Down Town Oudeschild“ ansehen. Wenn die mal nicht enttäuscht zurückkommen. Oudeschild ist süß, und ich mag es hier, doch eine City ist es eben nicht. Es ist ein Dorf mit riesigem Hafen.

Chris hadert mit sich, ob er mit seiner Crew, die noch sehr unerfahren ist, nach England segeln soll. Ich kann ihm nachfühlen und bin froh, dass mir diese Entscheidung erspart bleibt. Endgültig will er sich auf See entscheiden. Da wir morgen bis zu 5 Windstärken aus Südwest erwarten, das ist genau die Richtung, wo es nach England geht, werden die „Luckys“ dabei ihre Bewährungsprobe haben. Gemeinsam überlegen wir, wo die „PIM“ und die „Hürriyet“ geblieben sind.

Wir „Drachen“ fahren morgen nur bis Den Helder. Allerdings werden meine Schützlinge nicht nur die sechs Meilen fahren, denn ich habe für morgen Manövertraining auf dem Plan stehen. Und das bedeutet, viele Wenden und Halsen. Platz zum „Spielen“ ist genügend vorhanden.

Bevor es Essen gibt, heißt es jedoch auf beiden Schiffen, den morgigen Auslaufzeitpunkt zu ermitteln, denn im Gezeitenrevier bestimmt der Gezeitenkalender, wann der Wecker klingelt. Zum Abend wird an Bord gekocht, danach gehen wir an den Strand zum Schwimmen.

Da heute Abend die Niederlande gegen Brasilien um den dritten Platz bei der Fußballweltmeisterschaft spielt, wird es auch heute wieder spät, bis wir in die Kojen kommen. Und klar, heute sind wir alle „Oranje“. Als die Niederländer nach Mitternacht gewonnen haben, freue ich mich riesig auf meine Koje.

Meilenkonto: 23,4 sm, davon 1sm gesegelt.

Sonntag, 13. Juli 2014 – Oudeschild/Texel

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 13.07.2014, 03:48 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:48 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 2 bis 4 Windstärken aus Südwest, Nebel möglich, nachmittags ist mit Böen zu rechnen
  • 2000 bis 0800: Wind 2 bis 4 Windstärken aus Südwest, zunehmend 4 bis 5, Risiko von Böen und Starkregen
  • Tiden:
  • Harlingen:        Hochwasser: 1121 und 2356
  • Oudeschild:     Hochwasser: 1000 und 2235; Niedrigwasser: 0336 und 1611
  • Den Helder:     Hochwasser: 0936 und 2205; Niedrigwasser: 0305 und 1548

0600 – Ja, ich weiß, wir müssen erst um 1000 auslaufen. Doch ich habe vergessen, meinen Wecker umzustellen. Dumm gelaufen! Also mache ich meine normale Morgenroutine. Der Wind kommt aktuell mit 2 Windstärken aus West, wir haben 16°C und eine durchgehende Stratusbewölkung. Der Luftdruck ist seit gestern Abend um 3hPa gefallen. Nach 10 Minuten bin ich mit dem Logbuch so weit fertig. Dann trotte ich zur Dusche.

Die Marina liegt still und verschlafen da. Auch gut, so habe ich die Duschen für mich allein. Als ich jedoch eine halbe Stunde später an Bord zurück bin, ist dort emsige Geschäftigkeit. Das Kaffeewasser ist in Arbeit, der Tisch wird gedeckt und Stefan folgt mir auf dem Fuß mit seinen Duschtüchern an Bord zurück.

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Action beim Segeltraining am Wind und Wenden

Nach dem Frühstück kümmern wir uns um die Backschaft und Michael und Ute gehen zur Dusche. So haben wir bis zum Auslaufen noch ausreichend Zeit, alle geplanten Manöver in der Theorie erneut durchzusprechen.

0845 – Wir machen klar zum Auslaufen. Das bedeutet, Landstromkabel einholen, Persenning vom Großsegel entfernen, nicht benötigte Fender wegräumen, warme Sachen anziehen und unter Deck alles aufräumen, damit nichts durch die Gegend fliegen kann. Ich habe vor Jahren auf der „Amely“ einmal gesehen, wie mein halbes Geschirrfach durch den Salon geschossen kam. Und da mir die „El Shalom“ durch eine offene Toilette schon Wasser ins Boot gelassen hat, sind die Seeventile bei mir auch grundsätzlich geschlossen.

Wir haben also eine gute halbe Stunde zu tun, dann legt Stefan ab und bringt uns aus dem Hafen raus. Noch im Fischereihafen nutzen wir das ruhige Wasser, um in Ruhe das Großsegel zu setzen. Ich lasse defensiv gleich das erste Reff einbinden. So haben wir weniger Kraftaufwand bei den Halsen aufzubringen und die Trainees halten beim Manövertraining länger durch. Vorerst machen wir Kurs in Richtung Den Helder, dabei kreuzen wir fleißig. Eine bessere und natürlichere Möglichkeit, Wenden zu üben, gibt es nicht.

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Frauenpower

1100 – Wir sind kurz vor Den Helder, als wir an Steuerbord die „Lucky Spirit“ in Richtung Nordsee fahren sehen. Ich gehe kurz unter Deck, um Chris eine SMS mit den besten Wünschen zu schicken. Dann lasse ich den Kurs ändern. Ab jetzt fahren wir vor dem Wind. Das wirkt gleich ruhiger, doch der in Richtung Nordsee setzende Strom hält gut dagegen. So kommen wir nur langsam wieder in Richtung Oudeschild zurück. Macht nix, wir wollen ja   auch nur Manöver und Steuern üben.

Also fahren wir nun Halse auf Halse. Immer wieder lasse ich einen Trainee auch eine Kreuzpeilung üben. Mit dem schon gewohnten Ergebnis, dass die Jungs und Mädels bei Welle schnell den Spaß an der Navigation verlieren. Dabei haben wir hier, wenn überhaupt, nur einen halben Meter Welle.

1430 – Es ist genug. Die Manöver sind inzwischen flüssiger geworden, und ich habe vor, heute noch mit der Crew einen Stadtbummel in Den Helder zu unternehmen – Ausbildungsreise hin oder her! Land und Leute kennenzulernen, gehört nun einmal zum Fahrtensegeln dazu. Wir segeln in den Vorhafen von Den Helder und bergen vor der Einfahrt zum Königlichen Marinejachtclub die Segel. Das Anlegemanöver fährt Ute. Auch wenn ich sie dabei noch anleiten muss, hat sie das gut gemacht. Unsere Jungs haben die Leinen geführt. Gerade das Einfädeln der Achterleinen durch die „Gleitstangen“ ist doch immer wieder spannend.

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Hafeneinfahrt Den Helder

1515 – Der Anlegekaffee steht schon auf dem Cockpittisch. Bereits vierzig Minuten später sind wir unterwegs in die Stadt. Naja, eine Touristenhochburg ist Den Helder sicher nicht, doch das Highlight ist das Marine-Museum. Ich erstehe noch einen Spendenwimpel der KNRM und setze diesen gern unter den Wimpel von Sailing Island. Auf dem Rückweg müssen wir noch ein paar Fritaten mit Pommes speciale kosten. Auch das gehört zur niederländischen Kultur. Abends essen wir dann doch lieber an Bord.

Der Blick in den Gezeitenkalender ist ernüchternd… Heute Abend spielt Deutschland um die Weltmeisterschaft, dennoch werden wir um 0500 aufstehen müssen, um rechtzeitig auslaufen zu können.

Trotzdem verbringt ein Teil der Crew den Abend in der Hafenkneipe, wo die Niederländer nun Deutschland die Daumen drücken, nachdem Argentinien die „Oranje“ auf das kleine Finale verwiesen hatte. Nach einigen Genever kommen meine Jungs nach Mitternacht mit der Nachricht an Bord zurück: „Wir sind Weltmeister!!!“

Meilenkonto: 46,2 sm, davon 22,8 sm gesegelt.

 

Montag, 14. Juli 2014 – Den Helder

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 14.07.2014, 02:03 UTC (Universal Time Coordinated) = 04:03 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 3 bis 4 Windstärken aus West bis Südwest, Nieselregen, 10°C

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    Unser Drachen im Königlichen Marine-Jachtclub von Den Helder

  • 2000 bis 0800: in der Nacht zunehmender Wind und aufklarend
  • Tiden:
  • Harlingen:        Hochwasser: 1155 und 0035 (Di)
  • Vlieland:          Hochwasser: 1105 und 2324; Niedrigwasser: 0458 und 1728
  • Den Helder:     Hochwasser: 1026 und 2306; Niedrigwasser: 0406 und 1636

0450 – Mein Wecker reißt mich aus dem Schlaf. „Och neeeee…!“, seufze ich. Der Schlafsack ist gerade so schön warm. Eine kleine Katzenwäsche an Bord und das Kaffeewasser ansetzen nimmt nur zehn Minuten in Anspruch. Ich ziehe mich warm an. Wollstrumpfhosen und mein dicker Fischerpulli müssen sein, meinen „Mullion-Catsuite“ werde ich nachher überziehen.

Hier im Hafen weht der Wind aktuell mit 10 Knoten aus Westnordwest. Das ist an der Grenze von 3 zu 4 Windstärken. Der Luftdruck hat sich seit gestern nicht merklich geändert.

„Guten Morgen“, Mit wachen und neugierigen Blicken kommen Ute und Michael aus der Bugkabine. Stefan und Jonathan dagegen benötigen noch ein paar Minuten länger. Die beiden nehmen sich dankbar eine Tasse Kaffee und das angebotene belegte Brot.

Inzwischen beginne ich damit, unser „Schiff“ zum Auslaufen vorzubereiten. So nach und nach sind wir alle fünf damit beschäftigt. Das Ablegemanöver fahre ich selbst. Im Hafen ist deutlich eine Querströmung zu sehen. Ich habe in solchen Situationen Bedenken hinsichtlich der natürlichen Zeitverzögerung vom Aussprechen der Anweisung bis zum Aufnehmen und Umsetzen. Meine Hände agieren dagegen direkt auf das Wahrgenommene. Und dennoch bin ich vom Effekt der Verwirbelungen im Hafen unangenehm überrascht.

0536 – Wir passieren die Hafenausfahrt. Der Strom versetzt uns deutlich nach Osten. Wir müssen stark vorhalten und sind über Grund mit gerade einmal 2 Knoten nach Westen unterwegs. Mühsam arbeiten wir uns voran. An Segeln ist aktuell noch nicht zu denken, wir würden gegen Wind und Strom keinen Meter vorankommen. Nur die „Eisenfock“ schiebt uns langsam aber sicher westwärts.

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früh morgens Molengat untewegs

0700 – Kurs 350°, wir sind inzwischen unterwegs im Molengat. Der Strom setzt nun nördlicher, wir haben vor 30 Minuten die Segel gesetzt und  kommen nun auch ohne Motor sehr gut voran. Jonathan steht am Steuer, ich halte Ausschau nach den Fahrwassertonnen. Und die versuche ich nun im  Dämmerlicht mit dem Fernglas zu finden. Leider sind die in der Karte angegebenen roten und grünen Fahrwassertonnen seit einem Jahr nicht mehr vorhanden. Stattdessen liegen gelbe Markierungsbojen, je zwei an Steuerbord und Backbord aus. Da wir gerade einmal drei Stunden nach Niedrigwasser unterwegs sind, sind die Sandbänke und flacheren Stellen noch sehr gut auszumachen. Im Nordwesten ist die Brandung nördlich der Noorderhaaks sehr gut zu erkennen.

„010° mehr nach Backbord vorhalten“, weise ich Jonathan an. Wir steuern inzwischen 280° über dem Magnetkompass, um 305° über Grund zu fahren. Das sind 25° Abweichung. Für meine Trainees eine beeindruckende Situation! Eine Stunde später löst Ute Jonathan am Ruder ab. Sie macht diesen Job sehr gut.

0900 – 53°12,1`N 004° 45,1`E, nördlich von Texel. Der Wind weht mit 4 bis 5 Windstärken aus Nordwest. Die Lufttemperatur beträgt inzwischen 16°C, gefühlt sind es nicht mehr als 8°C. Es ist bedeckt mit einer tiefliegenden Stratusbewölkung. Wir segeln einen hohen Halb-Wind-Kurs auf einem Generalkurs von 030°. Dabei beträgt unsere Fahrt durch Wasser 7,4kn, über Grund erreichen wir sogar 8,6kn. 23sm haben wir inzwischen zurückgelegt. Das ergibt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,6kn.

Stefan hat sich zum Schlafen ins Cockpit gelegt, auch Jonathan findet es angenehmer, zu ruhen. Nun überlasse ich Michael die Navigation und behalte lieber meine Crew im Auge. Meine beiden Fußballfans tragen nun die Konsequenzen der Fußballnacht. Wenig Schlaf und Alkohol, dazu eine feuchtkalte Witterung, da kann selbst der stärkste Mann seekrank werden.

1030 – Wir haben das Fahrwasser von Vlieland erreicht, bergen die Segel und fahren unter Maschine weiter. Jetzt orientieren wir uns wieder am Tonnenstrich. Michael und ich geben Stefan, der nun am Ruder steht, die jeweilige Peilung zur nächsten Tonne an. Der Strom drückt uns nur noch schwach in die Vliesloot hinein. Das war auch so geplant, denn zum Hochwasserzeitpunkt herrscht Stauwasser. So nennt man den Zustand, wo keine Gezeitenströme wirksam sind. Dadurch können wir ohne störende Querströme in den Hafen von Vlieland einlaufen.

„An der Tonne „VS7“ übernehme ich das Ruder. Bis dahin immer an den grünen Tonnen lang, nicht an den Pricken“, , gebe ich Stefan noch eine Orientierung. Im Prinzip müssten wir auch an den Pricken fahren können, weil wir ja bei Hochwasser ankommen. Doch ich mag einfach kein Risiko eingehen.

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Kurz vor dem Hafen von Vlielland

1130 – Ich habe das Ruder übernommen, was nicht bedeutet, dass Stefan jetzt Pause hat. „So ihr Lieben… wie immer: zwei links – zwei rechts, Stefan und Jonathan aufs Vorschiff, Michael und Ute achtern. Legt mir mittschiffs noch zwei Fender in Reserve“, Meine Kommandos kommen deutlich. Umherschreien ist nicht notwendig und auch nicht meine Art.

Langsam fahre ich auf die Hafeneinfahrt zu und orientiere mich an den Tonnen, wie stark der Strom noch ist. Ich schätze den aktuellen Strom auf einen Knoten. „Doch noch kein Stauwasser“, denke ich. Immerhin ist an den Tonnen ein klares Kielwasser zu erkennen. Erst als ich die Einfahrt genau querab habe, drehe ich an. Der Strom unterstützt die Drehung. Schnell sind wir in der Hafeneinfahrt. Ich reduziere die Geschwindigkeit bis auf Standgas.

Der Hafenmeister kommt uns mit dem Schlauchboot entgegen. „Wie lang und wie breit?“, ist seine Frage. „11,30m lang und 3,70m breit“, meine Antwort. „Steg Delta, ihr habt freie Auswahl“, informiert er uns. Dann gibt er Gas und fährt die nächste Yacht an.

Am Steg D ist ein schöner Außenliegeplatz frei. Ich mag jetzt nicht in die Boxengasse einfahren und übers Heck anlegen. Deshalb fahre ich an dem Liegeplatz ein Stück vorbei und anschließend meinen geplanten Liegeplatz in Rückwärtsfahrt an. „Achterleine über und fest“, weise ich Jonathan an. „Fest“, kommt die Bestätigung. Ich gebe behutsam vorwärts Gas und drehe unseren Drachen sanft an den Steg. Die Geschwindigkeit der Drehung kontrolliere ich mit der Ruderlage. „Achterleine belegen, Vorleine über“, sind die nächsten Kommandos. Parallel dazu stelle ich das Ruder fest und gehe mit Jonathan auf den Steg.

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Einlaufen in Vlieland

„Jonathan, du baust mit Stefan eine Achterspring und kümmerst dich anschließend um den Strom“, Nach diesem Kommando grinse ich Ute an. „Bauen wir beide eine Vorspring?“

1200 – Sechs Stunden und fünfundvierzig Minuten nachdem wir in Den Helder abgelegt haben, sind wir in Vlieland angekommen und haben fest gemacht. 40,6 Seemeilen haben wir zurückgelegt, damit beträgt unsere Durchschnittsgeschwindigkeit 6,01 Knoten. Jippie! Gemeinsam spritzen wir noch unser Deck ab. Schon liegt ein blitzblanker Drachen am Steg D in Vlieland. Schön!

Gemeinsam mit Jonathan, unserem Zahlmeister, melde ich unsere Yacht im Hafenmeisterbüro an. Anschließend verzieht sich die gesamte Crew in das Hafenrestaurant. Es gibt Burger mit Pommes, einige Amstel-Bier, dazu einen oder zwei Bessengenever und 80 Minuten später sind an Bord der „Fuchur“ alle am Schlafen.

1630 – Ich werde wach, im Boot ist noch alles ruhig. Also nehme ich mir meine Waschtasche, frische Unterwäsche und begebe mich zum Sanitärgebäude. Die Duschen kosten zwar einen Euro für fünf Minuten, doch es ist mir vollkommen egal, dass ich heute für drei Euro Dusche. Es ist zu schön.

Auf dem Rückweg zum Boot treffe ich Stefan im Hafenkiosk. Wir kaufen gleich noch ein paar Dinge ein, dann hilft er mir an Bord zu kochen. Heute gibt es „Monis Notpinnentopf“. Ich mache das Gericht ein wenig pikanter als gewöhnlich. Dabei hilft die scharfe Salami, welche wir im Kiosk erstanden haben. Pünktlich um 1800 habe ich das Essen fertig. Ute hilft im Cockpit beim Tisch decken und wir genießen in der schönen, warmen Luft, bei Sonnenschein und inzwischen 21°C unser Abendessen.

„Deutschland Weltmeister!“ werden wir vom Nachbarboot begrüßt. „Dürfen wir längsseits kommen?“ „Gerne“, sage ich nur im Aufstehen. Dann nehmen wir die Festmacherleinen unseres Außenliegers an. Ein wenig Smaltalk folgt noch, doch bereits nach zwanzig Minuten sind wir allein. Unsere Nachbarn essen lieber an Land.

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Hauptstrasse in Vlieland

Gegen 1830 mache ich mich mit Jonathan auf den Weg in den Ort Vlieland. Der Yachthafen liegt ungefähr zwei Kilometer außerhalb des Ortes. Ute und Michael kümmern sich um den Abwasch. Der Ort ist sehr schön, ein echter Hingucker. Ich stelle mir vor, wie schön es wäre, hier mit Martina mal eine  Woche Urlaub zu verbringen. Wir trinken im Pub noch ein Guinness, dann machen wir uns auf den Heimweg.

Gegen 2100 gehen wir alle in die Kojen. Es war auch ein langer und ereignisreicher Tag.

Meilenkonto: 86,8 sm, davon 47,4 sm gesegelt.

 

Dienstag, 15. Juli 2014 – Vlieland

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 15.07.2014, 03:36 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:36 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 4 bis 5 Windstärken Südwest
  • 2000 bis 0800: Wind 3 bis 5 Windstärken West auf Nordwest drehend, abflauend
  • Tiden:
  • Harlingen: Hochwasser: 1245 und 0120 (Mi)
  • Vlieland: Hochwasser: 1145 und 0020; Niedrigwasser: 0542 und 1816
  • Kornwerderzand: Hochwasser: 1246 und 0104; Niedrigwasser: 0648 und 1922
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Plattbodenschiffe bei Niedrigwasser im Hafen

0600 – Westwind mit 5 Windstärken, in Böen sogar 6. Die Luft ist frisch mit 14°C. Der Himmel ist bedeckt, immer noch eine tiefe Stratusbewölkung. Ich nehme meine Sachen und gehe zum Sanitärgebäude. Eine Dusche nehme ich dennoch, getreu dem Motto: „Keine Gelegenheit für eine warme Dusche auslassen!“ Anschließend drehe ich eine Runde durch den Hafen. Die Plattbodenschiffe liegen richtig tief. Klar, wir haben ja noch fast Niedrigwasser. Die Flut läuft erst seit zwanzig Minuten herein.

Gemütlich schlendere ich in der Umgebung des Hafens herum. Ich genieße es, allein zu sein. Ich hänge meinen Gedanken nach und warte bis 0700, um zuhause in München anzurufen. Ich freue mich, dass Martina sich die Zeit nimmt, obwohl sie bald zur Arbeit muss.

0800 – An Bord ist das Frühstücksgeklapper zu hören. Unsere Nachbarn gehen behutsam über Deck. Nur leise sind ihre Schritte zu hören. Vermeiden kann es niemand. Dazu sind die Decks einfach zu dünn.

0900 – Wir sehen uns den Motor an: Impeller, Lichtmaschine, Öl- und Dieselfilter, Kühlwasserausgleichsbehälter, manuelle Schaltmöglichkeiten, Ölstand, Keilriemen und Seewasserfilter. Nichts Besonderes eigentlich, doch wer lernt heute noch etwas über Fahrzeugmotoren in der Fahrschule?

1030 – Jonathan legt ab, fährt uns aus dem Hafen. Dann kommandiert er das Setzen der Segel. Das Großsegel wird gleich im ersten Reff gesetzt, die Fock auf 80% reduziert. Bald schon segeln wir im mitlaufenden Strom in Richtung Kornwerderzand.

1145 – Wir können die Höhe am Wind nicht halten. Der Wind- und Stromversatz drücken uns aus der Fahrrinne. Ungern lasse ich den Motor starten und die Segel bergen. Aber es ist einfach das Sicherste. Die Segel bergen wir in Fahrt, ohne aufzuschießen. Bei Halbwindkursen geht das noch. Nicht schön, aber es geht. Immerhin konnten wir 13 Seemeilen segeln.

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Plattbodenschiff welchen mit raumen Wind durch die See prescht

Nun genießen wir neidisch die Anblicke der durch die Wellen reitenden Plattbodenschiffe, die uns mit Raumschotkursen entgegenkommen.

Reihum macht sich jeder ein paar belegte Brote. Dank Ute gibt es auch Kaffee dazu. Immer noch ist der Himmel bedeckt. Ich erreiche Chris am Mobiltelefon. Die „Lucky Spirit“ ist am Sonntag nicht nach England gefahren. Bis zur TX1 hatte er bereits vier Seekranke an Bord. Es wäre unverantwortlich gewesen, weiterzufahren. Sie haben also umgedreht und hatten glückerweise passenden Strom für Oudeschild auf Texel. „Nomen est Omen“, sagt der Lateiner. Immerhin sind sie auf der „Lucky Spirit“ unterwegs. In Oudeschild haben sie dann das WM-Finale gesehen und sind gestern Manöver übend nach Den Helder gefahren. Aktuell sind sie im Texelstrom nach Kornwerderzand unterwegs. Wir verabreden uns für Hindeloopen. Ich freue mich riesig, dass wir mit zwei Booten dort sein werden.

1550 – Wir haben die Schleuse in Kornwerderzand passiert. Direkt im Schleusenhafen setzen wir die Segel. Bei Westwind mit 5 Windstärken bleibt das Großsegel einfach gerefft, die Fock fahren wir voll. Dann lasse ich meine Crew mit Manöverkreisen auf einem Generalkurs nach Hindeloopen üben. Luftlinie beträgt die Distanz gerade 7,5sm. Doch Luftlinie gibt es auf einer Ausbildungsyacht sehr selten. Als wir in Hindeloopen einlaufen haben, wir noch einmal 18,4sm zurückgelegt.

1815 – Wir sind fest in Hindeloopen. Den Liegeplatz für die „Lucky Spirit“ haben wir schon mitbezahlt. Die „Luckys“ laufen nur fünfzehn Minuten nach uns ein. Auch die Crews freuen sich auf den Austausch untereinander.

Während die Crews auf der „Lucky“ klönen, verziehen sich Chris und ich auf die „Fuchur“ und tauschen unsere Gedanken aus. Anschließend geht es um allerlei Dinge, wie Familie und den alltäglichen Wahnsinn.

Kurz vor 2000 rufe ich noch in der Heimat an. Am liebsten hätte ich Martina hier. So gerne würde ich das alles mit ihr gemeinsam erleben und dennoch hätten wir auch dann nicht mehr Zeit für uns. Meine Aufgabe hier ist es, mich um mein Schiff und meine Crew zu kümmern. Mein Arbeitstag hat mehr als nur acht Stunden. Später ziehe ich mich in meine Kabine zurück und nehme mir mein Buch vor. Gerade, weil es nur wenige Stunden sind, ist es mir sehr wichtig, auch etwas Zeit bewusst für mich zu haben.

Meilenkonto: 129,2 sm, davon 75,9 sm gesegelt.

 

Mittwoch, 16. Juli 2014 – Hindeloopen

  • Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 16.07.2014, 03:24 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:24 Ortszeit
  • 0800 bis 2000: Wind 1 bis 2 Windstärken, umlaufend

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    Morgenstimmung in Hindeloopen

  • 2000 bis 0800: Wind 2 bis 3 Windstärken aus Ost (East)

0600 – Wind ist nicht vorhanden. Es ist warm, 18°C, der Himmel ist hellblau und wolkenfrei. Ich nehme mir nach dem Duschen meinen Laptop und einen Tee ins Cockpit und genieße die Ruhe. Ein paar Bilder lade ich ins Facebook-Album und dann rufe ich kurz zu Hause an.

Es ist eine tolle Stimmung und wenn wir nicht eine Ausbildungsyacht wären, könnte ich sogar der Wetterprognose etwas abgewinnen. So mache ich mir Gedanken, wann ich die Rettungsmanöver unter Segeln üben soll. Gut, dann üben wir eben Rettungsmanöver unter Maschine bei Flaute. Wenn dann noch zu viel Zeit ist, sind immer noch An- und Ablegemanöver zu üben. Mein Plan steht, als das Frühstück unten fertig ist. Jetzt noch eine zweite Tasse Tee und ein schönes Müsli mit Jogurt.

0915 – Wir nehmen Kurs auf Stavoren. Allerdings hat „Otto“, unsere Übungsboje, heute so gar keine Lust, an Bord zu bleiben. Immer und immer wieder fällt er über Bord. Jeder Trainee fährt seine 5 funktionierenden Rettungsmanöver. Erst als das klappt, gibt es gegen 1230 eine kleine Badepause. Dabei nutzen wir die Gelegenheit, auch Jonathan und Stefan „real“ zu retten.

1300 – Wir haben in Stavoren am Wartesteg der Schleuse festgemacht. Wind immer noch nicht existent. Egal, jetzt gibt es ein Eis und Kibbeling. Zugegeben, das ist eine merkwürdige Mischung. Aber wenn man das nacheinander isst, geht das ganz gut.

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An- und Ableger-Übungen zu zweit

Anschließend üben wir An- und Ablegen. Dabei achte ich darauf, dass die Manöver nur zu zweit gefahren werden. Wer das Manöver zu zweit kann, kommt auch zu viert klar. Doch kaum zeigt sich eine schwache Brise, geht es raus aus dem Hafen zum Üben von Segelmanövern. Bei dem wenigen Wind fahren wir die Manöver im Zeitlupentempo.

1600 – Der Wind ist wieder weg. Immerhin konnte jeder zwei Übungsmanöver unter Segeln fahren. Nun üben wir noch An- und Ablegen in der Box. Kurz vor 1830 machen wir zum letzten Mal für heute in „unserer Box“ in Stavoren fest. Auch wenn es witzig ist, wir haben heute 21 Seemeilen auf der Logge. Dabei sind es von Hindeloopen gerade einmal fünf Meilen hier herüber.

Den Abend verbringen wir im „Cafe Max“ in Stavoren. Zum Kochen hatte heute keiner Lust. So richtig spät wurde es erst, als wir auf dem Laptop YouTube-Videos geschaut haben. Der Bauch hat uns vor Lachen wehgetan. Ich habe mich zwischendrin für eine Stunde abgeseilt. Meine Stunde, die mir wichtig war, um zuhause anzurufen, aber auch, um ein wenig allein zu sein.

Meilenkonto: 150,2 sm, davon 78,9 sm gesegelt.

 

Donnerstag, 17. Juli 2014 – Stavoren

  • Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 17.07.2014, 03:24 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:24 Ortszeit
  • 0800 bis 2000: Wind 0 bis 2 Windstärken, umlaufend – später zunehmend
  • 2000 bis 0800: Wind 2 bis 3 Windstärken aus Ost (East)

0600 – Wind 2 bis 3 Windstärken aus Ost (East), Lufttemperatur jetzt schon 21°C, am Himmel leichte, hohe Schleierwolken, genannt Cirrostratus. Mir ist klar, dass es heute anstrengend wird. Anstrengend, weil zu wenig Wind. Wir beginnen beim Frühstück schon mit der Besprechung der Wetterkunde, dann folgen Gas- und Motorenanlage.

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MOB-Übungen unter Segeln

Anschließend noch einmal eine kurze Wiederholung der Sicherheitseinweisung und dann, dann geht es um 0945 aus dem Hafen. Da wir völlige Flaute haben, lege ich sehr großen Wert darauf, dass die Yacht bei Aufnahme der Boje wirklich steht. Immer und immer wieder fahren wir die Manöver, alles in Sichtweite der Hafenanlage. Wozu auch weit wegfahren?

1245 – Nach drei Stunden brummt allen der Schädel. Wir laufen ein und machen wieder eine „Eis- und Kibbeling-Pause“. In der Hitze brüten, wollen wir nicht, also spannen wir am Heck eine Decke als Sonnenschutz. Während draußen vor dem Hafen unsere drei „Schwesterschiffe“ üben, halten wir Siesta.

1545 – Wind! Echter Wind! Wir legen ab und laufen aus. Die „Lucky Spirit“ und die „PIM“ kommen uns einlaufend entgegen. Wir gehen noch einmal raus, üben. Jetzt fahren wir in der frischen Brise ein Rettungsmanöver nach dem anderen. Nach drei Stunden ist es aber auch uns genug. Zum Abschluss lasse ich Ute, die sich richtig gut entwickelt hat, eine Strecke einfach nur so segeln.

1915 – Wir sind für heute fest an unserem Stammliegeplatz. Während meine Crew schon kocht, gehe ich noch zu Martin auf die „Hürriyet“. Da ich sein Schiff in der kommenden Woche übernehme, lasse ich es mir von ihm heute Abend bereits zeigen und die Besonderheiten erklären. Martin liegt schon am Steg „A“. Dadurch hat er morgen früh weniger Stress vor der Prüfung und kann so entspannter Frühstücken. Ich nehme mir diese Anregung für die Zukunft mit.

Spät am Abend telefoniere ich noch sehr lange mit Martina. Ich habe auch endlich wieder ein schnelles Internet und kann mich so um die vielen Mails kümmern. Erst kurz vor Mitternacht komme ich zum Schlafen.

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während des Manövertraining

Meilenkonto: 168,4 sm, davon 89,7 sm gesegelt.

 

Freitag, 18. Juli 2014 – Stavoren

Wetterprognose des KNMI (Königlich-Niederländisches Meteorologisches Institut) vom 18.07.2014, 03:58 UTC (Universal Time Coordinated) = 05:58 Ortszeit

  • 0800 bis 2000: Wind 2 bis 3 Windstärken, aus Südost (Southeast), 32°C
  • 2000 bis 0800: Wind 3 bis 4 Windstärken, aus Südost (Southeast), 22°C

0600 – Wind, 2 Windstärken aus Ost (East), Lufttemperatur jetzt schon 23°C, Himmel blau und wolkenlos. Langsam gehe ich über den Steg zur Dusche. An Bord herrscht bereits emsiges Treiben. Die Taschen werden gepackt, Frühstück wird gemacht und nebenbei immer wieder ein Blick ins Lehrbuch geworfen. Kurz, es ist Prüfungsmorgen. Ich habe mich dem bewusst entzogen. In aller Ruhe dusche ich, bevor ich zum Essen an Bord zurückkehre. Auf dem Rückweg grinse ich Franz an und winke Chris zu, der noch ein wenig verschlafen unterwegs zur Dusche ist.

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… einfach nur Segeln …

0830 – Ich starte den Motor und fahre die „Fuchur“ hinüber zum Steg „A“, lege meinen „Drachen“ hinter der „Hürriyet“ an und versuche nun ganz cool und entspannt zu wirken. Innerlich bin ich nervös und hoffe, dass heute alles klar geht, dass niemand in der Aufregung ein falsches Kommando gibt, sich nicht am Rad verdreht und sich auch nicht um Kopf und Kragen redet. Der Klönschnack mit Chris, Martin und Franz lockert mich wieder auf. Martina habe ich nur eine kurze SMS geschickt. Jetzt reden, das wird nix.

1015 – Wir haben die Prüfer an Bord und laufen aus. Kurz gesagt, es haben alle vier bestanden. Die Prüfer haben durchaus auch ein paar mehr Hühneraugen zugedrückt. Ich kann nicht sagen, ob ich alle Pannen „übersehen“ hätte. Dennoch kann ich meinen Schützlingen mit einem lachenden und weinenden Auge zur bestandenen Prüfung gratulieren. Ich freue mich ehrlich für sie. Und ich bin sicher, dass keiner von ihnen leichtsinnig sein wird.

1140 – Wir legen an der Tankstelle an, bunkern den verbrauchten Diesel, dann fahre ich den kleinen Drachen in seine Box. Mir wird das Herz schwer, als meine drei Jungs mit Ute von Bord gehen. Doch der Abschied muss ja sein. Ich muss auch noch auf die „Hürriyet“ umziehen, Wäsche waschen und möchte auch ein paar freie Stunden haben. Martina schicke ich schnell eine SMS. Dann geht der Umzugsstress los.

Meilenkonto Fuchur-Reise: 180,2 sm, davon 95,9 sm gesegelt.

… weiter geht’s im zweiten Teil —>

Fotoalbum zur Reise auf Facebook    www.segeln-mit-herz.de    wir auf YouTube

„Long John Silver“ – das Piratenschiff beim „Baltic Cup 2014“


Samstag, 07. Juni 2014 – Kühlungsborn

1330 – Ein ganz leichter Luftzug streicht über die Hafenpromenade von Kühlungsborn, auf der Martin und ich stehen. Wir haben eben fast dreißig Minuten nach einem Parkplatz gesucht. Aktuell laufen die Vorbereitungen für das Hafenfest, eine Regatta hat aktuell Zieleinlauf und dann noch hunderte Wochenend- und Feriengäste. Da sind die paar Parkplätze sehr schnell voll. Zuerst gönnen wir uns dennoch einen Imbiss.

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Elan37 „Long John Silver“

1420 – Alex und Peter sind auch eingetroffen. Wir nehmen unsere „Long John Silver“, eine Elan 37 in Besitz. Die Übergabe der Yacht war wirklich unkompliziert. Das Boot ist im normalen Gebrauchszustand. Die üblichen Abnutzungserscheinungen einer Yacht, die zu segeln genutzt wird und nicht als Ausstellungsobjekt dient. Wir haben ein gutes, fast neues Großsegel und eine sehr gute Fock. Als Leichtwindreserve ist noch eine sehr betagte und nicht mehr wirklich stabile 140%-Genua an Bord. Immerhin haben wir ein Segel für Schwachwind. Wir werden sie zu nutzen wissen.

Wir beginnen unser Gepäck an Bord zu bringen. Das gestaltet sich aufgrund der schwierigen Parkplatzsituation schwierig. Ein Yachthafen mit fast 1000 Liegeplätzen und nicht einmal 100 Parkplätzen ist ein massives Missverhältnis. Hier kann Kühlungsborn definitiv nachbessern. Wir bilden eine Kette, um die Taschen und Körbe von den Autos zum Boot zu bringen. Denn Bollerwagen, wie in anderen Yachthäfen, gibt es auch keine.

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Kühlungsborn

1600 – Zu viert fahren wir zum Einkaufen. Alex hat die Leitung in der Kombüse und der Verproviantierung übernommen. Peter, Martin und auch ich wuseln, um die benötigten Lebensmittel in zwei Einkaufswägen zu verstauen. Wieder bewährt sich unsere Kette vom „Parkplatz“ zum Boot. Martin reserviert noch fix unsere Frühstücksbrötchen für den kommenden Morgen. Dann heißt es, Taschen auspacken und alles im Boot an der richtigen Stelle verstauen.
2000 – Verschwitzt und hungrig gehen wir diesen Abend auf der Strandpromenade ins Lokal zum Essen. Der Abend wird noch sehr schön und klingt an Bord mit einem guten Störtebeker, dem „Bier der Gerechten“, aus.

Sonntag, 08. Juni 2014 – Kühlungsborn

Wetterprognose für heute: Wind aus Ost mit 2 bis 3 Beaufort, Schauerböen. Wetterprognose für morgen: Wind umlaufend mit 3 Beaufort, später Südost 4 Beaufort.

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Martin in bester Laune

0700 – Die Morgenroutine stellt sich sehr schnell ein. Auf dem Weg von der Dusche werden die Frühstücksbrötchen abgeholt, der Kaffee und Teewasser sind bald fertig und kurz vor 0800 sitzen wir zu viert um unseren Frühstückstisch und besprechen den heutigen Tag. Strecke machen ist heute nicht geplant. Wir werden Segelmanöver und die Steuerleute trainieren. Dazu uns mit den Segeleigenschaften vertraut machen und uns auf die Instrumente einspielen.

0920 – Wir laufen gemütlich aus. Setzen direkt vor dem Hafen die Segel und spielen uns reihum am Steuer und den Winschen. Der Wind kommt mit 2 bis 3 Beaufort aus Nordost. Gegen 1100 müssen wir wegen einer längeren Böe, von 26 Knoten – das sind obere 6 Beaufort, reffen. Das geht für den ersten Tag wirklich fix. Peter, der dabei am Ruder stand, hat die „Long John“ gut im Wind gehalten. Gemeinsam mit Alex habe ich bald das Reff drinnen. Martin hat sich um die Großschot gekümmert. Im zweiten Reff geht es weiter. Die „Long John“ erreicht dabei bis zu 8 Knoten Fahrt durch das Wasser. Gut, sehr gut.

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„Cocktail to go“ nach dem Trainingstag

1330 – Wir haben wieder ausgerefft. Mit 4 Beaufort und Vollzeug fliegen wir auf wechselnden Kursen vor Kühlungsborn hin und her. Ein Manöverkreis, gefolgt von Am-Wind-Kursen, die sich mit Raum-Schot-Surfs abwechseln. Ein herrlicher Segeltag! 26 Seemeilen haben wir im Kielwasser zurückgelassen, als wir gegen 1600 vor dem Hafen die Segel bergen und wieder einlaufen. Leider ist unsere Box belegt, so dass wir ins Päckchen zu einer Yacht mit sächsischer Crew gehen, was bei Martin sofort zur Verbrüderung mit den Nachbarn führt. Eigentlich ist es schön, wie kontaktfreudig der Bursche ist.

Peter organisiert uns in der Gaststätte am Steg einen „Cocktail to go“ und wir genießen nach dem Trainingstag den Anlegeschluck. Alex und Peter lassen sich von mir das Spleißen zeigen und so wird es noch ein richtig schöner Nachmittag. Leider treibt uns ein Gewitter mit Sturmböen und Starkregen unter Deck. Jetzt vermissen wir eine Sprayhood. Naja, man kann eben nicht alles haben.

Der Abend ist nach dem leckeren Essen, mit dem uns Alex verwöhnt hat, bald spät geworden. Und so hört man an Bord der „Long John“ bald nur noch die ruhigen Atemzüge der Schlafenden.

Meilenkonto: 26 sm, davon 25 gesegelt

 

Montag, 09. Juni 2014 – Kühlungsborn à Neustadt/Holstein

Wetterprognose für heute: Wind umlaufend mit 2 bis 3 Beaufort, abnehmend, abends Gewitter. Wetterprognose für morgen: Wind umlaufend mit 2 bis 3 Beaufort.

0700 – Der Dauerregen heute Nacht machte es schwer die Decksluken zur Lüftung zu öffnen. Erst gegen 0530 ließ der Regen so weit nach, dass ich das Decksluk der Bugkabine zum Lüften öffnen konnte. Doch ich bin dann noch einmal eingeschlafen. Auch im Achterschiff, wo die Jungs schlafen, herrschte noch länger Ruhe.

0845 – Wir machen uns klar zum Auslaufen. Leider nutzt Martin beim Ablegemanöver statt eines Fenders seinen Daumen, um das Schiff vom Nachbarn abzuhalten. Dies ist bei einem Springmanöver keine gute Idee! Nun haben wir also schon den ersten Einsatz für unseren „Bordarzt Alex“. Martin ärgert sich sichtbar über diesen Fauxpas, aber zu ändern ist dies jetzt nicht mehr.

Vor dem Hafen versuchen wir gar nicht erst die Segel zu setzen, der Wind – welcher Wind? Also lassen wir Martin ans Ruder und er kann jetzt üben, nach Kompasskursen das Boot auf Kurs zu halten.

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… ein Blick zum Steuermann. „Hallo Peter!“

1000 – 54°10,5`N 011° 3909`E – Martin wird am Ruder erlöst. „Rüdiger“ der Autopilot übernimmt das Ruder. Auf der spiegelglatten Ostsee bauen wir im Cockpit den Tisch auf und spielen Skat. Alle paar Minuten ein Rundumblick. Nicht das wir noch ein Küstenmotorschiff versenken. Das wäre doch sehr ungeschickt.

1145 – Zuerst war es auf der Wasseroberfläche zu erkennen. Das Wasser hat sich ganz sachte gekräuselt, später bildeten sich richtige kleine Wellen. Wind! Ja, es sind gerade einmal 2 Beaufort, doch der sollte uns zum Segeln reichen. Also, Segel gesetzt, „Rüdiger“ deaktivieren und dann ans Ruder. Immerhin erreichen wir bei dem wenigen Wind schon 5 Knoten Fahrt durch Wasser, das ist doch super. Später als der Wind nachlässt erreichen wir immerhin 3 bis 4 Knoten Fahrt durch Wasser. Wir schaffen es problemlos eine Bavaria32 cruiser aus der 2011er Baureihe einzuholen. Die deutlich schwerere Yacht scheint zu treiben. Jiiha! Das macht doch Mut.

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… und der Blick des Steuermannes.

1540 – An der Ansteuerung von Neustadt bergen wir die Segel, tuchen diese ordentlich auf und ziehen die Persenning darüber. Ein nettes Erlebnis haben wir noch, als ein paar übermütige Motorbootenthusiasten uns im Fahrwasser knapp vor dem Bug passieren, um uns mit ihrer Heckwelle ein wenig durchzuschaukeln. Zu ihrem eigenen Pech haben sie das RIB der Küstenwache übersehen. So dürfen wir die Kontrolle und Verordnung der Ordnungsstrafe direkt beobachten. Zugegeben, ein wenig Schadenfreude ist schon dabei. Eine knappe halbe Stunde später sind wir im „Alten Hafen“ von Neustadt/Holstein fest.

Ich träume vom April des letzten Jahres, als ich mit der „Silvie“, „unserem LI Andreas“ und seiner lieben Frau Silke hier war. Auch Peter und Alex denken heute an den LI. Er wollte so gern mit uns hier an Bord sein, doch die Arbeit hält ihn fern. Nun, daran ist nichts zu ändern. Wir schmieden aktuell eine Piratencrew zusammen. Und dass diese Crew toll ist, daran zweifelt niemand an Bord.

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Neustadt/Holstein

Anstelle eines „Anlegeschluckes“ gibt es heute ein „Anlegeeis“ anschließend einen Stadtbummel und dann ein wundervolles Abendessen an Bord. Alex lässt sich den Platz in der Kombüse nicht nehmen. Er ist aber auch ein begnadeter Koch. Ihm macht es Freude uns zu verwöhnen. Und uns macht es Freude alles aufzuessen, was er zaubert.

Meilenkonto: 59,4 sm, davon 42,2 sm gesegelt.

 

Dienstag, 10. Juni 2014 – Neustadt/Holstein à Travemünde/Passathafen

Wetterprognose für heute: Wind umlaufen mit 2 Beaufort, abnehmend. Wetterprognose für morgen: Wind aus Südost mit 3 Beaufort.

0700 – Die Luft steht im Hafen als ich auf dem Weg zur Dusche bin. Wir beschließen den Vormittag für Besorgungen zu nutzen. Die Flaute zieht uns nicht auf das Wasser hinaus. Also wird ausgiebig gefrühstückt. Dann beratschlagen wir, welche Vorräte an Bord ergänzt werden müssen.

Gegen 0900 machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Die Geldautomaten werden besucht, im Edeka kaufen wir noch einmal gründlich ein und dann schleppen wir alles gemeinsam an Bord.

1100 – Wir machen klar zum Auslaufen. Wir haben uns einen Trainingsdreickskurs ausgesucht. Den wollen wir zwei Mal absegeln und dann die Zeiten vergleichen. Wind aktuell 1 bis 2 Beaufort aus West. Noch auf dem Sund setzen wir die Segel und langsam segeln wir hinaus in die Neustädter Bucht. An der Tonne „Neustadt 1“ starten wir die Stoppuhr. Ab hier läuft unsere Regatta gegen die Uhr. Die Tonne „Neustadt 1“ ist auch das geplante Ziel.

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„Wir gehen baden und wissen schon lange wie das geht, denn es gibt Baderegeln, die jedes Kind versteht… „

1200 – Wind? Nicht mehr vorhanden. Wir rollen die Fock weg. Das Großsegel lassen wir stehen, es spendet Schatten. Gemeinsam mit Peter springe ich ins Wasser und wir genießen es zu schwimmen und uns im Wasser treiben zu lassen.

1230 – Wir merken es wieder zuerst an der Wasseroberfläche. Leise und ganz zart beginnt es sich zu kräuseln. Wir trocknen uns ab und tragen wieder Sonnencreme auf. Dann rollen wir die Fock aus und nehmen ganz sanft Fahrt auf. Gemeinsam wählen Alex und ich uns einen neuen Trainingskurs aus. Wir entscheiden uns für zwei „Up and Downs“, um die Zeiten vergleichen zu können. Peter steuert konzentriert, während ich die Fock trimme und nebenbei Martin am Großsegel trainiere. Alex, als Taktiker, überprüft fortwährend unsere Geschwindigkeit und gibt uns permanentes Feedback hinsichtlich der Trimmkonsequenzen.

1440 – Der Wind ist wieder weg. Das Wasser ist spiegelblank, wir treiben nur noch. Da wir ausreichend Platz haben, nehmen wir uns den Spi-Baum und trainieren die Arbeitsabläufe zum Ausbaumen der Fock, oder Genua. Ein halbes dutzend Mal wird das Segel ausgebaumt, geschiftet und wieder der Baum weggenommen.

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Arbeitsabläufe werden eingeübt.

1550 – Wir bergen die Segel. Gemütlich fahren wir in den Passathafen von Travemünde. Die Luft steht und „drückt“ regelrecht. Wir haben keine Lust auf einen Anlegeschluck, als wir um 1620 festmachen. Aber ein Eis wäre echt toll. Leider haben wir im Hafenrestaurant kein Glück. Die haben echt kein Eis mehr! Ist ja auch seltsam, dass bei 30°C die Kunden gern Eis hätten. Dabei sah die Eiskarte sehr vielversprechend aus. Nun denn, so freut sich der Kioskbesitzer über etwas mehr Umsatz.

Abends werden wir wieder von Alex kulinarisch verwöhnt. Es ist echt genial, wie er uns bekocht. Der Abend klingt im Cockpit mit ein zwei guten Whiskey aus und wir genießen die laue Luft.

Ich nutze die Gelegenheit der „My Sunshine“ einen kurzen Besuch abzustatten. Sie wird kommende Woche ebenfalls in der Regatta mitfahren und im August habe ich sie für zwei Wochen, um einen SKS-Ausbildungstörn zu fahren. Allerdings ist noch nicht die Regattacrew an Bord. So gibt es also keine neuen Erkenntnisse für die kommende Regatta.

Passathafen Travemünde

Meilenkonto: 74,3 sm, davon 57,1 sm gesegelt.

 

Mittwoch, 11. Juni 2014 – Travemünde/Passathafen à Heiligenhafen

Wetterprognose für heute: Wind NW 2 bis 4 Beaufort (5 in Böen), teilweise bewölkt. Wetterprognose für morgen: Wind NW 4 bis 5 Beaufort, zunehmend, bewölkt.

0700 – Aktuell haben wir eine schöne Brise. Circa 4 Beaufort aus Südwest. Wir freuen uns auf das Frühstück mit Julia Reiner und den Kindern Jessica und Simon. Die Beiden werden uns heute auf der Fahrt nach Heiligenhafen begleiten.

Doch auf die Frühstücksbrötchen müssen wir ein wenig länger als geplant warten. Die drei haben einen Stau erwischt. Das kann man eben nicht vorhersehen. Im Anschluss an das Frühstück besichtigen wir zu siebt die „Passat“. Immer wieder ist es beeindruckend auf ihrem Deck zu stehen, das gewaltige Rigg zu bestaunen und die Leistung der Männer zu bedenken, die hier an Bord lebten und arbeiteten.

1140 – Wir machen klar zum Auslaufen. Julia winkt uns vom Steg noch ein wenig hinterher, schon sind wir auf der Trave und bald darauf auf See. Doch der Wind, er verlässt uns schon wieder. Das ist ärgerlich. So können wir nur den Motor starten, denn wir müssen heute Abend in Heiligenhafen sein.

Wir beschäftigen uns mit den Kindern. Von Ruderwache gehen, über den Bug in die Bugwelle sehen, mit Ferngläsern an Land und andere Schiffe sehen, alles wird ausprobiert.

Gegen 1400 koche ich den Kindern und uns Spagetti. Meine Jungs sind inzwischen echt lieb um die Kinder bemüht.

1530 – Etwas Wind haben wir. Bisher sind wir 20 Seemeilen unter Maschine gefahren. Wir setzen die Segel und genießen die Ruhe an Bord. Doch am Fehmarnsund müssen wir bei Nordwest doch wieder unter Maschine durch den Sund fahren.

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Immer konzentriert am Ruder.

1720 – Hinter dem Sund drehen wir noch zwei Dreieckskurse in dem schwachen Wind. 2 bis 3 Beaufort aus Nordwest. Auf dem Am-Wind-Schenkel erreichen wir bei 8 Knoten wahrem Wind fast 6 Knoten Fahrt durch Wasser. Das ist gut. Dafür scheinen wir auf dem Vor-Wind-Schenkel mit 2 bis 3 Koten durch Wasser regelrecht zu stehen.

Ohne es geplant zu haben, befinden wir uns auf unserer zweiten Runde mitten in der Mittwochsregatta. Wir haben prompt die gleichen Tonnen wie die ansässigen Segler genutzt. Jetzt haben wir sogar richtige Sparringspartner. Wir machen keine schlechte Figur. Das baut uns richtig auf.

1920 – An der Untiefentonne „Heiligenhafen-Ost“ nehmen wir die Segel runter und fahren in den Hafen. Michael, Julia und Kilian erwarten uns schon. Ein Anlegeschluck muss noch sein. Dann steigen wir in die Autos von Michael und Kilian und fahren zum Hauptturm der DLRG. Heute sind wir hier zum Abendessen eingeladen. Der größte Teil der Wachmannschaft gehört zu meinem Ortsverband, der DLRG Oberschleißheim.

Wir können noch ein wenig mit den Kameraden plaudern, doch gegen 2200 ziehen wir uns zurück an Bord der „Long John Silver“. Morgen wollen wir gemeinsam grillen.

An Bord genießen wir noch unseren Abend zu viert, bevor wir gegen 2300 in die Kojen gehen.

Klar zum Frühstück

Meilenkonto: 113,3 sm, davon 64,5 sm gesegelt.

 

Donnerstag, 12. Juni 2014 – Heiligenhafen à Nakskov – Lolland/ DK

Wetterprognose für heute: Wind NW 4 bis 5 Beaufort (6 in Böen), bewölkt, See 1m. Wetterprognose für morgen: Wind W bis NW 5 bis 6 Beaufort (7 in Böen), bewölkt.

0700 – Im Hafen sind 3 bis 4 Beaufort aus Nordwest. Die Wetterprognose für morgen ist nicht so schön. Eigentlich wollten wir heute vor Heiligenhafen üben. Dann dort abends ankern und gemeinsam mit der DLRG grillen. Doch nun ist es besser heute nach Nakskov zu fahren.

Nach dem Frühstück erledigen wir noch ein paar Einkäufe: Trimmfäden für das Großsegel und die Fock. Im „Sky“ finden wir noch Corned Beef für das geplante Labskaus und die Biervorräte werden ergänzt. In der kommenden Woche wollen wir Bordgästen doch auch etwas zum Trinken anbieten können. Dann verständige ich Michi und Dirk per SMS, dass wir heute nicht kommen werden.

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Unterwegs nach Dänemark

Um 1020 laufen wir aus, schon im Hafen steht die Fock und zieht uns hinaus. Das Großsegel setzen wir im ersten Reff. Die Fock steht voll. Mit Kreuzschlägen laufen wir zuerst nach Westen. Erst jetzt fällt uns auf das niemand eine Rettungsweste und Sicherungsleine angelegt hat. Eine gefährliche Nachlässigkeit. Zum Glück ist nichts passiert. An den Nordöstlichen Sperrgebietstonnen drehen wir ab auf Nordkurs. Ab jetzt liegt der Kurs zum Großen Belt direkt an.

Die See rauscht und die Sandbänke des „Flügge Sand“, vor Heiligenhafen machen ein paar unangenehme Wellen, doch schon nach 90 Minuten wird die Wellenbewegung auf der freien See angenehmer und weicher.

1230 – Fehmarn liegt in unserem Kielwasser, nun können wir etwas abfallen. Wir reffen aus, da sich der Wind auf circa 16 Knoten eingepegelt hat. Mit leicht aufgefiertem Großsegel schaffen wir 7,9 Knoten Fahrt durch Wasser. Das ist Rumpfgeschwindigkeit! Peter arbeitet daran eine Yacht auf Parallelkurs zu überholen, was uns auch innerhalb einer Stunde gelingt. Die Wellen sind im Mittel einen bis eineinhalb Meter hoch. Sie sind dennoch weich und angenehm. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt.

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Arbeit in der Navigation

Wir machen uns ein paar belegte Brötchen und wechseln uns beim Steuern und Trimmen ab. Die Navigationsarbeit teile ich mir mit Alex. Wobei er den größeren Anteil an der Arbeit hat. Peter sitzt dafür Stunde um Stunde am Steuer. Martin wird nicht müde das Optimum aus unserem Großsegel heraus zu holen. Auf diese Weise nutzen wir die Überfahrt zum Training.

1530 – Inzwischen sind wir in dänischen Gewässern. In der Einfahrt zum Großen Belt fädeln wir uns durch den Schiffsverkehr und steuern nun die Tonne „Albuen“ an. Der Wind weht inzwischen konstant mit 20 bis 24 Knoten aus West. Wir fahren das Großsegel wieder im ersten Reff.

1640 – Nahe am Fahrwasser nach Nakskov, nördlich der Halbinsel Albuen schießen wir kurz auf. Ich stehe selbst am Steuer und leite das Manöver. Alex und Peter stehen am Mast und bergen das Großsegel. Martin bedient das Großfall und die Großschot. Als das Großsegel gesichert ist drehe ich die Yacht vor den Wind und wir genießen es mit achterlichem Wind, nur unter der Fock in den Fjord segeln zu können.

Segeln mit Herz in Dänemark

Im Nakskovfjord

In der Fahrrinne übergebe ich Alex das Ruder und kümmere mich um die Navigation. Peter unterstützt mich dabei. Immer noch erreichen wir 6 Knoten Fahrt durch Wasser. Das Wasser glitzert wunderschön in der Sonne, die nun schon weit im Westen steht.

1820 – Erst direkt im Handelshafen bergen wir die Fock und Alex legt uns an den langen Pier. 2012 war es hier beim PCO Baltic Cup brechend voll. Heute sind wir hier fast allein, denn nur zwei weitere Yachten liegen hier. Die Böen erreichen inzwischen bis zu 35 Knoten Wind. Das sind 8 Beaufort. Doch wir liegen in der Sonne am Pier und freuen uns über den tollen Segeltag. Nicht einmal 30 Minuten war der Motor heute an.

Am Abend wird telefoniert, gemailt, das Wetter eingeholt, es wird wieder sehr gut gekocht und es gibt auch ein paar Flaschen Störtebeker-Bier. Tina, unsere PR-Chefin und Backup an der Heimatfront wird mit Bildern für die Website und Facebook versorgt. Sie hält uns den Rücken frei, so dass wir uns voll und ganz auf das Training konzentrieren können. Natürlich fiebert sie mit und versorgt uns zusätzlich mit vielen nützlichen Informationen.

Meilenkonto: 158,9 sm, davon 109,7 sm gesegelt.

Freitag, 13. Juni 2014 – Nakskov/Lolland à Langø/Lolland

Wetterprognose für heute: Wind NW 5 bis 6 Beaufort, mit Schauerböen. Wetterprognose für morgen: Wind N bis NE 2 bis 4, später 4.

In Nakskov

0700 – In der Nacht ließ der Wind etwas nach. Dennoch wollen wir heute der „Versuchung“ widerstehen und nicht zum Training auslaufen. Vorerst kümmern wir uns um das Frühstück.

Nach der Backschaft sehen wir uns die „Leichtwindgenua“ genauer an. Wir liegen ideal am Pier und können das Segel komplett ausbreiten. Es hat definitiv seine besten Tage hinter sich und ist in einem bemitleidenswerten Zustand. Eine ganze Rolle Reparaturtape benötigen wir, um besonders die angegriffenen Stellen im Kopfbereich und an den Lieken zu stabilisieren. Dann bringen wir noch einige Trimmfäden an. Die Genua packen wir mit gemischten Gefühlen wieder ein. Für den Sonntag könnten wir sie eventuell doch gebrauchen. Auch wenn ich weiß, dass ich einen eventuellen Schaden am Segel nicht erstatten muss, bedeutet eine im Wettrennen reißende Genua, einen Riesenstress im falschen Augenblick. Andererseits benötigen wir bei der Qualität unserer Mitstreiter gerade bei Leichtwind mehr Segelfläche als uns die Fock bietet. Vorsichtig packen wir die Genua wieder ein und verstauen sie unter meiner Koje im Vorschiff.

Anschließend kümmern wir uns um das Großsegel. Wir setzen hier noch einige Trimmfäden an die Achterliekkante und sogar einige Trimmfäden hinter das Vorliek. Martin lässt sich noch einmal ganz genau erklären, worauf er beim Großsegeltrimm zu achten hat. Als letztes ergänzen wir die Trimmfäden an der Fock.

Marktplatz von Nakskov

1230 – Drei Stunden später sind alle Segel wieder sauber aufgeschossen. Wir machen uns landfein. Nakskov ist eine schöne Stadt, auch wenn der erste Anblick des nüchternen Industriehafens eher abweisend wirkt. Der Markplatz zeigt viele schöne Häuser aus dem letzten Jahrhundert, in sehr gutem Zustand. Auch die abseits liegenden Straßen sind sehr schön. Mittag essen wir in einer Dönerbude im langsam erwachenden Zentrum. Wir kaufen Postkarten und alle sind sich einig, dass eine besonders schöne Karte Martina gebührt. Sie ist unser „Sportstudio“ und „Wettercheck“ die uns unermüdlich von daheim mit Informationen versorgt, aber auch unsere „Fans“ auf dem Laufenden hält. Ja, wir haben sogar ein paar Fans, die unsere Aktivitäten verfolgen.

Den abschließenden Spaziergang zum Hafen flanieren wir in A-Team-Manier mit Lakritz-Zigarren im Mund zum Hafen. Ein schöner Spaß.

1545 – Gemeinsam mit Alex gehe ich noch einmal die Wetterdaten durch. Anschließend ist Kriegsrat an Bord. Wir beschließen heute noch nach Langø zu fahren. Für morgen sind noch immer starke Böen angesagt, der Wasserstand soll morgen eher noch fallen. Wir machen uns Sorgen, denn die Fahrrinne nach Langø ist nur mit 2,2m Tiefe angegeben. Unsere Yacht hat einen Tiefgang von 2,15 m. Die Eichung des Echolotes haben wir gestern schon mit einem Handlot überprüft.

Der dänische Wetterdienst zeigt ein Abflauen des Windes gegen 1600 bis 1730. Dort wollen wir die enge Passage vor Langø erreichen. Der Rest ist einfach auszurechnen.

1640 – Alex legt ab und wir verlassen Nakskov. Tak for hyggelige Dage, Nakskov! Bald übernimmt Peter das Steuer, ich bleibe neben ihm, Alex navigiert akribisch. Natürlich kommt uns an der engsten Stelle ein Küstenmotorschiff entgegen und auch noch die „Pippilotta“, ein 3-Mast-Gaffelschoner.

Ansteuerung von Langø

1720 – Wir haben die Fahrwassertonne „B“ passiert und schwenken nun in die enge Einfahrt nach Langø ein. Der Wind weht aktuell mit 5 bis 6 Windstärken aus Nordwest. Die Wellen betragen einen knappen halben Meter. Ich habe das Ruder von Peter übernommen und konzentriere mich sauber den Kurs in der schmalen Fahrrinne zu halten. Kurz vor der Hafeneinfahrt zum Yachthafen zeigt das Echolot nur noch 1,8m! Da kann ich nicht mehr. Mit Rückwärtsfahrt gehe ich in den Fischereihafen hinüber. Selbst bei der bekannten Sicherheit von 20cm steckte unser Kiel inzwischen 10cm im Schlick. Und es ist gut, dass es Schlick war.

Im Fischereihafen sind die Wassertiefen auch nicht so berauschend. Notgedrungen nehmen wir den Platz am Pier direkt gegenüber der Einfahrt. Leider stehen dort immer noch einige Wellen darauf. Ruhig werden wir nicht liegen. Schade! Wir fendern die Steuerbordseite gut ab und so vorsichtig es geht, legen wir an. Auch wenn ich selbst nur 30 Minuten am Ruder stand, ich bin erschöpft und glücklich. Die Wassertiefe am Liegeplatz beträgt 2,2m.

1740 – Obwohl es eine sehr kurze Strecke war, das Anlege-Bier schmeckt besonders gut im Seglerclub von Langø. Auf der Suche nach dem Hafenmeister haben wir die Vereinsmitglieder beim „Feierabendbier“ und Test der Zapfanlage angetroffen. Die sind gerade mit dem Aufbau für morgen fertig geworden. So haben Alex und ich schon das erste Bier genossen, als wir an Bord zurückkehren.

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Traditionelles Schiffergericht – Labskaus – auch an Bord der „Long John Silver“

Die Nutzung der Duschen und Waschmaschinen, sowie eine „On Bord Lieferung“ von 20L Diesel per Kanister ist geklärt. Es ist wirklich schön, wie herzlich wir hier aufgenommen werden.

Heute Abend koche ich. Es gibt Labskaus und abends klönen wir noch lange. Der Wind lässt nach und so können wir doch noch auf eine ruhige und erholsame Nacht hoffen.

Meilenkonto: 164,0 sm, davon 109,7 sm gesegelt.

Samstag, 14. Juni 2014 – Langø/Lolland

Wetterprognose für heute: Wind N 3 Beaufort (in Böen 4 bis 5) auf NNE drehend. Wetterprognose für morgen: Wind SW bis W 2 bis 3, später 1 bis 2.

0830 – In der Nacht fing es wieder an im Rigg zu „orgeln und pfeifen“, der Wind hatte auch ein wenig mehr auf Nord gedreht. Dadurch schlugen wieder mehr Wellen ans Boot und wir lagen deutlich unruhiger. Dennoch schliefen wir heute alle aus. Ich war nur kurz gegen 0640 auf um die Wetterdaten ins Logbuch zu schreiben.

Heute steht Bootspflege auf dem Plan. Gemeinsam mit Peter gehe ich zur Waschmaschine und starte die ersten zwei Maschinen mit dunkler Wäsche und den Jeanshosen. Alex sortiert Seekarten und Martin schaut, wo wir diverse Vorräte her bekommen und kümmert sich um die Reinigung des Bootes.

Waschtag in Langø

Gegen 1040 haben wir alle Wäsche gewaschen. Unser Boot ist lustig anzusehen, so wie die Jeanshosen waagerecht im Wind fliegen.

Nebenbei ist faulenzen angesagt. Gegen 1030 steht ein 20-Liter-Kanister mit Diesel neben dem Boot. Also können wir ein wenig nachtanken. Auch Frischwasser bunkern wir nur 100 Liter.

1240 – Wind 5 Beaufort aus N (in Böen 6). Der Wasserstand beträgt 2,4m und die Tendenz ist leicht steigend. Wir lassen es uns inzwischen im Hafenbistro schmecken. Auch Hartmut Tapper ist bereits in Langø, so können wir auch die ersten Bordbesuche machen. Ich nutze die Gelegenheit mir die „Lady Helmsman“ anzusehen sehr gern.

1540 – Wind 5 bis 6 Beaufort aus N (in Böen 7). Die ersten Regattaboote treffen ein. Ab jetzt gibt es wenige ruhige Minuten. Immer wieder gibt es Bekannte zu begrüßen, die Erlebnisse der letzten Jahre auszutauschen. Und natürlich wollen wir unsere Startnummern und die Regattaflaggen auch am Boot befestigen.

Moni voll erwischt

Wir beobachten weiterhin die Wetterprognosen und gegen 1600 begeben wir uns langsam zum Festzelt. Zum ersten Mal erleben wir die Eröffnungsfeier des PCO-Baltic-Cup. In den letzten beiden Jahren kamen wir immer zu spät an. Was auch an einer zu knappen Terminplanung bei der Schiffsübernahme lag.

2000 – Nachdem die Wetterprognosen sowohl des Deutschen Wetterdienstes, als auch des dänischen Meteorologischen Institutes für morgen wenig Wind prognostizieren entschließe ich mich doch auf die Genua zu wechseln. Meine Crew steht geschlossen hinter mir. Unter den neugierigen Blicken zwei anderer Regatta-Crews bergen wir die Fock und setzen am Vorstag die Genua. Nach zwanzig Minuten ist am Vorstag sauber eine hellbraune Genua geriggt, die Fock liegt sauber zusammen gelegt unter der Vorschiffskoje und meine Koje ist auch wieder aufgeräumt. Zugegeben, schön sieht die alte Genua nicht mehr aus und ihre hellbraune Farbe bringt uns einigen Spott ein. Doch wir haben ein Ziel, das vordere Drittel des Feldes.

2340 – Wind aus 2 Beaufort aus Nord. Wir hoffen auf morgen.

Meilenkonto: 164,0 sm, davon 109,7 sm gesegelt. Wäsche gewaschen, Diesel und Wasser gebunkert, Boot sauber, Vorsegel gewechselt.

 

Sonntag, 15. Juni 2014 – Langø/Lolland à Femø

Wetterprognose für heute: Wind N bis NW 4 bis 8 m/s gegen 1400 auf NNE drehend zum Abend hin auf NW zurück drehend und auf 2 bis 4 m/s zurückgehend.
0700 – ein leichter Wind mit 3 Beaufort begrüßt uns am Morgen. Die Luft ist frisch mit 16°C. Auf dem Rückweg von der Dusche nehme ich unsere Frühstücksbrötchen mit. Dann gibt’s Frühstück, denn um 0800 müssen Alex und ich bei der Skipperbesprechung sein.

Unsere altersschwache Genua zieht gut.

Trimmung – Trimmung – Trimmung. Alex und Peter bei der Arbeit.

0930 – Wir laufen aus. Da wir erst um 1033 starten, lassen wir es langsam angehen. Direkt vor uns hat sich die „Maximum“ fest gefahren. Die gerade kommende Fähre schleppt sie raus. Im Startbereich segeln wir uns ein und fahren dann nur mit dem Großsegel Wartekreise vor dem Startbereich. Immer eifrig bemüht, startenden Yachten aus dem Weg zu bleiben.

Zwei Minuten vor dem Start rollen wir die Genua aus und fahren um 1033.38 über die Startlinie. Die Segel ziehen gut, wir sind im Rennen. Nur 15 Minuten nach dem Start haben wir die „La Bonita“ überholt. Bereits acht Minuten später hängen wir am Heck der „Louise“, es folgt ein fast dreißig Minuten dauerndes Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem wir gemeinsam drei weitere Boote überholen.

1110 – Nahe der Fahrrinne von Albuen nach Nakskov nähert sich ein Küstenmotorschiff dem Regattafeld. Der Großteil der Boote, auch die „Louise“ entscheidet sich nach Norden auszuweichen. Dadurch kommen sie dichter an Enehøje heran und müssen wegen der Flachstellen öfter Kreuzschläge in Kauf nehmen. Jede Wende kostet allerdings Zeit und Fahrt!

Wir gehen gemeinsam mit Frank, Tobi und Hartmuth auf den südlichen Schenkel. Das führt uns weiter vom Feld weg, doch können wir die Wendetonne mit nur einer Wende erreichen. Ich gebe zu, es kostet Nerven den Kurs zu halten. Diese Entscheidung kann uns auch ganz ans Ende des Feldes führen.

1130 – Das Glück ist uns heute wohl gesonnen. Nach der Wende können wir auf Generalkurs 055° gehen und haben nun das gesamte Feld auf unserer Leeseite. In ausreichendem Abstand. Der Jubel an Bord ist groß als wir nach und nach ein Boot nach dem anderen überholen. Die Witze im Funk über das böse braune Segel spornen uns an. Als wir die „Samuca“ überholen, eine der Favoritinnen, ist die Freude an Bord riesig.

1330 – Wind 2 Beaufort aus Nord. Wir schaffen noch 3,8 bis 4,6 Knoten Fahrt durch Wasser. Die gestrige Entscheidung auf die Genua zu wechseln war goldrichtig! Onsevig liegt achteraus, wir liegen auf Parallelkurs mit den „Blue Lady Boys“. Matzes Bavaria 40 wird nicht zu viel Gewicht haben und sein Tiefgang 1,95m oder weniger betragen. Wir haben 2,18m dennoch darf ich Matze jetzt nicht aus unserer Abdeckung lassen. Alex hat unseren Tiefenmesser konsequent im Auge und gibt mir laufend die Wassertiefen durch. Als die „Blue Lady Boys“ vor uns wenden ist der Jubel auf der „Long John Silver“ sicher bis zu den blauen Jungs rüber zu hören. Nun liegen nur noch drei Boote vor uns. Frank und Tobi mit ihren Hanse-Yachten, sowie Hartmuth mit seiner „Lady Helmsman“. Der Wind lässt konstant nach. Aktuell haben wir nur noch eine bis 2 Windstärken.

Das komplette Regattafeld hinter uns. Kein Traum.

So ist der Aufhol- und Überholvorgang bei der „Lotta“ sehr gemütlich. Und Tobi frotzelt mit uns auf dem Funk. Es ist ein schönes Erlebnis, das alle vier Führungspositionen von Booten des „Segeln-Forum“ gehalten werden.

1410 – In einer Böe konnten wir Frank auf der „Sea Ya“ überholen. Hartmuts „Clair de Lune“ liegt circa eine halbe Meile achteraus. Nun liegen wir vorne! Ich kann es nicht fassen, wir sind an der Spitze. Ich bitte Peter, der neben mir sitzt, mich zu kneifen.

Weil hinten im Regattafeld die Boote zu driften beginnen, beschließt die Regatta-Leitung das Ziel zu verlegen. Die neue Zielposition liegt 2 Seemeilen achteraus, in unserem Kielwasser. Wir jubeln, das ist der Tagessieg!!! Wir geben diese Information per Funk an die Regattaleitung weiter, Frank und Hartmut bestätigen diese Information.

1430 – Dann die neue Entscheidung, das Zielschiff soll sich auf den Kurs der führenden Boote legen – wegen der Zielfotos beim Überfahren der Ziellinie. Wenig begeistert nehmen wir die Entscheidung auf und fügen uns ins Unvermeidliche. Frank bekommt noch eine günstige Böe, welche uns nur leicht streift. So fährt er dann ein paar hundert Meter vor uns noch über die Ziellinie. Ich kann mich für Frank dennoch freuen. Wir jedoch haben nun das Problem, dass sich unsere Fahrt durch Wasser und der Strom aufheben. Wir stehen 150m vor dem Ziel auf der Stelle.

Jürgen, der Skipper vom Zielschiff, meint scherzhaft „Wenn der Skipper über die Ziellinie schwimmt, lasse ich das gelten.“ Ich glaube, er war sehr  überrascht als ich kurz darauf über die Ziellinie gekrault kam. Somit waren wir an diesem Tag die zweite Yacht, welche das Ziel erreichte.

Die Skipperin schwimmt über die Ziellinie

1500 – Hinter der Ziellinie bergen wir die Segel und starten den Motor. Noch während wir die Sonnenplane aufspannen hören wir vom Abbruch der Wettfahrt. Mir verschlägt es die Sprache und ja, ich habe mit den Tränen zu kämpfen. Wir haben ein geniales Rennen gefahren und nun dies! Ich gehe erst einmal Kaffee kochen.

Peter übernimmt die Ruderwache und „Rüdiger“ der Autopilot steuert uns durch die spiegelglatte und nun windstille See.

1800 – Wir erreichen den Hafen von Femø. Zwanzig Minuten später gehen wir mit dem Heck neben der „Sea Ya“ an den Steg. Frank erwartet uns mit einem kühlen Bier. Wir stürzen uns in die Menge und haben dennoch Spaß. Auch wenn die Enttäuschung um den verpassten Sieg sehr groß ist.

Der Abend klingt bei einem genialen Buffet im Gasthof aus. Der Spaziergang zurück zum Boot dauert für uns länger, wir haben uns die Insel noch ein wenig angesehen. Gegen 2330 sind wir in den Kojen.

Yachtpuzzle in Femø

Meilenkonto: 201,2 sm, davon 124,7 sm gesegelt. Tageswertung: Wettfahrt gestrichen, sonst Platz 2 nach zweiter Zielkorrektur, eigentlich Platz 1.

 

Montag, 16. Juni 2014 – Femø à Lundebørg

Wetterprognose für heute: Wind NW vormittags 8 bis 12 m/s gegen 1130 auf NNE drehend zum Nachmittag hin auf NW zurück drehend und auf 4 bis 8 m/s zurückgehend, abends 2 bis 4 m/s aus WNW.

 

BC 2014-127

Wir starten vor Femø

0720 – Als ich den dunklen Himmel im Nordwesten sehe, zweifle ich an der Segelwahl. Wir haben immer noch die große Genua geriggt. Alex bestärkt mich darin das Segel zu lassen. Vor allem da die Wetterprognose dies auch erfordert. Ich weiß, er hat Recht. Wir wollen eine Wettfahrt segeln. Wir sehen uns die geplante Strecke noch einmal an. Wir werden oft unter Landabdeckung fahren, es sollte gehen und gegen Mittag wird der Wind nachlassen.

Bei der Skipperbesprechung nehmen wir die Streckeninfos entgegen. Ein kurzer Blick, die gleiche Strecke wie in der Vorankündigung. Eventuell wird die zweite Wettfahrt abgesagt.

0830 – Die Päckchen der Yachten im Hafen beginnen sich zu lösen. Wir laufen aus und segeln nur mit dem Großsegel zum Start. Drehen dort unsere Runden und beobachten die Starts der anderen. In den Böen ist der Wind doch stärker als erwartet. Ich weise Peter und Martin noch einmal darauf hin, dass wir heute mit Sicherheit mehr Arbeit an den Schoten haben werden. Besonders Martin am Großsegel wird viel zu tun bekommen.

Konzentriert am Ruder und dem Großsegel. Moni und Martin.

0936 – Wir fliegen über die Startlinie. Und haben bereits wenige hundert Meter hinter dem Start den ersten Sonnenschuss! Jan auf der „Catch The Wind“ kann gerade noch ausweichen. Sorry Jan, das tat mir echt leid. Es folgen noch drei weitere Sonnenschüsse, die uns zwei weitere Platzierungen kosten. Frieder auf der „Maximum“ und Reinhard auf der „It´s My Life“ ziehen an uns vorbei.

 

Es dauert noch einige Versuche, dann sind Martin an der Großschot und ich am Ruder eingespielt. Peter übernimmt den Traveller. Jetzt beginnt die Aufholjagd. Als wir an Vejrø vorbeiziehen, haben wir drei Boote überholt. Wir jagen mit 7,6 bis 7,9 Knoten Fahrt durch das Wasser. Es ist harte Arbeit am Ruder und Martin und Peter haben auch ordentlich zu tun. Alex hat es ebenfalls nicht leicht in der Navigation. Den dürften die Sonnenschüsse gut durchgewirbelt haben.

1200 – Inzwischen liegen fünf Boote im Kielwasser. Die „It´s My Life“ liegt in Lee leicht voraus, als sie mit einer Wende hinter unserem Heck durch geht und nach Südwesten abdreht. Ich bin verwundert. Die Höhe reicht, um direkt auf das Ziel zu gehen. Doch nach und nach drehen immer mehr Boote nach Südwesten ab.

Segeln-Forum-Flottille vor Anker

Ich bin irritiert. Peter geht nach unten in die Navigation. Kurz darauf kommt er wieder hoch und bittet mich runter zu kommen. Das Malheur wird deutlich, als wir die Rennanweisungen vergleichen. Die Route ist identisch nur, dass wir die Nordtonne an Steuerbord, nicht wie gedacht an Backbord liegen lassen müssen. Verdammt! Mir zieht es den Magen zusammen. Alex ist sichtbar schockiert. Wir können das Ziel schon sehen. Ich ringe mit mir. Soll ich wenden und ablaufen, um die Tonne korrekt zu umfahren, oder aufgeben? Einfach weiter fahren, mit Sicherheit nicht!

Wir koppeln die neue Strecke, es wären 15 Seemeilen, also zwei bis drei Stunden. Ich entschließe mich diese Wettfahrt streichen zu lassen. Damit ist unser Joker aus dem Spiel. Ein Entschluss der mir nicht leicht gefallen ist. Doch wir brauchen nun erst einmal eine Pause, um den Schrecken zu verdauen.

1230 – Ich greife zum Funkgerät und rufe die „Cabala“, erkläre unsere Situation und gebe meine Entscheidung bekannt. Wir segeln zum Ziel, passieren die Ziellinie nicht und gehen unter Segeln etwas abseits der „Cabala“ und „Elektra“ vor Anker. Dann bergen wir die Segel.

Bergung der Genua

Jetzt gibt es erst einmal etwas zu essen. Gemeinsam mit Martin mache ich belegte Brote und Kaffee. Frank, Tobi und Hartmut gehen bei uns längsseits, nachdem sie das Ziel passiert haben. Die Erlebnisse werden ausgetauscht und unsere Entscheidung findet allgemeine Anerkennung.

Ich möchte mir gern die Genua ansehen, da ich einen Riss im oberen Teil gesehen habe. Als wir sie fallen lassen wollen, klemmt sie. Wir sind nun eine Stunde damit beschäftigt das Segel zu bergen. Dabei wird Martin drei Mal in den Mast gezogen. Nach etlichen Anläufen haben wir das Segel endlich unten. Der Riss ist fast einen Meter lang und die Lieken sind ebenfalls eingerissen. Die Sonnenschüsse haben der alten Genua ein paar ordentliche Scharten versetzt. Da ich kein Reparaturtape mehr an Bord habe, werden wir also nun mit der Fock weiter arbeiten müssen.

 

Um 1420 wird die zweite Wettfahrt gestrichen. Wir haben nur unser Großsegel einsatzklar. Also motoren wir nach Lundebørg. Dort werden wir unsere Fock setzen. Ich bemühe mich meine Crew aufzufangen. Die Enttäuschung ist noch sehr präsent zu spüren. Wir nutzen die Fahrt zum Hafen für die Entspannung und stauen schon mal die Genua unter Deck. Dank der Windstille lässt sich das große Segel sogar gut an Deck zusammenlegen.

Martin hat inzwischen unsere Wasserbombenschleuder einsatzklar gemacht und auch die ersten Wasserbomben fertig. Nun werden Probeschüsse getätigt, um unsere „Artilleriemannschaften“ zu trainieren.

1525 – nachdem wir uns der „HMS Louise“ auf Feuerreichweite genähert haben, kommt es zu einem Passagegefecht, welches weder die „Louise“ noch die Piraten auf der „Long John Silver“ für sich entscheiden können. Die Kampfkraft beider Schiffe ist gleichwertig und unbeeinträchtigt.

BC 2014-169

In Lundebørg. AM Nachmittag geht’s um die Fußball-WM.

1730 – Wir laufen in Lundebørg ein. Nun können wir unsere Fock setzen. Die Genua verschwindet unter der Vorschiffskoje und wir machen uns auf die Suche nach einem Lokal, um zu essen und zu trinken. Doch wir verbleiben am Ende bei Spagetti mit Tomatensoße an Bord. Für unsere Fairness werden wir mit dem „Ehrenwimpel“ („Ihr seid die Geilsten hier!“) geehrt. Lieber hätten wir eine gute Platzierung heraus gefahren.

Während der Siegerehrung kommt es noch zu einem kleinen Unfall an Bord einer Yacht. Unter uns waren genügend Sanitäter um zu helfen. Dem armen dänischen Segler wurde ganz Bange vor den vielen deutschen Sanis, die ihm helfen wollten.

Der Abend verging mit vielen lustigen Gesprächen an Bord der „Long John“. Unsere Störtebeker-Vorräte wurden ziemlich dezimiert.

Meilenkonto: 234,9 sm, davon 141,7 sm gesegelt. Tageswertung: Wettfahrt selbst gestrichen.

 

Dienstag, 17. Juni 2014 –Lundebørg à Rudkøbing

Wetterprognose für heute: Wind NE vormittags 2 bis 6 m/s gegen 1300 auf NW drehend zum Nachmittag hin auf N zurück drehend und auf 4 bis 8 m/s zunehmend, abends 4 bis 8 m/s aus NE.
0730 – Wir sind alle früher aufgestanden, um unserem Co-Skipper und Navigator/Taktiker zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Gleichzeitig überreichen wir Glückwünsche aus der Heimat. Zusätzlich haben wir noch ein paar Törtchen beim Bäcker besorgt.

Zweiergespräche im Bugkorb, Peter und Martin

0930 – Wir laufen aus und fahren zum Start. Heute ist es fast windstill. Wie blöd, dass wir nur noch die Fock haben. Wir fahren gemütlich über die Startlinie. Heute kommt es auf den Leichtwindtrimm an. Peter wird ein immer besserer Steuermann. So wechsle ich mich mit Peter am Ruder ab. Alex  achtet neben der Navigation auf Windfelder und versucht, im Wechsel mit mir, aus unseren Segeln den optimalen Trimm heraus zu holen. Martin sitzt geduldig auf den Vor-Wind-Kursen im Bugkorb, um den Trimm zu optimieren. Entweder Alex oder Peter leisten ihm dabei jeweils Gesellschaft.

Auch heute kommt es immer wieder zu „Passagegefechten“, die teilweise in „Handwurfweite“ stattfinden. Dies sind willkommene Abkühlungen in der Hitze. Die Luft flimmert und die Boote scheinen zu stehen.

Wieder kommt es zu Duellen mit Martin und seiner „Samuca“, sowie Matze und den „Blue Lady Boys“. Während Matthias heute seine Revanche erhält, haben wir bei Martin Glück. Er wendet, um sich aus unserer Abdeckung zu befreien, leider in eine Flautenzone hinein, während heute wir unsere „Privatböe“ erhalten.

Die zwei Up-and-Downs halten uns fast fünf Stunden für 10 Seemeilen beschäftigt. Das macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 2 Knoten über Grund.

… wir segeln nach der Zieldurchfahrt weiter …

1535 – Die Zielfahrt bei 3 Beaufort macht dann richtig Spaß, da die Boote auf Tempo kommen. Wir segeln nach dem Zieldurchlauf einfach weiter in Richtung Rudkøbing. Nun haben wir schönsten Segelwind. Erst an der Ansteuerungstonne von Rudkøbing bergen wir die Segel und motoren nun die Fahrrinne in den Hafen.

1825 – Wir sind im Hafen. Heute ist Bergfest. Da wir schon wissen, die Skipper werden nass, gehe ich gar nicht erst duschen. Das mache ich lieber erst nach dem ekligen Bad im Hafenbecken. Das Buffet war, wie immer, sehr gut und reichlich. Die Schlauchbootregatta der Skipper entschied Matze für sich. Über den Rest des Abends, der viele gute Gespräche und reichlich gute Drinks enthielt, hüllen wir besser den Mantel des Schweigens.

Sorgen machen uns eher die langfristigen Wetterprognosen die für den Donnerstag bereits Starkwind und zum Wochenende Sturmböen vorhersagen. Wir müssen Freitag in Kühlungsborn sein.

Meilenkonto: 259,7 sm, davon 166,7 sm gesegelt. Tageswertung: Platz 14

 

Mittwoch, 18. Juni 2014 – Rudkøbing à Marstal

Wetterprognose für heute: Wind W vormittags 6 bis 12 m/s, mittags auf 8 bis 16 m/s zunehmend, abends 12 bis 18 m/s aus NW, in der Nacht auf 16 bis 20 m/s zunehmend.
0830 – Die Skipper und Taktiker haben sich zur Besprechung eingefunden. Gestern Abend war ich mit Tobi noch bei der Regattaleitung und habe unsere Bedenken wegen des Wetters mitgeteilt. Nun warten wir gespannt auf die Entscheidung. Diese lautet, wir fahren heute zwei Wettfahrten. Ich bin überrascht, dass es keine Änderung geben wird.

Frank und auch Ulrich von der „Franzi“ werden jedoch nach der ersten Wettfahrt heute abdrehen und nach Laboe oder Heiligenhafen ablaufen. Tobi fährt direkt nach dem Frühstück. Mit meiner Crew bin ich mir einig, wir fahren beide Wettfahrten mit. Dann sehen wir weiter. Martina hat seit gestern Abend vier Wetterdienste im Auge und mir heute per mail eine geniale Auswertung als Excel-Tabelle zukommen lassen.

Der Start lief gut…

1000 – Wir machen startklar. Nur mit dem Großsegel drehen wir eine halbe Stunde lang Kreise in der Nähe des Startschiffes und beobachten die  startenden Yachten.

Wir starten sehr spät, die ersten Yachten sind schon fast 45 Minuten auf der Bahn, als wir um 1122, genau zu unserer vorgegebenen Startzeit, die Startlinie passieren.

Wir liegen gut am Wind, die Segel stehen gut, dennoch habe ich den Eindruck wir würden einen Treibanker nachschleppen. Die „Long John“ kommt nicht richtig in Fahrt. Erst als wir die Wendetonne passieren und für den Vor-Wind-Schenkel ausbaumen, wird es besser. Wir beginnen aufzuholen und auch die ersten Boote zu überholen. Später wird uns klar, dass der Faltpropeller sich nicht zugeklappt hatte.

Auf dem folgenden Am-Wind-Abschnitt entscheide ich mich für eine eigene Kreuztaktik abseits vom Feld. Sie bringt uns zwei Boote nach vorn. Leider können wir die Position nicht halten. Die „Black Pearl“ unter Gerds Führung überholt uns. Und auch Peter mit der „Josefine“ holt uns wieder ein und überholt auf den letzten Metern vor dem Ziel.

Peter war der erste an Bord im Ziel.

1340 – Nach 15,7sm sind wir, als 20.es Boot, wieder im Ziel. Über Funk melden sich Frank (Sea Ya) und Ulrich (Franzi) ab. Sie nutzen das jetzt noch gute Wetter, um zurück nach Deutschland zu segeln.

Ein kurzer Imbiss, nur unter dem Großsegel abwartend drehen wir gemeinsam mit Hartmut Kreise, in der Nähe des Startschiffes. Wir Skipper  beratschlagen die Situation und tauschen uns über die Wetterlage aus. Ich überlege kurz, ob wir auch abbrechen sollten. Doch die „Long John“ und ihre Crew sind erfahren. Drei von vier an Bord können auch mit schwerem Wetter umgehen. Wir bleiben und fahren das letzte Rennen heute noch mit. Heute Abend sehen wir weiter.

1430 – Die ersten Boote starten. Beim Kängurustart haben die langsamen Boote einen berechneten Vorsprung, der es theoretisch möglich machen soll, dass alle Boote zeitgleich die Ziellinie passieren.

1452 – Wind 7 bis 9 m/s, das entspricht 4 bis 5 Beaufort. Wir starten mit einem Reff im Großsegel. Unsere „Long John“ läuft super. Wir jagen mit 7,8 Knoten die Bahn entlang. Sonnenschüsse verhindern wir durch Großsegeltrimm. Wir haben ja vor zwei Tagen dazu gelernt. Wieder halten wir uns an unsere Taktik „eigenen Wind suchen“. Und kommen gut im Feld voran. Die kleinen Boote kommen uns schon auf der Gegenbahn entgegen.

An der Wendetonne

1535 – Wir müssen ausreffen, um vor dem Wind mithalten zu können. Das Ausbaumen der Fock in der Halse schaffen wir innerhalb von 45 Sekunden. Ich bin stolz und glücklich solch eine tolle Crew zu haben.

1645 – Als Pulk von fünf Yachten stürmen wir mit gut 8 Knoten Fahrt über Grund auf das Zielschiff zu. Im Sekundentakt gehen die „Maximum“ – „Catch The Wind“ – „Shelter“ – „Louise“ und „Long John Silver“ nach 15,3 sm über die Ziellinie. Wir haben eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,2 Knoten auf diesem Rennen über Grund gehalten. Dennoch waren wir die letzten in diesem Rennen.

1710 – Wir nehmen am Fahrwasser von Rudkøbing die Segel runter. Nun fahren wir unter Maschine brav im Tonnenstrich nach Marstal. Es regnet und ist kalt. Zum ersten Mal auf dieser Reise ziehen wir Ölzeug an.

1815 – Wir sind fest in Marstal. Unter Berücksichtigung unseres Tiefgangs liegen wir mit den beiden Varianta44 ganz vorn, bei der Werft am Kai. Wir gehen gemeinsam zur Siegerehrung.

Meilenkonto: 303,8 sm, davon 200,2 sm gesegelt. Tageswertung: Platz 22 (letzte).

Auf dem Rückweg genießen wir die Pizzen im Hafenrestaurant. Ich bin besorgt wegen der Wetterprognose für morgen. Es sind am Vormittag 6 Beaufort aus WNW über Mittag 7 Beaufort aus W mit Schauerböen angesagt. Das bedeutet nach Laboe mit Generalkurs 200°, bei einem Am-Wind-Kurs eine harte Arbeit. Dazu das Risiko von Böen mit 8 bis 9 Beaufort überrascht zu werden.

Unser fünftes Crewmitglied bei der Arbeit. Wichtige Unterstützung aus der Heimat.

Mir ist das zu gefährlich in einen Sturm zu fahren. Das ist keine sorgfältige Schiffsführung. Während des Essens beratschlagen wir. Das günstigste Wetterfenster für die Rückfahrt nach Heiligenhafen ist gegen 0000 bis 0300 auf der offenen Ostsee. Ab 0400 nimmt der Wind wieder stark zu. „Am liebsten würde ich sofort auslaufen und das Wetterfenster in der Nacht für die Rückfahrt nutzen.“ Damit steht auch die Entscheidung. Alex und Peter ziehen mit. Martin verehrt seine Skipperin und weiß, dass ich solch eine Entscheidung nicht aus Spaß treffe.

2045 – Ich klopfe bei Jan an der „Catch The Wind“, übergebe ihm unsere Startnummern und Regattaflaggen. Dabei erkläre ich meine Entscheidung und bitte ihn die Regattaleitung morgen zu informieren. Ob wir es zur Abschlussparty in Laboe schaffen, weiß ich nicht. Wir werden nach Heiligenhafen fahren, das ist schon der halbe Weg nach Kühlungsborn.

Wir kochen Kaffee und Tee, machen das Boot klar für Starkwind. Mit Alex lege ich die Generalkurse und Wegmarken fest.

2230 – Die „Long John Silver“ verlässt im Sonnenuntergang den Hafen von Marstal. Martin beordere ich sofort in die Koje. Er hatte keinen Schlaf, wie wir auch. Doch erwartet uns eine lange Raumschotstrecke und die Yacht wird sicher nicht ruhig liegen. Da ist er am besten in der Koje vor der Seekrankheit geschützt.

2300 – Am Ende des Fahrwassers setzen wir die Fock zu 75%. Der Wind kommt mit 5 Beaufort aus West. Auch Alex geht schlafen. Wir benötigen einen ausgeruhten Ersatzmann.

 

… während der Ansteuerung von Marstal

Donnerstag, 19. Juni 2014 – Marstal/DK à Heiligenhafen/D

 

0000 – 54° 46,5´N 010° 35,7`E. Wir haben die ersten sieben Meilen im Kielwasser. Der Wind weht im Mittel mit 25 bis 30 Knoten aus West, das sind 6 bis 7 Beaufort. Die Wellen haben inzwischen eine Höhe von 1,5 bis 2,0m erreicht. Einzelne Wellen sind auch höher. Peter hat sehr schnell ein Gefühl für das Steuern mit achterlichen Seen entwickelt. Auf das Navigieren hat er freiwillig verzichtet. Die Navigation habe ich übernommen, da dies nur unter Deck geht. Er hält seinen Kurs von 145°, nur im Surf der großen Wellen muss er ab und an auf 125° gehen. Doch sobald es geht, dreht er wieder auf den vorgegebenen Kurs ein. Ich übernehme den Ausguck und warne vor den großen Wellen, die in der Dunkelheit fast nicht zu sehen sind.

Gegen 0130 kommt mir meine Pizza Rustica wieder hoch. Es war auch mir ein wenig zu viel Schaukelei in der Navigation. Alex mussten wir vor zwanzig Minuten wecken, um beim Reffen zu helfen. Nun stehen noch circa 40% der Fock. Unsere „Long John“ läuft dabei im Mittel 5 bis 6 Knoten. Doch als wir Dovns Klint sicher passiert haben, besteht keine Notwendigkeit zur engmaschigen Navigation mehr bis wir Fehmarn ausmachen können. Zwei Stunden leistet uns Alex Beistand, während ich mich eine halbe Stunde hinlege. Als ich mich wieder erholt habe, geht Alex wieder schlafen. Wir brauchen einen ausgeruhten Mann an Bord. Aktuell sind Peter und ich noch ausreichend fit.

0420 – Der Sonnenaufgang ist trotz des starken Windes, der bewegten See und der Müdigkeit ein beeindruckender Anblick. Die stärksten Böen in der Nacht haben 37 Knoten erreicht. Das waren 8 Beaufort. Und die kamen achterlich rein. Ich denke der wahre Wind war noch ein wenig stärker.

Fehmarn ist schon deutlich zu erkennen, auch die Brandungswellen der Sandbank vor Fehmarn und des Schabernack vor Heiligenhafen. Unser Kreis hat sich geschlossen. Eine Stunde benötigen wir noch bis wir die Sandbänke umschifft haben.

0520 – An der Tonne „Heiligenhafen-Ost“ bergen wir das Segel und starten den Motor. Martin kommt ebenfalls nach oben. Der arme Kerl hat die ganze Nacht ebenfalls nicht geschlafen. Er kam sich wie in einer Waschtrommel vor. Dazu musste er die letzten 3 Stunden bereits aufs Klo, traute sich aber aus Sorge wegen der Seekrankheit nicht. Nun ist er in jeglicher Hinsicht erleichtert und hilft mir und Alex beim Vorbereiten der Yacht zum Anlegen. Kurz vor dem Hafen übernehme ich das Ruder und lege uns an den erstbesten Liegeplatz. Dass es die Fäkalienabpumpstation ist, ist mir jetzt vollkommen egal. Ich mag nur noch schlafen!

Heimwärts ist der Kurs

Meilenkonto: 337,5 sm, davon 231,8 sm gesegelt.

 

0830 – Irgendetwas oder irgendwer klopft an unser Boot. Ich bekomme nicht einmal die Augen auf. Ich nehme Wortfetzen wahr, dann schlafe ich wieder ein.

1100 – Ich schäle mich aus dem Schlafsack. Im Boot ist Ruhe. An Deck treffe ich Peter an, der sich im Hafen umsieht. Gemeinsam gehen wir zum Hafenmeister, der hatte heute Morgen darauf bestanden, dass wir diesen Liegeplatz räumen. Ich halte von dieser Idee nichts. Das Risiko einen Schaden bei dem starken Wind in Kauf zu nehmen ist mir einfach zu hoch. Nach einer langen Diskussion mit dem Hafenmeister muss ich klein beigeben, um nicht aus dem Hafen gewiesen zu werden. Es ist schlichte Erpressung und Machtdemonstration und das bei Windstärken von 7 bis 8 Beaufort.

1200 – Wir verholen die „Long John Silver“ an einen erlaubten Liegeplatz. Das Manöver klappt gut und ohne Probleme. Ich weiß, dass ich es kann. Vor allem, da ich jetzt wieder etwas ausgeruht bin. Ich finde es nur ein unnötiges Risiko einen sicheren Liegeplatz zu verlassen. Ich ärgere mich, weil ich gegen meine Prinzipien handeln muss.

Am Nachmittag treffen wir uns mit Ulrich und seiner Crew an Bord der „Franzi“ zu Kaffee und Kuchen. Wir lassen die letzten Tage Revue passieren und finden beide, dass der Abbruch der Regatta schmerzlich, aber die sinnvollste und damit auch richtige Entscheidung war. Es ist nun einmal die Verantwortung des Skippers zuerst an die Sicherheit von Schiff und Crew zu denken.

Der Abend in Heiligenhafen endet im Restaurant „Seestern“. Wir hatten keine Mitfahrgelegenheit nach Laboe gefunden. Über SMS erfahren wir von Frank und Tobi das wir in der Gesamtwertung trotzdem noch Vorletzte wurden. Ich bin erstaunt, dass es mich nicht wirklich ärgert. Ich stehe noch immer unter dem Eindruck der letzten 36 Stunden.

 

Freitag, 20. Juni 2014 – Heiligenhafen à Kühlungsborn

Wetterprognose für heute: Wind 5 bis 6 Beaufort aus W.
0920 – Wir haben vorhin noch einmal Wasser gebunkert. Der Tankinhalt beim Diesel reicht sicher bis zum Zielhafen. Ausserdem können wir entspannt nach Kühlungsborn segeln, denn am Wind mangelt es uns bei 5 bis 6 Windstärken aus West sicher nicht.

… einfach weiter Segeln?

Noch im Hafen rollen wir die Fock zu 50% aus und lassen uns aus dem Hafen ziehen. Ein kurzer Am-Wind-Ritt zum Fehmarnsund und bald schon liegt die Fehmarnsundbrücke auch schon wieder hinter uns. Vor Heiligenhafen haben wir uns durch die wartenden Prüfungsyachten geschlängelt, nun können wir entspannt nach Osten segeln.

Dieser Segeltag weckt Sehnsüchte, einfach weiter zu segeln, nach Osten. Schweden und Finnland würden sicher spannende Ziele sein. Auf dem Rückweg Russland, Polen sowie die Baltischen Staaten. Dann rüber in die Nordsee, nach Schottland und Irland. Wir merken, wie sehr uns der „kleine Pirat“ ans Herz gewachsen ist. Wie ungern wir Kühlungsborn entgegen sehen.

Unbarmherzig jedoch nimmt die Entfernung ab. Und um 1530 bergen wir vor Kühlungsborn die Segel. Alex fährt in den Hafen und den letzten Anleger dieser Reise. Die Piratencrew ist wieder zu Hause.

Der Abend vergeht mit Taschen packen und dem Ausräumen des Bootes. Nach der letzten Nacht verlassen wir die „Long John Silver“.

In jedem Abschied, steckt auch ein neuer Anfang.

Mach´s gut kleiner Pirat.

Meilenkonto: 369,5 sm, davon 262,9 sm gesegelt.

 

 Fotoalbum zur Reise auf Facebook     www.segeln-mit-herz.de    wir auf YouTube

PCO-Baltic-Cup

Eigentlich wollten wir nach Helgoland.


03. Mai 2014, Samstag, Bad Schwartau

Wetter DWD vom 03.05.2014 -1234 UTC

Vorhersage bis Sonntagmorgen:

Deutsche Bucht: Nord bis Nordwest 4, später Westdrehend, See bis 1,5m

Westliche Ostsee: Nord bis Nordwest 4, später zunehmend 5, See bis 1,0m

Aussichten bis Sonntagabend:

Deutsche Bucht: West 4 – 5, Südwestdrehend, See bis 1,5m

Kieler Bucht: Nord bis Nordwest 5, später abnehmend 3-4 5, See bis 1,0m

 

0700 – Frisch belebt komme ich aus der Dusche. Die Nacht im Hotel war kurz. Gestern sind wir gegen 2200, nach acht Stunden Autobahnfahrt, hier angekommen. Kaum im Zimmer sind wir schnell noch zum McDonald´s in Oldenburg gedüst und haben uns was zum Abendbrot geholt. Beim Abendessen haben wir uns auch mit der Wetterlage für die kommenden Tage auseinander gesetzt. Kurz vor Mitternacht ging es dann endlich ins Bett.

Leider hatte ich beim einstellen des Handyweckers die Brille nicht mehr auf, daher klingelte der nun auch noch eine halbe Stunde zu früh.

Kurz vor 0800 nehmen wir im Frühstücksraum Platz an einem Tisch am Fenster. Das „Haus Magdalene ist klein“. Die Chefin kümmert sich liebevoll um ihre Gäste. Noch nie wurde ich gefragt wie ich mein Frühstücksei gern hätte. Überrascht bestelle ich es, so wie es am liebsten mag. Innen noch weich. Wir genießen unser Frühstück in aller Ruhe.

0830 – Nun geht es die letzten Kilometer nach Burgstaaken. Da wir sehr früh dran sind, kommen wir schnell und unkompliziert durch. Die Fahrt, mit dem Auto, über die Fehmarnsundbrücke ist dennoch etwas Besonderes. Bisher sind wir nur darunter durch gefahren.

Den Kommunal- und Fischereihafen erreichen wir gegen 1030. Die „Intention IV“ liegt am Frachtpier. Immer wieder erzeugt der erste Anblick des „eigenen Bootes“ ein kribbeln im Bauch. Unser Zuhause und Arbeitsplatz für die kommenden 14 Tage. Rollo und Corinna erwarten uns schon. Die Übernahme der Yacht lief kollegial ab. Wir plauderten über die geplante Route und die Wettersituation. Bald darauf waren wir allein.

Gegen 1115 trat der Hafenmeister an uns heran. Er informierte uns, dass bald ein Frachter kommen würde, der den Liegeplatz benötige. Wir

bequeme Gepäckumladung in Burgstaaken

bequeme Gepäckumladung in Burgstaaken

verholten die „Intention IV“ also gleich ein Stück nach vorn. Ganz im Eck des Hafenbeckens kuschelten wir uns nun ein. Unser Auto, „Sternchen“, wurde direkt neben die Yacht gefahren. So komfortabel, direkt vom Kofferraum aufs Boot haben wir noch nie übernommen. Als alle unsere Sachen an Bord waren, gab es erst einmal Mittagessen.

Anschließend starteten wir zur Einkaufsrunde. Fourage für acht Personen, mindestens für vier Tage ausreichend. Wasser und Bier sollten am besten die kompletten 14 Tage reichen. Denn in Zukunft müssten wir die Einkäufe von Hand an Bord bringen.

1600 – Die letzten Stunden sind wie im Fluge vergangen. Noch beim Ausladen der Lebensmittel kommt Susanne an. Die Wiedersehensfreude ist groß. Wir fallen uns erst einmal in die Arme, auch Marcus, Stephan und Yvonne stehen bald am Kai. Nun fehlt nur noch Adi.

Marcus und Susanne liegen sich auch in den Armen. Sofort kommen Erinnerungen an die „Mephisto“ vom letzten Jahr auf. Anekdoten werden erzählt und so ganz nebenbei, verschwinden die Lebensmittel im Boot. Auch die Reisetaschen und Seesäcke wandern an Bord. „Barbossa“, unsere Wasserrettungspuppe, zieht in der Backskiste ein und als Adi gegen 1720 auf dem Pier steht, ist die Crew komplett.

Es gibt noch eine Einweisung in die Toiletten, die Gasanlage und den Kühlschrank. Noch ein paar klärende Worte zur Wacheinteilung und dann ist es auch schon Zeit für das Abendessen.

1930 – Wir sammeln uns um, im „Goldenen Anker“ zu Abend zu essen. Der Abend wird noch ein wenig länger und sehr lustig. Irgendwann gegen 2230 sind dann alle Lichter aus.

04. Mai 2014, Sonntag, Burgstaaken/Fehmarn

Wetter DWD vom 04.05.2014 -0330 UTC

Starkwind, oder Sturmwarnungen für folgende Seegebiete: Belte & Sund, westliche Ostsee, Skagerrak

Vorhersage bis Sonntagabend:

Deutsche Bucht: Nord bis Nordwest 4 – 5, später südwestdrehend, See bis 1,5m

Westliche Ostsee: West bis Nordwest 5- 6 , später abnehmend 4 – 5, See bis 1,0m – 1,5m

Aussichten bis Montagmorgen:

Deutsche Bucht: Südwest bis West 4 – 5, See bis 1,5m

Kieler Bucht: West 5, später südwestdrehend 3-4 5, See bis 1,0m

0520 – Im Hafen weht der Wind mit 3 bis 4 Stärken aus Nord. Das kann durch die Ablenkung der bauten und des Ortes sehr gut von der tatsächlichen Situation auf See abweichen. Es ist kühl draußen, knapp 8°C. Aber, ich wollte auch nur auf die Toilette. Im Nachthemd wird mir langsam kalt. Also ziehe ich mich noch einmal in den warmen Schlafsack zurück.

0640 – An Bord beginnt das Leben. Die ersten, Stephan und Marcus, zaubern schon am Kaffee herum, Stephan sucht bereits den Weg zum

Tagesbesprechung mit der Crew

Tagesbesprechung mit der Crew

Bäcker und auch Susanne kommt schon fix und fertig zurecht gemacht vom Duschen. Ich ahne, dies wird ein „Frühaufstehertörn“. Also tausche ich Nachthemd gegen Arbeitshose und Fischerpulli und schaue zuerst nach dem Wetter. Nur gegenüber 0520 hat sich noch nix geändert.

Es ist jedoch noch Zeit schnell unter die heiße Dusche zu springen. Bloß keine Gelegenheit für eine warme Dusche auslassen. Die nächste Gelegenheit wird erst in Brunsbüttel sein!

1000 – Der Frühstückstisch ist aufgeräumt. Alle stehen an Deck und lernen nun die Bedienelemente der „Intention IV“ kennen. Der Umgang mit den Winschen und Klemmen. Der Verlauf der Fallen und Schoten und letztendlich Ruder und Schaltgetriebe der Maschine.

Jeder blickt auch auf die Umlenkungen der doch filigranen Kettenanlage der Doppelruderanlage. Und auch in die Bilge und der Motor wird in Augenschein genommen.

Es folgt die übliche Sicherheitseinweisung. Gegen 1200 gibt es noch einen leckeren Imbiss bevor wir auslaufen.

1315 – Mit ein wenig Mühe habe ich die „Intention IV“ von ihrem Liegeplatz gelöst und aus dem Hafenbecken gezirkelt. Der Wind war böig und auflandig mit 3 bis 5 Stärken. Hinter uns der Frachter, gegenüber zwei Yachten. Viel Platz war nicht die 46 Füße zu drehen. Das ganze Manöver auch noch gegen den Wind. Der erste Plan geht nicht auf, der Wind ist stärker als die Maschine um den Bug durch den Wind zu drehen. Also: Plan B – Ablegen „über Bande“ wir drehen erst um 90° und schaffen dann den Weg hinaus.

Ja, ich bin stolz das Schiff gemeinsam mit der Crew da so sauber heraus manövriert zu haben.

Eine Stunde später passieren wir die Fehmarnsundbrücke. Dahinter, nördlich von Heiligenhafen, drehen wir die ersten Manöverkreise unter Maschine. Dabei lassen wir bereits 13 Seemeilen im Kielwasser zurück.

Der Wind weht mit frischen fünf Windstärken aus West, als wir um 1515 die Segel setzen. Im Großsegel bleibt das erste Reff eingebunden. Auch mit der reduzierten Segelfläche läuft unsere Lady sieben bis acht Knoten durch Wasser. Wir kreuzen uns von der Insel mit ihren westlich vorgelagerten Sandbänken frei und nehmen Kurs auf Kiel.

1830 – 54°28,6`N 010° 45,9`E – Knapp 23 Seemeilen haben wir nun schon kreuzend auf dem Weg nach Kiel zurück gelegt. Der Wind hat auf drei bis vier Windstärken nachgelassen. Also nutzen wir die Gelegenheit zum ausreffen. Mit voller Segelfläche erreichen wir nun auch wieder mindestens sieben Knoten Fahrt durch Wasser. Der Strom kostet uns einen Knoten Fahrt über Grund.

Bisher haben sich die meisten sehr gut gehalten. Leider haben wir einen Kameraden an Bord, der sein Mittagessen an Neptun geopfert hat. Doch er ist dabei sich zu erholen. Am Ruder bessert sich sein Befinden und seine Laune merklich. Allerdings darf ich momentan allein navigieren. Doch ich bin optimistisch, dass sich dies bald ändern wird. Denn ich schickte die „Mephisto-Veteranen“ in die Kojen, zum schlafen. Ich brauche heute Nacht noch ausgeruhte Leute. Auch ich versuche so viel zu ruhen wie möglich.

2000 – 54° 31,6`N 010° 40,4`E. Seemeilen stehen auf unserer Logge. Wir kreuzen noch immer. Immer noch weht ein angenehmer dreier Wind aus West. Jedoch würden wir kreuzend erst zum Frühstück in Kiel ankommen. Schweren Herzens lasse ich die Segel bergen. Die nächsten 24 Seemeilen werden wir unter Maschine auf direktem Kurs nach Kiel fahren.

Die nächtliche Ansteuerung der Kieler Förde ist ein besonderes Erlebnis. Sektorenfeuer, Richtlinien, Tonnen mit Signalen. Alles was bisher abstrakt im Lehrbuch zu sehen war, hier ist es live zu erleben. Dazu die Lichtverschmutzung durch eine Großstadt.

2330 – Leise schleichen wir uns an den Thiessenkai heran. In die kleine Lücke zwischen zwei Bugsierschleppern passen wir genau. Also fahre ich mit dem Heck an den Kai, die Achterleine fest und dicht, schon dampfen wir in die Achterleine ein. Langsam, aber sicher, dreht sich die „Intention IV“ an ihren Liegeplatz. Gut, dass wir uns in der Nacht nicht weiter zum Yachthafen Kiel Holtenau vorgewagt haben. Den Müll, insbesondere die recht lange Leine im Wasser, hätten wir in der Dunkelheit übersehen – unsere Schraube wahrscheinlich nicht. Den Anlegeschluck haben wir uns alle verdient.

Stand: 68,92sm, davon 36,54 gesegelt.

05. Mai 2014, Montag, Kiel/Holtenau

Wetter DWD vom 05.05.2014 -0300 UTC

Vorhersage bis Montagabend:

Deutsche Bucht: Südwest 3 – 4, südostdrehend, auffrischend 5, teilweise diesig, See 1,0 m

Morgenstimmung am Thiessenkai

Morgenstimmung am Thiessenkai

Westliche Ostsee: umlaufend 2 – 3, später Süd, etwas zunehmend, diesig, See 1,0 m

Aussichten Deutsche Bucht:

Di 0000 SE-S 4-5; DI 1200 S-SW 2-3; Mi 0000 SW-W 3-4; Mi 1200 W 4-5

0700 – Wieder eine kurze Nacht. Eine Katzenwäsche im Bordeigenen Bad muss reichen. Die Duschen werden gerade renoviert, der Hafenmeister mit dem Schlüssel zu anderen Duschräumen ist erst ab 1000 zu erreichen. Wie war das noch: Keine heiße Dusche auslassen! – Wer weiß wann sich die nächste Möglichkeit ergibt. Das Frühstück sieht lecker aus. Es entwickelt sich ein Wettstreit, besonders unter den Jungs, wer zuerst auf ist und schon mal Kaffee kocht. Auch der Schwarztee für die Skipperinnen wird akkurat drei Minuten ziehen gelassen.

0740 – Wir werfen die Leinen los und drehen ein paar Minuten Kreise, bevor wir in die Schleuse einfahren. Die Anekdoten der „Felicitas“ werden erzählt. Als wir zwei Stunden Kreise drehend vor der Schleuse warten mussten. Ich denke zurück an Thomas, der die meisten der zwei Stunden am Ruder stand. Heute ist dies Adi. Er fährt auch in die Schleuse und legt dort an. Auch den Ableger hat er unter meiner Anleitung gefahren. Ab jetzt wird jeden Tag ein anderer Trainee die regulär notwenigen Manöver fahren. Ich werde mich dabei immer mehr zurück nehmen mit der Anleitung. So sollen die Trainees aus dem Beobachten, Nachahmen und selbst ausführen lernen.

0820 – Die Schleuse haben wir geschafft. Jetzt folgen wieder lange Stunden der Motorfahrt auf dem Nordostseekanal. Besonders Martina, Susanne, Marcus und Yvonne stehen heute am Ruder. Adi, Stephan und Volker haben theoretischen Unterricht in den Fächern Navigation, Gezeiten, Schiffspapiere und ein wenig Wetter. So nebenbei wird das Mittagessen gekocht und selbstverständlich mag jeder auch sehen und

... auf dem NOK ...

… auf dem NOK …

fotografieren.

1716 – Wir sind fest im Binnenhafen der Schleuse Brunsbüttel. Morgen reicht es, wenn wir gegen 0900 ablegen. Also gehen wir beim Anlegeschluck noch einmal den Umgang mit Leinen durch. Was der Unterschied zwischen fest und belegen ist. Wir man einen S-Schlag macht, fieren, führen und dicht holen wird geklärt. Und die Anlegemanöver noch einmal für Alle durchgesprochen.

Die Duschen werden ausgiebig genutzt. Und dann ist es auch schon wieder Essenszeit. Abendessen gibt’s beim Italiener an der Schleuse. Allerdings hat die Qualität ein wenig enttäuscht. Dennoch wurde es ein lustiger Abend.

Stand: 127,67 sm, davon 36,54 gesegelt.

06. Mai 2014, Dienstag, Brunsbüttel

Wetter DWD vom 06.05.2014 -0300 UTC

Vorhersage bis Dienstagabend:

Deutsche Bucht: Südost 4, teilweise 5, später Südwest 3, See 0,5 m

Aussichten Deutsche Bucht:

Mi 0000 S-SW 3; Mi 1200 S-SW 4-5; Do 0000 SW 4 (7-8); Do 1200 SW-W 4-5 (8 TH)

0700 – Die Aussichten für den Donnerstag gefallen mir gar nicht. Mit Martina bespreche ich meine Sorgen und Gedanken. Doch da die Prognosen jeden Tag anders ausfallen, werden wir heute erst einmal bis Cuxhaven fahren. Aktuell haben wir drei Windstärken aus Südost. In Ruhe frühstücken wir. Anschließend besprechen wir die Wetterlage mit den Schülern und auch die folgenden Manöver.

1030 – Stephan legt ab und beginnt vor der Schleuse die Wartekreise zu drehen. Ein wenig undurchsichtig ist die Situation schon. Als wir eine Kammer anlaufen wollen, in die vorher ein kleines Boot der Wasserschutzpolizei einlief, wurden wir abgewiesen und zur äußersten Kammer gesandt. Nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit können wir endlich einschleusen. Ganz allein in der sind wir in der Kammer. Schon imposant. Zwanzig Minuten später geht die Schleuse elbseitig auf. Eine Digitalanzeige zeigt den Strom an. 3,2 Knoten stromabwärts. Sehr

... Elbwärts ...

… Elbwärts …

eindrucksvoll.

Wir laufen auf die Elbe hinaus und die Eindrücke sind riesig. Schiffe so groß wie Häuser, der breite Strom und die Strömung, welche einen deutlichen Vorhaltewinkel erfordert. Alle an Bord sind sehr beeindruckt.

1315 – Als wir einen günstigen Wind bemerken, beschließen wir zumindest mit der Fock zu segeln. Wind und Strom bescheren uns eine Fahrt über Grund von 6,5 Knoten. In aller Ruhe genießen wir die Segelei nach Cuxhaven, welches wir um 1600 erreichen. Eine Runde noch im

Hafenbecken und zwanzig Minuten später sind alle Festmacherleinen auch zu meiner Zufriedenheit eingestellt.

Wie vor zwei Jahren ist der Vorstand der Liegeplatzvereinigung Cuxhaven, namens Heiko, zugegen und begrüßt die Ostseesegler sehr herzlich. Wir werden eingeladen die Clubräume zu nutzen und selbstverständlich auch die Sanitärräume.

Die Wetterlage geistert immer noch in meinem Kopf herum. Wir werden morgen zwar super nach Helgoland kommen. Bei vier Windstärken aus Südost dürfte dass ein richtiger Spaß werden. Doch leider soll der Wind zunehmen mit fünf Windstärken. Schön gewürzt mit Böen von sieben Windstärken. Am Freitag sollen es sogar sieben Windstärken im Mittel sein und auf West drehen.

Mir ist zum heulen. Der dritte Anlauf Helgoland zu erreichen und wieder steht der Wind zu ungünstig. Wir müssten einen Am-Wind-Kurs bei 1,5 Welle gegenan, in die Elbemündung zurück reiten.

Ich bespreche mich mit Martina, danach mit Susanne und Marcus. An Bord tagt der Kriegsrat. Einziger Tagesordnungspunkt: Sicherheit – Sicherheit und – hatte ich es schon gesagt – Sicherheit. Der gemeinsame Beschluss. Morgen segeln wir noch in der Elbmündung, am Nachmittag geht es wieder in den NOK. Übermorgen Kanalfahrt und danach noch eine schöne Ostseerunde.

Inzwischen hat es angefangen zu regnen. Wir igeln uns unter Deck ein, kochen Tee und machen es uns gemütlich. Aus dem Kriegsrat wird Geplauder. Immer wieder kommen fachliche Fragen auf. Gemeinsam mit Martina bemühe ich mich trotz unserer Traurigkeit auch jetzt noch die Fragen kompetent zu beantworten.

2250 – Eine letzter Blick zum Himmel, dann gehen Martina und ich in die Koje. Beim Einschlafen höre ich noch Stimmengemurmel im Salon. Ich hoffe, dass diejenigen auch bald schlafen. Morgen sollten alle ausgeruht sein.

Stand: 144,6 sm, davon 41,2 gesegelt. (gemäß Logge!)

07. Mai 2014, Mittwoch, Cuxhaven

Wetter DWD vom 07.05.2014 -1200 UTC

Vorhersage bis Mittwochabend:

Deutsche Bucht: Südwest 5, zunehmend 6, später Westdrehend 3, See 1,5 m

Aussichten Deutsche Bucht:

Do 0000 SW-W 5 (7) Do 1200 SW-W 5-6 (7-8); Fr 0000 S 4-5 (6-7); Fr 1200 SW-W 5-6 (7-8); Sa 0000 SW-W 5 (7-8); Sa 1200 SW 5 (6-7)

Aussichten Kieler Bucht:

Do 0000 SW-W 4-5 (6-7) Do 1200 SW-W 5 (7); Fr 0000 S 4-5 (6); Fr 1200 SW-W 5 (7); Sa 0000 SW-W 5 (7); Sa 1200 SW 5 (7)

... in der Navi ...

… in der Navi …

0600 – Ich werde wach. Ich mag noch nicht aufstehen. Also rutsche ich rüber zu Martina, kuschel mich in ihre Schulter und döse noch ein wenig. Jedoch, unbarmherzig werden unsere Bordkameraden der Reihe nach wach. Sie unterbieten sich geradezu sportsmäßig die ersten zu sein, die das Frühstück fertig haben.

Da hilft wohl alles nix. Raus aus dem Schlafsack und rein in die Arbeitskleidung. Beim Frühstück wird der Plan besprochen. Die Wettersituation analysiert und um 0920 legen wir ab.

90 Minuten lang drehen wir unsere Kreise im großen Becken des Amerikahafens. Immer wieder fällt die Boje ins Wasser und wird geborgen. Dabei müssen wir gehörig aufpassen nicht mit einem Bagger und einem ebenfalls übenden Schlepper in Konflikt zu geraten.

1100 – Die Segel werden gesetzt. Bei fünf Windstärken aus Nordwest! Da wir viele Wenden und Halsen trainieren wollen, ist das zweite Reff eher den Armmuskeln zuliebe gewählt. Gleiches gilt die angereffte Fock. Man muss sich die Arbeit nicht schwerer als nötig machen.

... im Manövertraining ...

… im Manövertraining …

Kreuzend hangeln wir uns zwischen den dicken Pötten nordwärts die Elbe hinaus. Ich konzentriere mich darauf die Manöver, das Training und Verkehrssituation nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Trainee ist reihum „Segeloffizier“. Martina steht am Ruder und fährt die Wenden auf Kommando. Auf diese Weise wird schnell klar, auch „Ree“ ist ein Kommando. Der Gedanke ist, sich zuerst nur auf das Manöver zu konzentrieren, ohne auch noch „am Rad drehen zu müssen“. Jeder leitet auf diese Weise 10 bis 12 Wenden! Und logischerweise ist auch jeder 10 bis 12 Mal auf jeder anderen Position.

1245 – Nördlich von Scharhörn, an der Fahrwassertonne 12 drehen wir um, um passend zum Stauwasser vor Brunsbüttel an der Schleuse zu sein. 14 Seemeilen liegen nun schon im Kielwasser. Der Wind kommt inzwischen mit sechs Windstärken aus West. In Böen an der Grenze zu sieben Windstärken. Die Entscheidung von gestern, heute zurück zu fahren war definitiv richtig. Ein fader Beigeschmack bleibt. Denn eigentlich, wollten wir nach Helgoland.

Während wir Elbaufwärts segeln erreichen wir als Spitzengeschwindigkeit 10,4 Knoten durch Wasser. Wahnsinn. Ich bin begeistert, vom Schiff und der Crew. Wir versuchen sogar die vor uns motorende „Alexander von Humbold II“ einzuholen. Das schaffen wir allerdings erst, als sie wendet um in Cuxhaven anzulegen.

1550 – Der Wind hat deutlich nachgelassen. Wir reffen aus und können so unsere Geschwindigkeit halten. Inzwischen haben wir drei Knoten mitlaufenden Strom. Schön! Der Wind pendelt zwischen Südwest und Südost. Eine Zeitlang fahren wir sogar einen Schmetterling. Die Fock wir dabei ausgebaumt. Da zu diesem Zeitpunkt wenig Schiffsverkehr auf der Elbe herrscht, nutzen wir die Gelegenheit die Fahrrinne zu queren.

1745 – Wir sind wieder an der Schleuse Brunsbüttel. Und, können direkt einlaufen. Ja wie toll ist das denn?! Also, rein in die Schleuse und eine halbe Stunde später sind wir wieder fest in Brunsbüttel.

Am Abend gehen wir erst einmal duschen. Es gibt auch Zeit für persönliche Gespräche innerhalb der Crew. Martina und ich gehen derweil spazieren und suchen ein Lokal für das Abendessen. Der Abend beim „Kroaten“ war leider nicht so toll. Beim nächsten Mal kochen wir besser

... wir testen unser Ölzeug ...

… wir testen unser Ölzeug …

an Bord.

Stand: 183,6 sm, davon 62,4 gesegelt.

08. Mai 2014, Donnerstag, Brunsbüttel

0600 – Regen prasselt an Deck. Ach wie schön ist es im Schlafsack. Wenn da nicht schon wieder jemand Kaffee kochen würde. Ich verabschiede mich von dem Gedanken auf dieser Reise länger als sechs Uhr schlafen zu können. Da Martina noch zu schlafen scheint, schäle ich mich vorsichtig aus dem Schlafsack und schaue mal nach. Stephan und Marcus stehen grinsend und fröhlich in der Kombüse. So lieb wie die Beiden einen anlächeln, muss man sie einfach lieb haben. Adi und Volker kommen auch langsam aus Ihrem Schrank heraus, dichtauf von Susanne und Yvonne gefolgt, die in der großen Bugkabine residieren. Und so findet es sich, dass bald darauf die komplette Crew lustig schwatzend am Salontisch frühstückt.

0900 – Gerade als wir klar zum Ablegen machen, rauscht ein dicker Regenschauer runter. Die Tropfen sind so groß wie Johannesbeeren und es gibt Duschen, die haben wirklich deutlich weniger Druck. Garniert wird der Starkregen von kleineren Hagelkörnchen. Die Stimmung erreicht zu diesem Zeitpunkt ihren Höhepunkt. Voller Ironie zum Regen brechen alle in Gelächter aus. Da wir allerdings alle dickes Ölzeug tragen, machen wir einfach fröhlich weiter in unserem Manöver. Behutsam dirigiere ich Volker an den Steg der Dieselstation und er fährt einen echt tollen Anleger. Im dicksten Regen. Kaum sind wir fest, ist die Dusche, der Regen, aus!

1045 – Vollgetankt werfen wir die Leinen los und machen uns auf den Weg nach Kiel. Auch die letzte Leine, die sich verheddert noch heftig dagegen wehrte, mit uns die Reise fortzusetzten, lassen wir nicht am Steg zurück. Auf dem Weg gibt es wieder Theorieunterricht. Themen: Motorentechnik, Segeltheorie (Rollanlagen kontra Stagreitersegel und Lattengroß), Wetter, Schifffahrtsrecht.

Jeweils nach einer Lektion Unterricht gibt es eine große Pause. Die wird zum Kochen genutzt, heute gibt es Labskaus. Die Skipperin kocht. Schade, dass Stephan als Vegetarier heute außen vor ist. Doch für ihn haben wir auch was Leckeres geplant. Er wird mit Nudeln verwöhnt.

Labskaus nach Art des Hauses

Labskaus nach Art des Hauses

Unsere Steuerfrauen, Martina und Susanne, sowie Marcus als Hahn im Korb, haben natürlich auch regelmäßig Pause. In den Pausen übernehmen wir anderen das Ruder.

1825 – Wir haben die Schleuse in Kiel passiert. Nun geht es noch unter Maschine die paar Meilen bis Laboe. Volker ist beeindruckt, wie wir die „Intention IV“ trotz auflandigem Wind, rückwärts in die Box drehen. Er kennt nur wenige Leinenmanöver. So kommt ihm das Eindrehen in die Achterspring wie ein Zauberkunststück vor.

1930 – Wir sind fest in Laboe. Wieder im Museumshafen, mit direktem Zugang zur Stadt. Abends reden wir noch über Segelmanöver und MOB-Manöver. Dann ist bald Licht aus.

Stand: 246,8 sm, davon 62,4 gesegelt.

09. Mai 2014, Freitag, Laboe

Wetter DWD vom 09.05.2014 -0300 UTC

Aussichten Kieler Bucht

Fr 1200 SW-W 4; Sa 0000 SW-W 5-6 (7); Sa 1200 W 4; So 0000 SW 4-5; So 1200 SW-W 5-6 (7)

Aussichten Belte und Sund

Fr 1200 SW-W 2-3; Sa 0000 SW-W 3; Sa 1200 W 3-4; So 0000 S-SW 3 (6-7); So 1200 SW-W 4 (6-7)

Schon interessant was der DWD da so sagt. Ich bemühe das Internet und schaue was der Dänische Wetterdienst ergänzt. Die Böen fallen dort geringer aus. Immerhin dürfte es gut gehen unter Land nordwärts in Richtung Sønderborg zu segeln.

Aber heute Vormittag wollen wir erst zum Marine-Ehrenmal. Marcus und Susanne haben es vorgeschlagen. Sie fanden es sehr passend im letzten Jahr und wollten es dieses Jahr wiederholen und haben es der Crew vorgeschlagen.

Alle aus der Crew legen zusammen. Es werden mehr als 50,00 Euro. Davon kaufen wir ein schönes Gedeck für das Marine-Ehrenmal. Der

... in Laboe ...

… in Laboe …

Restbetrag wandert in das Spendenschiffchen der DGzRS.

Als wir zum Mittag vom Ehrenmal zurück kommen, überrascht mich Yvonne mit der Information, dass ihre Kinder krank sind. Sie wird dem Bus gegen 1300 Uhr nach Kiel nehmen und heute abreisen. Bei erkrankten Kindern, kann dies jeder an Bord verstehen. Wir werden die Reise also zu siebt fortsetzen.

1320 – Nachdem wir uns von Yvonne verabschiedet haben, laufen wir aus. Dabei verhängt sich der Kugelfender der Achtern an der Reeling hing zwischen Boot und Pfahl. Mit einem lauten Knall bricht die Fenderleine. Wir fahren das Manöver dennoch zuerst zu Ende. Legen direkt danach am Ostkai in Laboe wieder an und holen unseren Fender zurück. Alles lief komplett in Ruhe ab. Genial reagiert hat Martina, die in Windeseile die Festmacher an Steuerbord für ein Anlegemanöver vorbereitet hat. Sie hat erkannt welches Manöver nun folgen wird und konsequent gehandelt. Es ist richtig schön mit solch einer Co-Skipperin zu fahren. Danke!Auch die Crew ist begeistert, mit welcher Gelassenheit und Ruhe die „kleine Katastrophe“ behoben wird.

1350 – An Tonne 5 der Kieler Förde setzen wir die Segel. Der Wind weht aus Süd mit drei bis vier Windstärken. Die Böen erreichen allerdings obere sechs Windstärken. Wegen der Böen und des achterlichen Windes verzichten wir auf das Großsegel. Nur unter der Fock pendeln wir zwischen sechs und acht Knoten durch Wasser. Einfach toll!

1553 – Wir sind vor Damp. Da noch Zeit ist, üben wir noch MOB´s unter Maschine auf See. Es ist ein anderes Gefühl als im Amerikahafen. Dennoch laufen die Manöver gut. Wir können also nun mehr Zeit in die Segelmanöver investieren. Das freut uns alle.

1650 – Wir sind fest im Hafen von Damp. Abends wird an Bord gekocht und im Anschluss nutzen wir das Schwimmbad im Hafen. Die Idee findet großen Anklang und so toben bald sechs Erwachsene ausgelassen im warmen Salzwasser herum. Den Ausklang des Abends finden wir in einer kleinen Kneipe…

Gegen 2200 sind alle in den Kojen.

Stand: 264,46 sm, davon 72,5 gesegelt.

10. Mai 2014, Samstag, Damp

Wetter DWD vom 10.05.2014 -0310 UTC

Aussichten Kieler Bucht

Sa 1200 SW-W 3-4; So 0000 SW 4; So 1200 SW 6 (7-8); Mo 0000 SW-W 5; Mo 1200 W-NW 5 (7)

Aussichten Belte und Sund

Sa 1200 SW-W 3; So 0000 S 2-3; So 1200 SW 4 (6-7); Mo 0000 SW-W 2-3; Mo 1200 W-NW 3-4

0730 – Beim Morgenmahl gehen wir den Tagesplan durch. Martina kümmert sich um die Wäsche, während wir Hafenmanöver üben. Das O.K. haben wir uns gestern schon vom Hafenmeister geholt. Marcus hilft ihr die Wäsche zur Wäscherei zu bringen. Vier große Tüten muss sie waschen. Es ist echt lieb von ihr, diese Arbeit zu erledigen.

0845 – Wir legen ab. Allerdings bleibt der Motor aus! Wir verholen, zur Übung, die „Intention IV“ nur mit Leinen. Dieses Manöver sorgt schon für einige Verwirrung und auch Bewunderung im Hafen. Rückwärts aus der Box, um die Pfähle herum und längsseits an den Steg. Ohne  jeglichen Stress, ohne laute Worte, jederzeit kontrolliert und das trotz böigen Windes. (Dazu gibt es ein Video)

Es folgen noch mehrere Boxenmanöver unter Maschine. Jeder fährt zwei Manöver vorwärts in die Box. Auch hier wieder alles in Ruhe, ohne Stress. Marcus und Susanne versuchen sich bei den Manövern mit reduzierter Crewstärke. Auch hier kommen wieder bevorzugt Leinen zum Einsatz. So langsam reift die Erkenntnis wie wichtig und nützlich es ist, mit Leinen arbeiten zu können.

1300 – Martina hat inzwischen 4 Maschinen Wäsche gewaschen, getrocknet und zusammengelegt. Wir haben 17 Mal ab- und angelegt. Wieder haben wir einige Hafenlieger verwirrt. „Haben die nen Motorprobelm?!“ wurden Marcus und Martina von einer Bootsfrau gefragt, die beobachtet hatte, dass heute Vormittag so oft Leinen bei uns im Einsatz waren, als sie mit der letzten Lieferung Wäsche zum Boot kamen.

Nachdem wir alle so fleißig waren, gibt es jetzt noch Fischbrötchen und Bratwurst am Stand im Hafen, bevor wir klar zum Auslaufen machen.

1340 – Adi fährt den Ableger und uns aus dem Hafen. Auf See folgen noch ein paar Übungsmanöver und um 1400 setzen wir unter vollen Segeln Kurs auf Sønderborg. Unterwegs wollen wir Halsen üben. Nur, der Wind lässt immer mehr nach. Bis 1600 wechseln sich Motor und Segel kontinuierlich ab. Immer wieder nehmen wir die Fock weg. Das Groß wird dicht geholt und der Motorkegel gesetzt. Sobald wieder ein wenig Wind weht, wird alles wieder aufgeräumt und die Fock gesetzt. Bald darauf beginnt der Tanz wieder von vorne. Wir betrachten es als

... vor der Schleimündung ...

… vor der Schleimündung …

Übungen und ärgern uns deswegen nicht darüber.

1630 – Auf Höhe Bredegrund haben wir endlich konstanten Wind. Kurzeitig reffen wir sogar das Großsegel. Doch ab 1745 können wir konstant mit Vollzeug segeln. Der südwestliche Wind? gestattet einen direkten Kurs auf das Leuchtfeuer Kalkgrund und gegen 1900 drehen wir auf die Ansteuerung von Sønderborg ein. Vorher haben wir vorsorglich das Großsegel geborgen. Nur unter der Fock laufen wir bis in den Hafen von Sønderborg.

Der ist leider brechend voll. Eine Regattayacht verweigert uns längsseits zu gehen. Frustrierend, dabei hätte ihre Swan 53 sicher keine Nöte mit unserer 46-Fuß-Lady gehabt. Also legen wir direkt vor der Brücke an. Der Liegeplatz birgt das Problem dass wir immer um den Bauzaun herum klettern müssen.

Im Anschluss an das Abendessen, Käsespätzle und Salat àlà Stephan, öffnet das Bordkino. Es werden Chips und Cola, respektive Bier und Wein geordert und gegen 2030 startet die Vorführung von „Wind“. Die kommenden 100 Minuten gehören der Liebe, der See und dem American´s Cup. Ein wenig geflasht gehen wir gegen 2230 zu Bett.

11. Mai 2014, Sonntag, Sønderborg

Wetter DWD vom 11.05.2014 -0000 UTC

Aussichten Kieler Bucht

So 1200 SW 6-7 (8); Mo 0000 SW-W 5-6 (7); Mo 1200 W 4-5; Di 0000 W 5; Di 1200 W 4

Aussichten Belte und Sund

So 1200 SW 4 (6-7); Mo 0000 SW-W 3-4; Mo 1200 W 3; Di 0000 W 3-4; Di 1200 W 3

0645 – Der Himmel ist bedeckt, die Wind weht aus Süd-Süd-West mit 3 Stärken, immer wieder regnet es. Wir wollen versuchen heute Eis zu bekommen. Ich habe allen von den berühmten dänischen „Gammeldags Isvafler“ vorgeschwärmt. Unterstützung erhielt ich dabei von Susanne und Marcus, die sich noch sehr gut an Sælskør erinnerten. Also gehen wir nach dem Frühstück erst einmal in die Stadt.

Doch dort stellen wir bald fest: Die Dänen, die sonst am Sonntag durchaus auch die Läden öffnen, ehren den heutigen Muttertag. Gerade einmal ein paar Cafés haben geöffnet. „Gammeldags Isvafler“ bekommen wir heute hier sicher nicht. Denn eigentlich, wußte ich sogar genau wo wir welche bekommen hätten.

Dennoch bummeln wir durch Sønderborg und gegen Mittag tagt der „Kriegsrat“ an Bord, wie wir bei der Wetterlage nun weitermachen. Wir, Martina und ich, wollen Schiffsführer ausbilden. Daher ist es uns wichtig, dass unsere Entscheidungen für alle an Bord nachvollziehbar sind.

Wenn wir es darauf anlegen, könnten wir in 14 Stunden in Heiligenhafen sein. Also haben wir die Möglichkeit, uns in kleinen Etappen zum Prüfungshafen zu segeln. Demzufolge werden wir heute vor Sønderborg Manöver üben und dann mal nach Høruphavn sehen. Soweit der Plan.

1330 – Um ablegen zu können, müssen wir die „Intention IV“ jedoch erst drehen. Denn so nah an der Brücke, wie wir liegen, könnten wir nur durch Eindampfen in die Vorspring ablegen. Da die Lady aber einen starken Radeffekt hat (gut, dass wir aus der Burgstaaken-Erfahrung lernen konnten), würde der und der Wind uns wieder an den Kai bringen. Die Strömung uns aber an die Brücke treiben. Konsequenz: Wir drehen die Lady um. Und, der Motor bleibt dabei aus!

Fünf erstaunte Augenpaare fixieren mich. Niemand kann sich vorstellen, dass das geht. Der Wind drückt mit fünf bis sechs Windstärken das

Manövererklärungen

Manövererklärungen

Boot an den Steg!

Ich erkläre anhand der „Dulcibella“, unserem Schiffsmodell, das Manöver, das Boot nur mit Leinen über den Bug zu drehen. Dabei werden drei Leute am Steg arbeiten und zwei an Deck. Ich werde das Manöver vom Boot aus leiten. Direkt danach ziehen wir uns seefest an und machen uns an die Arbeit.

Susanne, Marcus und Adi gehen auf den Kai. Sie nehmen die Festmacherleinen und beziehen Position. Wir anderen bereiten an Backbord die neuen Festmacherleinen vor und geben die zukünftige Backbord-Vorleine schon außen um das Boot herum an Land. Dann lösen wir die Steuerbordleinen auf der Landseite nach und nach, drücken das Heck heraus und ziehen den Bug weg von der Brücke. Strom und Wind erledigen den Löwenanteil der Arbeit. Während der Drehung werden die Fender umgebaut und auch noch Fotos geschossen.

Die Backbordachterleine wird in Ruhe herum geführt und wir nehmen die nicht mehr benötigten Leinen von Steuerbord zurück an Deck. Eine Achterspring an Backbord noch und schon liegt die Lady an ihrem Platz und schaut in Richtung Hafenbecken.

16 Minuten nach Beginn der Arbeiten, liegt die „Intention IV“ mit der Backbordseite fest am Kai. Alle sind beeindruckt, wie einfach das Manöver war, wie leicht das Schiff sich bewegen ließ und wie gut nun unsere Ausgangslage für das Ablegemanöver ist. Ich freue mich riesig, dass meine Leinenmanöver so gut ankommen.

1437 – Stephan startet den Motor und kann nun ganz leicht, durch Eindampfen in die Achterspring ablegen. Der Strom unterstützt sein Manöver und er Wind, obwohl er mit sechs Stärken auflandig weht, ist aus dem Spiel. Während der Aufräumarbeiten an Deck dreht Stephan Runden.

Die Segel setzen wir noch im Hafenbecken. Das Großsegel wird zweifach gerefft, die Fock steht mit 80%. Und kurz vor 1500 laufen wir unter Segeln aus.

In der Sønderburgbucht werden Manöverkreise gefahren und nachdem alle durch sind nehmen wir Kurs auf die Bucht bei Høruphavn. Auf dem Weg dorthin üben wir Halsen und Q-Wenden. Der Wind hat auf sieben Stärken zugelegt. Zu viel zum Üben unter Segeln. Das Schiff ist im zweiten Reff nicht sicher zu halten. Als es zum Sonnenschuß kommt brechen wir ab. Vor Høruphavn bergen wir die Segel. Wir fahren noch MOB-Manöver unter Maschine. Gerade bei den jetzigen Bedingungen ist das anspruchsvoll. Meine Schützlinge schlagen sich gut. Ich bin echt

Sailing over the Seas

Sailing over the Seas

stolz auf sie.

Nur die Bedingungen im Hafen gefallen mir nicht. Sieben Windstärken, in Böen acht Windstärken, keine schönen Bedingungen zum Anlegen. Der dänische Wetterdienst kündigt für die Nacht neun Windstärken an. Dann der Wind, der die ganze Nacht im Rigg jault. Auch bei den anderen Booten. Und ruhig liegen werden wir dort auch nicht. So fahren wir erst einmal weiter in die Bucht hinein. Zurück kommen können wir immer noch.

Kurz nach 1700 fällt der Anker auf sechs Meter Tiefe, gegenüber Kongshøved auf Position 54° 52,178`N 009° 57,131`E. Es werden Peilobjekte ausgewählt und auch in regelmäßigen Abständen die Peilungen kontrolliert. Nur allein auf das GPS wollen wir nicht vertrauen. Und als Ausbildungsyacht werden natürlich alle terrestrischen Möglichkeiten zur Standortbestimmung genutzt. Mit Marcus und Susanne, unseren angehenden SSSlern übe ich auch noch Horizontalwinkelmessungen mit dem Sextanten.

In der Zwischenzeit entsteht unter Deck ein geniales Abendessen. Und es beginnt ein wirklich schöner und entspannter Abend vor Anker. Kein Wellenschlag, sanfte Bewegungen des Bootes, keine schlagenden Fallen. Es ist einfach schön hier. Ja, das war die richtige Entscheidung nicht mit „Gewalt“ in den Hafen einzulaufen. Die Anhöhe Kongshøved schützt vor dem meisten Wind. An Bord sind nur noch 4 Windstärken fühlbar.

Susanne hilft mir beim lernen. Irgendwie sind wir alle Schüler an Bord. Drei lernen für Ihren SKS, drei weitere für den SSS und ich lerne für den SHS. Der DSV wird begeistert sein, solch eine Lernbegeisterung an Bord. Kurz vor 2300 ist aber Schluss. Die Lichter an Bord gehen nach und nach aus. Alle genießen die ruhige Nacht vor Anker.

Stand: 312,25 sm, davon 100,34sm gesegelt.

12. Mai 2014, Montag, vor Anker Hørup Hav – 52,178`N 009° 57,131`E

Wetter DWD vom 12.05.2014 -0035 UTC

Aussichten Belte und Sund

Mo 1200 W-NW 3; Di 0000 W 3-4; Di 1200 W-NW 4 (6-7); Mi 0000 W-NW 4;

Mi 1200 NW-W 2-3

Wetterprognose dmi.dk

Montag im Laufe des Vormittags Durchlauf eines Windfeldes mit 14 bis 18 m/s. Am Abend im Mittel 8 bis 12 m/s. In der Nacht abflauend auf 4 bis 6 m/s. Am Dienstag im Mittel 8 bis 10 m/s. In der Nacht zum Mittwoch 10 bis 14 m/s.

Es ist schon beeindruckend wir sehr die Wetterdienste voneinander abweichen. Und der DWD liegt nach unseren Beobachtungen am meisten und weitesten bisher daneben. Daher orientiere ich mich schon seit Jahren eher am dänischen Wetterdienst. Leider komme ich da nicht ohne Internet ran.

Im dritten Reff hätten wir gestern, eigentlich, noch gut üben können. Wir haben zwar drei Reffs im Großsegel, aber nur zwei Reffleinen. Aufgrund der dänischen Wetterprognose entschließe ich mich die Reffs im Großsegel umzubinden. Was aber zur Konsequenz hat, das wir dann

Reffs umbinden

Reffs umbinden

nur noch bis zum zweiten Reff ausreffen können. Das liegt an der Länge der Reffleinen.

0800 – Nach der üblichen Morgenroutine finden wir uns an Deck ein. Die Sprayhood wird umgelegt. Dann das Decksluck geschlossen. Nun können wir unsere Einleinenreffsysteme umbinden. Da wir vor Anker immer mit dem Bug im Wind liegen geht das genial einfach. Wir heißen das Großsegel auf, so weit wie nötig. Dann wird aus dem Reff eins das zweite Reff. Das zweite Reff wird zum dritten Reff.

0850 – Der Motor treibt nur die Ankerwinsch an. Das „Ankerauf-Manöver“ fahren wir unter Segeln. Adi steht am Ruder und hält sich tapfer. Martina ist am Bug dabei meinen Hahnepot von gestern auf der Ankerkette aufzulösen.

Zehn Minuten später ist der Anker verstaut, wir fallen ab auf halben Wind und klaren das Deck auf. Dann werden die Segel dicht geholt und im dritten Reff, mit halber Fock erreichen wir 7,5 Knoten Fahrt durch Wasser. Fein!

Jetzt werden Manöverkreise geübt. Im Anschluss fahren wir Aufschießer und Halbwindkurse mit Back stehender Fock. Schrittweise führe ich meine Crew an das Quickstop-Manöver heran.

0948 – Wir beenden die Segelmanöver und kreuzen aus der Bucht heraus. Jeder SKS-Schüler steht einige Kreuzschläge am Ruder. Auf diese Weise entwickeln sie ein Gefühl dafür, wann eine Wende notwendig ist. Die SSS-Schüler überwachen die Navigation. Der Generalkurs liegt anfangs bei 310°, geht über auf 236° und letztendlich 210°. Der Kreuzkorridor ist teilweise nur eine halbe Meile breit.

1100 – Wir haben den Middelgrund passiert und nehmen nun direkten Kurs auf Bagenkop. Der Wind mit vier bis fünf, in Böen sechs Windstärken aus Westsüdwest. Das Großsegel bleibt im dritten Reff, die Fock wird ausgerefft auf 100%. So erreichen wir auf dem Raumschotkurs immer noch 8,2 Knoten Fahrt durch Wasser. Das ist ausreichend. Martina übernimmt die Wache und ich begebe mich in die Kombüse.

1230 – An der Südkardinaltonne des Bredgrundes gehen wir auf Ostkurs. Der Kurs mit achterlich anlaufenden Wellen und fast genau vor dem

Kaffeesegeln? Sicher nicht ...

Kaffeesegeln? Sicher nicht …

Wind ist schwer zu steuern. Besonders für unsere Trainees. Dennoch schlagen diese sich wacker und alle haben einen großen Spaß, auch wenn das Wetter bescheiden ist. Aber eigentlich, ist das Wetter in der dänischen Südsee ganz gut.

Gemeinsam mit Marcus und Susanne, später kommt noch Stephan hinzu, zaubern wir Bratkartoffeln mit Speck und Ei. Stephans Bratkartoffeln natürlich ohne Speck. Die ersten Portionen gehen an die Steuerleute und die Wachhabende. Die halten im Wind und immer wieder einsetzenden Nieselregen tapfer aus. Da ist ein warmes Essen willkommen. Stephan kümmert sich im Wesentlichen heute um die Navigation.

1430 – Das Vermessungsschiff „Alcor“ kreuzt unsere Bahn. Oder wir seine? Naja, so ganz klar war das am Anfang gar nicht. Wir unter Segeln, „Alcor“ mit merkwürdigen Kursen und dann kamen wir uns auf einmal sehr nahe. Die Tagzeichen für ein manövrierbehindertes Fahrzeug haben wir erst sehr spät erkennen können. Klarheit schaffte eine kurze Absprache der Skipper über Funk. Der Kapitän der „Alcor“ war echt freundlich am Funk. Viel Arbeit machte es auch nicht dem Vermessungsschiff die Bahn frei zu machen. Anluven Segel mitführen und weg waren wir. Als Lerneffekt für alle an Bord war diese Begegnung sehr wichtig. Die Tagzeichen Ball-Rhombus-Ball waren von den Seiten und Achtern sehr gut erkennbar. Von voraus jedoch durch die Aufbauten fast verdeckt. So viel zum Thema Theorie kontra Praxis.

1545 – Wir befinden uns vor Bagenkop und jetzt folgen die Quickstop-Manöver. Erst einmal ohne Boje. Aktuell haben wir bereits fast 43sm im Kielwasser. Jeder fährt mindestens drei Quickstop, das macht am Ende beinahe 25 Quickstop-Manöver. Der Wind weht mit vier bis fünf Stärken aus Westsüdwest. Mit dem zweiten Reff und der vollen Fock erreichen wir dabei immer noch sechs bis sieben Knoten Fahrt durch Wasser.

1755 – Wir beenden das Manövertraining. Alle sind erschöpft, wir haben heute 55 Seemeilen hinter uns gelassen. Daher fahre ich den Anleger heute selbst. Im Vorhafen von Bagenkop bergen wir die Segel und laufen im Hafen ein. Ich verschätze mich bei der Breite einer Box und kurz stecken wir zwischen den Pfählen fest. Leider verzieht das ein wenig die Scheuerleiste. Also wieder raus und neue Box gesucht und dort klappt der Anleger tadellos.

Stephan und Marcus reparieren unsere Scheuerleiste soweit mit Bordmitteln möglich. Indessen besorgen Adi und ich endlich „Gammeldags Isvafler“. Das gibt es also nicht nur eigentlich…

Der Abend vergeht mit ausgiebigem Duschen und einem leckeren Mahl, mit dem uns Volker überrascht. Martina und ich stellen der Crew noch eine Tagesaufgabe für morgen. Dabei haben unsere Trainees eine Gruppenaufgabe zu lösen. „Frau Kapitän“ möchte gegen 1500 in Orth/Fehmarn sein. Sie wünscht um 1800 im Piratennest zu Abend zu speisen. Verzögerungen sind inakzeptabel. Die Gruppe wählt Stephan als „Tagesskipper“ aus und die Köpfe glühen bei der Festlegung des optimalen Auslaufzeitpunktes.

Stand: 367,68 sm, davon 155,34 gesegelt.

13. Mai 2014, Dienstag, Bagenkop

Wetter DWD vom 13.05.2014 -0330 UTC

Aussichten Westliche Ostsee

Di 1200 W 4-5, Mi 0000 W-NW 5 (6-7), Mi 1200 W-NW 3-4, Do 0000 NE 2-3, Do 1200 NE 4, Fr 0000 NE 2-3

Wetterprognose dmi.dk

Dienstag im Mittel 6 bis 10 m/s. In der Nacht zum Mittwoch 4 bis 6 m/s. Am Mittwoch zunehmend auf 10 bis 15 m/s. In der Nacht zum Donnerstag 8 bis 10 m/s.

Früh schon köchelt der Kaffee in der Kombüse. Unsere Schüler starten lieber etwas früher. Denn auf keinen Fall wollen sie zu spät in Orth sein. Alle sind wirklich mit Feuereifer bei der Sache.

0815 – Wir legen in Bagenkop ab. Ich stehe zwar am Ruder, halte mich aber zurück. Auf diesem Posten kann ich zwar alles sehen, gerate aber nicht in Versuchung an irgendeiner Leine selbst zu ziehen. Dafür kann ich unauffällig Maschinenunterstützung geben. Das ist aber nicht nötig. Stephan ist konzentriert bis unter die Haarspitzen bei der Sache.

Bei oberen fünf Windstärken ist der Ableger dennoch bald erledigt. Im Vorhafen drehen wir Kreise bis das Deck seeklar ist. Dann werden die Segel gesetzt. Aktuell hat der DWD sogar mal recht. Es weht mit fünf Windstärken aus West. Stephan entscheidet sich für eine defensive Fahrweise und lässt das Groß im dritten Reff und die Fock auf 75% setzen. Getreu dem Motto: „Ausreffen ist leichter, als einreffen.“

0850 – Mit sieben Knoten Fahrt durch Wasser ziehen wir auf Kurs 150° unsere Bahn nach Orth auf Fehmarn. Alle Stunde wird die Position geprüft, Kreuzpeilungen werden gemacht und Susanne hat ihren Spaß am Ruder. Plötzlich und unverhofft ertönt der Ruf „Boje über Bord!“ Niemand hat damit gerechnet. Stephan und ich haben sich nur mit den Augen verständigt. Susanne reagiert sofort, die geht auf Am-Wind-Kurs, die anderen holen die Segel dicht und als wenn Thor auch mitspielen will nimmt der Seegang unpassend zu. Bei sich überlagernden Wellen, im Mittel 1 bis 1,5m hat Susanne die IOR-Boje (Oskar) im zweiten Anlauf gerettet! Eine Spitzenleistung. Mit einem Lächeln fährt sie nun weiter. Dennoch muss sie den schönen Platz nach 45 Minuten frei machen. Es soll jeder seinen Spaß haben.

1230 – 054 24.7 N   010 56.2 E, an der Ansteuerungstonne 2 des Fehmarnsundes bergen wir die Fock. Nur unter dem Groß, im zweiten Reff erreichen wir bei raumen Wind immerhin noch sechs Knoten. Mehr ausreffen können wir nicht. Die Reffleinen sind zu kurz. Doch für das kurze Stück ist das vollkommen ausreichend.

1320 – Die Ansteuerung von Orth/Fehmarn wird noch einmal spannend. Die Segel sind geborgen, nun geht es unter Maschine bei sechs Windstärken aus West in den Hafen. Jetzt macht sich der Düseneffekt bemerkbar. Im Hafen legen wir um 1350 an. Und Martina und ich freuen

... ohne Worte ...

… ohne Worte …

uns riesig, dass die Aufgabe so gut gelöst wurde.

Es war ein herrlicher Segeltag und heute schmeckt das Störtebekerbier besonders gut. Adi und Marcus haben auch noch einen leckeren Kuchen organisiert, dazu gibt es Kaffee. Da das Mittagessen ausgefallen war, genießen alle den Kuchen. Die Runde ist heiter und gelockert. Stephan gibt seine Erkenntnisse weiter. Die Feedbackrunde dauert heute mehr als eine Stunde. Die Gruppenaufgabe wurde glänzend gelöst. Alle sind stolz.

Um den letzten Programmpunkt zu erfüllen, gehen wir nach dem Kaffee ausgiebig duschen und machen uns sogar ein wenig „hübscher“. Ein kurzes Telefonat führe ich noch mit Chris, einem befreundeten Skipper. Der liegt mit seinen SSS-Trainees immer noch in Ærøskøbing und hat mit einer Magenverstimmung zu kämpfen. Dennoch wollen wir versuchen uns morgen in Heiligenhafen zu treffen.

Pünktlich um 1800 sitzen wir im Piratennest und lassen uns das Essen schmecken. Die Stimmung ist ausgelassen und lange wird noch geredet. Erst kurz vor Mitternacht ist Ruhe an Bord.

Stand: 400,65 sm, davon 178,97 gesegelt.

14. Mai 2014, Mittwoch, Orth/Fehmarn

Küsten-Wetter DWD vom 14.05.2014 -0327 UTC

Aussichten Flensburg bis Fehmarn, bis heute Mitternacht:

W 5-6, SH (Schauerböen) Gewitter, später abnehmend 4, Nordostdrehend, Regen

Wetterprognose dmi.dk

Mittwoch bis zum Mittag teilweise 16 m/s. Am Nachmittag abnehmend auf 7 bis 13 m/s. In der Nacht 6 bis 10 m/s. Alles aus West.

0650 – Wind im geschützten Hafen schon mit 21 Knoten. Nach dem Frühstück gehen wir gemeinsam zur Molenspitze und messen dort in der Spitze 29 Knoten, im Mittel 22 Knoten aus West.

Also sprechen wir bis zum Mittag über lokale Wettereffekte, Törnplanung und Segelmanöver.

1200 – Inzwischen hat der Wind abgenommen. Es sind im Mittel 16 bis 20 Knoten aus West. Wir laufen aus und üben MOB unter Segeln. Leider passen die Wellen nicht zum Wind. Es steht eine lästige überlagernde Welle und die Manöver wollen so nicht gelingen.

1700 – Nach vier Stunden anstrengender Übungen, kommt es durch die Umstände und Erschöpfung zu einem ärgerlichen Zwist an Bord.Wir waren alle ziemlich „auf“. Die Nervosität wegen des herannahenden Prüfungstermins stieg. Wir brechen ab und fahren in den Hafen. Es folgt eine klärende Nachbesprechung des Nachmittages und wir beschließen uns heute auszuruhen und morgen erholt weiter zu üben. Alle an Bord reagieren gut, keiner trägt keinem etwas nach. Schnell sind das Crewverständnis und die Harmonie an Bord wieder hergestellt.

1900 – Chris und seine Leute laufen ein. Es werden Erlebnisse ausgetauscht und abends gehen beide Crews gemeinsam in Weinigels Fährhaus. Sogar einen Tisch für 13 Personen haben wir noch reserviert bekommen.

2240 – Der letzte Eintrag im Logbuch lautet. „Vom Essen zurück, klar bei Hängematten.“

Stand: 417,62 sm, davon 192,47 gesegelt.

15. Mai 2014, Donnerstag, Heiligenhafen

Küsten-Wetter DWD vom 14.05.2014 -0327 UTC

Aussichten Flensburg bis Fehmarn, bis heute Mitternacht:

nördliche Wind 3-4, etwas abnehmend, vereinzelt Schauerböen, anfangs Nebelfelder, See 0,5m

0650 – Eine frische Brise, also vier Windstärken aus Nordnordwest. Das bedeutet, unsere Übungsarena liegt geschützt vor Fehmarn. Ausgeruht gehen wir ans Frühstück und der Tagesplan wird besprochen. Wir wollen antizyklisch üben. Da die meisten Schulboote vormittags Hafenmanöver üben, werden wir dort zu diesem Zeitpunkt segeln gehen. Wenn dann am Nachmittag alle raus fahren, gehört uns der Hafen. Die Reffs werden zurück gebunden. So können wir nun auch wieder volle Segel setzen.

0840 – Wir laufen aus und setzen die Segel. Heute klappen die Manöver. Die seltsamen Wellen von gestern sind verlaufen. Jeder muss seine

... MOB - Übungen - realitätsnah ...

… MOB – Übungen – realitätsnah …

drei erfolgreichen MOB-Manöver fahren. Beilieger, Quickstop, Ein- und Ausreffen in Fahrt. Alles läuft heute wie am Schnürchen. Volker hat sich entscheiden keine Prüfung zu fahren. Das ist eine Entscheidung die sehr konsequent ist und meinen vollen Respekt hat.

1330 – Die Segel werden geborgen. Wir laufen ein. Am Steg gibt es erst einmal Mittag. Kaffee und Kuchen. Eine Stunde ist nun Pause.

1430 – Wir legen ab. Nun folgen Boxenmanöver. Vorwärts und Rückwärts in die Box. Drehen auf engem Raum und Rückwärtsfahren. Alles klappt gut. Erneut begeistern die Leinenmanöver, diesmal aber nicht mehr die eigene Crew – für sie ist das ja schon bekannter Stoff –, sondern die Crew des Bootes der Nachbarbox, die mit dem Bugstrahlruder doch ihre kleine Schwierigkeiten hat, immer passgenau vor die Box zu kommen. So können wir um 1730 zur Tankstelle fahren. Für morgen sehen unsere beiden Prüflinge, wenn auch mit Lampenfieber, optimistisch in die Welt.

Abends gehen wir noch einmal in Weinigels Fährhaus. Heute jedoch sind wir unter uns. Und dann, geht’s zum letzen Mal in die Schlafsäcke an Bord der „Intention IV“.

16. Mai 2014, Freitag, Heiligenhafen

Küsten-Wetter DWD vom 14.05.2014 -0327 UTC

Aussichten Flensburg bis Fehmarn, bis heute Mitternacht:

nördliche Wind 2-3, etwas zunehmend, See 0,5m

0845 – Gemeinsam mit Martina gehe ich zur Skipperbesprechung. Vierzehn Boote laufen heute zur Prüfung aus. Da wir direkt nach der Prüfung nach Burgstaaken fahren, werden wir den Prüfer auf See übernehmen und dort auch übergeben. Wir besprechen uns mit den Skippern der anderen Boote und dann geht auch an Bord zurück.

0920 – Wir legen ab und fahren hinaus zur Prüfungsarena. Dort warten wir noch zwanzig Minuten bis wir die Prüfer übernehmen können. Dabei haben nutzen wir die Gelegenheit den anderen Prüfungsbooten bei den Manövern zuzusehen.

Martina steht die ganze Zeit am Ruder und dreht kleine Runden, bis wir das Signal zur Übernahme bekommen. Wir fendern unsere Backbordseite ab und ich fahre unsere Lady vorsichtig an das übergebende Boot heran. Die beiden Prüfer steigen über und die Prüfer stellen sich vor.

Der Ablauf der Prüfung ist natürlich „streng geheim“. Doch so viel darf ich wohl mitteilen. Jeder Prüfling musste ein MOB-Manöver unter Maschine fahren, eines unter Segeln. Ich wies den Prüfer kurz darauf hin, dass wir Raum nach Luv benötigen, damit war ihm auch klar welches

volle Konzentration

volle Konzentration

MOB-Manöver wir fahren werden. Jeder Prüfling musste einen Ort per Kreuzpeilung ermitteln und jeweils einer musste einen Beilieger herstellen, der andere musste eine Halse fahren. Beide Prüflinge wurden fair und freundlich behandelt und keine unlösbaren Aufgaben gefordert.

1130 – Nach Verkündung des Ergebnisses, beide haben bestanden, lassen wir das nächste Prüfungsboot an uns heran gehen. Beide Prüfer verlassen die „Intention IV“ und wir setzen direkten Kurs auf Burgstaaken.

1415 – Wir legen an unserem Liegeplatz im Kommunalhafen an. Jetzt folgt eine spannende Wooling. Alle Sachen müssen innerhalb kürzester Zeit aus dem Boot. Zwei Stunden ist voll Action angesagt, dann sind alle Sachen in den Autos verstaut. Danach erfolgt die Rücknahme der IntentionIV.

Wir stehen am Steg und können es noch gar nicht richtig fassen, dass unsere Reise schon wieder beendet ist. Wir gehen noch einmal gemeinsam essen und dann zerstreuen wir uns. Martina und ich kehren noch einmal kurz auf unsere Lady zurück und noch ein paar Fragen zu klären. Dann verabschieden wir uns auch von Corinna und machen uns auf den Weg nach Hamburg. Wir bleiben noch ein Wochenende in Hamburg, bevor wir weiter nach München fahren.

Die Summen:

  • 209,63 Segelmeilen
  • 233,89 Motormeilen (davon 102 Seemeilen auf dem NOK)
  • 443,52 Seemeilen gesamt
  • 6 Starkwindtage
  • 2 Nachtfahrten
  • 4 Etappen mit mehr als 50 sm am Stück
  • und
  • 2 erfolgreiche SKS-Prüfungen

mehr Bilder hier

www.m2-sails.de         www.moni-jueptner.de

 

 

 

Eine Runde Nordholland zwischendurch


28. Juni 2013 – Freitag, Stavoren/Niederlande

Es ist schon merkwürdig. Die letzte Woche bin ich als Co-Skipperin mit Chris auf der „Waikiki“ unterwegs gewesen. Heute Morgen sind wir noch gemeinsam zur SKS-Prüfung ausgelaufen. Vier Prüflinge, Chris als Skipper und ich als Co-Skipperin zum Ansehen, wie Ausbildungen und Prüfungen in Stavoren ablaufen. Am Ende konnten drei von vier glücklichen „Gewinnern“ ihre Bestätigung zum SKS erhalten. Eine Bewerberin hatte die Prüfung selbst abgebrochen. Im Anschluss an die Prüfung fahren wir zum tanken und zurück in die Box.

Yachthafen Stavoren

Hafenanlage Stavoren

Es folgte eine beeindruckende Umzugs-Wooling, wie ich sie bereits aus Breege/Rügen kannte. Die Sachen der Trainees in die Autos, meine Sachen an Bord der „PIM“. Für eine Woche wird die „PIM“ mein Arbeitsplatz, zu Hause und meine erste Liebe als Skipperin bei Sailing Island sein.

1600 – Wir Skipper stehen am Büro und erwarten unsere Schützlinge. Meine SKS-Crew erweist sich am Ende als Skippertraining, da alle drei bereits über einen SKS verfügen. Somit haben wir die 38er Bavaria „PIM“ für vier Personen und damit sehr viel Platz an Bord.

Ich schicke meine Crew erst einmal einkaufen, sehe das Boot noch ein wenig durch und richte mich/uns ein. Anschließend klönen wir noch am Steg. Alles bestens. 1800 – Die Lebensmittel sind an Bord verstaut, die Crew lernt sich und die Yacht kennen.

Anschließend gehen wir, wie alle anderen Crews auch in „De Kruitmolen“ zum Abendessen. Heute Abend tummeln sich sechs Crews hier. Es ist mittellaut, das Essen reichlich und alle haben vor Aufregung gerötete Gesichter. Um 2320 erst ist „Ruhe im Schiff“. Ich liege noch eine Zeit lang wach in meiner Koje und höre auf das pfeifen des Windes. Irgendwann schlafe ich ein.

29. Juni 2013 – Samstag, Stavoren/Niederlande

0620 – Wind NNW mit fünf bis sechs Windstärken. Es ist bewölkt und kühl. 0800 – Beim Frühstück besprechen wir gemeinsam den Tagesplan. Wir müssen noch eine Segellatte einziehen, das ist günstig beim kennen lernen der Yacht zu machen. Nach dem Frühstück werden wir dies im Rahmen der Yachteinweisung erledigen. Außerdem ist die Arbeit sinnvoll um die Yacht noch besser kennenzulernen.

1030 – Ich überprüfe noch handwerklich mit dem Handlot die Eichung des Lotes. Dann ein kurzer Spaziergang auf den Deich. Der Wind ist böig, hat aber abnehmende Tendenz. Wir genehmigen uns an der Imbissbude noch eine Portion Kibbeling mit Pommes und machen uns anschließend seeklar.

Plattboden auf dem Ijsselmeer

Plattboden auf dem Ijsselmeer

1320 – Wind, fünf Windstärken aus NNW. Wir machen klar zum Auslaufen. Lassen den Motor warm laufen, besetzen die Positionen und fahren langsam aus der Box. Gleich im Vorhafen setzen wir die Segel und rauschen im ersten Reff mit einem tiefen Halbwindkurs aus dem Hafen.

Kurs zu Anfang 210°, um 1410 am Tonnenpaar LC7 / LC8 gehen wir auf 180°. Das heutige Ziel ist Volendam. Unterwegs fahren wir mit einem Plattbodenschiff um die Wette. Dank ihrer großen Gaffelsegel sind sie uns auf diesem Kurs sogar überlegen.

1630 – Wir sind fest vor der Schleuse Enkhuizen und knapp eine halbe Stunde später haben wir diese passiert. Bei schönen vierer Wind aus NW segeln wir nun unter Vollzeug weiter. Die ganze Crew genießt die Fahrt. Langsam wird es auch wärmer, denn die Sonne ist heraus gekommen.

"Römisch-Katholisch" angelegt

Mittelmeerfeeling in Volendam

1940 – Wir sind fest in Volendam. Der nördliche Kai hatte noch Platz. So liegen wir hier fast wie im Mittelmeer mit dem Heck zur Pier und genießen das lebendige Treiben.

Unter Deck bruzelt das Abendessen. Mit einem schönen Glas Wein lassen wir den ersten Tag ausklingen.

Stand 27,8 sm, davon 24,8 gesegelt.

30. Juni 2013 – Sonntag, Voelendam/Niederlande

0700 – Wind SW mit drei Windstärken. Es ist sonnig. Die Hygiene wird heute kleingeschrieben. Im Stadthafen sind wir auf Bordmittel angewiesen. Dafür kocht schnell der Kaffee. Müsli, Brot (naja, das was Niederländer so nennen), dazu Marmelade und bester Schwarzkümmelgouda stehen auf dem Tisch. Herrlich.

1120 – Bei gutem Wind, mit vier Windstärken aus Südwest, verlassen wir Volendam. Östlich umsegeln wir Marken und beginnen dann in Richtung Amsterdam aufzukreuzen. Dabei kommen dann auch ein paar Meilen zusammen. Wir segeln mit der Jugendgruppe auf dem Plattbodenschiff um die Wette. Unsere Schiffe sind annähernd gleich groß. Die Jugendlichen sind jedoch mit deutlich mehr Segelfläche als wir unterwegs.

Bis 1400 spielen wir uns so voran. Kurz vor der Schleuse bei Schellingwoude bergen wir die Segeln.

Tolle Segler vor Amsterdam

Tolle Segler vor Amsterdam

Nur dreißig Minuten müssen wir warten, dann geht es durch die Oranjesluizen. Während dieser Zeit habe ich Bratkartoffeln mit Rührei vorbereitet. Es mundet allen und das freut mich sehr.

Für die Fahrt auf dem Noordzee-Kanaal habe ich eine Aufgabe für meine Crew. Ich möchte von jedem den optimalen Auslaufzeitpunkt für morgen berechnet haben, um von Ijmuiden mit passendem Strom nach Texel zu gelangen.

Während also ein Trainee jeweils allein unter Deck über der HP33 brütet, steuern die anderen gemütlich unter Maschine nach Ijmuiden. Um 1730 haben wir die Seeschleuse in Ijmuiden erreicht.

Morgen geht es auf die Nordsee. Vorher machen wir jedoch zur Nacht noch in der Seaport Marina Ijmuiden fest. Abends gehen wir noch einkaufen und ausgiebig duschen. Den Abend genießen wir an Bord mit ein wenig Wein und selbst gemixten Cocktails. Ich fand Petras Kreationen lecker.

Stand : 59,6 sm, davon 38,9 gesegelt.

01. Juli 2013 – Montag, Ijmuiden /Niederlande

0500 – Der Wecker reist uns aus dem Schlaf. Doch da die Gezeiten auf uns nicht warten, machen wir Frühstück: Porridge und Müsli. Wer mag kann auch niederländisches Weichbrot für Zahnkranke nehmen.

0700 – Erich dreht Runden im Vorhafen, während wir das Segelsetzen vorbereiten. Aktuell haben wir noch fünf Windstärken aus West, es soll aber im Laufe des Tages weniger werden. Im zweiten Reff, gehen wir wenig später auf Kurs 013° und segeln mit sechs bis sieben Knoten zügig nach Norden.Die Wellen laufen von achtern schön weich unter der Yacht durch.

Ijmuiden achteraus

Ijmuiden achteraus

Ich mag die „PIM“ immer mehr. Sie ist gutmütig und schafft auch eine gute Geschwindigkeit.

1200 – Wir haben Den Helder querab. Inzwischen sind es nur noch drei Windstärken, aus West. Unter vollen Segeln im „Schmetterling“ durchqueren wir das Marsdiep.

Bereits um 1345 sind wir in Oudeschild fest. Eine tolle Fahrt, in nicht ganz sechs Stunden haben wir 34sm zurück gelegt.

Der Nachmittag vergeht für die Crew im Ort, für mich beim Wäsche waschen. Als meine Wäsche an der Reeling trocknet, gehe ich auch noch ein wenig in den Ort. Ich kaufe dort endlich eine Verlängerung für meinen MP3-Player, um den an das Bordradio anzuschließen, und schaue am „Oude Fishhus“ vorbei, das ich an Oudeschild besonders mag.

Stand: 107,4sm, davon 86,7sm gesegelt.

02. Juli 2013 – Dienstag, Oudeschild – Texel /Niederlande

0820 – Heute sind nur leichte Winde aus WSW zu erwarten. Nach dem Frühstück stehen wir auf dem Vorschiff und tauschen die Fock gegen die Genua aus. Die Fock wird sauber zusammengelegt und kommt in die Backskiste. Nun haben wir etwas mehr Tuch zur Verfügung..

1020 – Wir laufen aus und setzen Kurs auf Kornwerderzand. Gemütlich segeln wir bei zwei Windstärken nach Osten. Dabei kommt jeder Trainee ans Ruder und es ist nicht für jeden gleich zu merken, wie sehr uns der Gezeitenstrom versetzt. Gemeinsam mit uns sind diverse Großsegler unterwegs. Die Genua baumen wir aus. So haben wir mehr Fahrt im Boot.

Schmetterlingssegeln

Schmetterlingssegeln

Schon gegen 1430 haben wir die Schleuse Kornwerderzand erreicht. Heute warten wir länger bis wir passieren können.

1530 – Wir versuchen und nach Hindeloopen zu kreuzen. Doch nach drei Stunden, 15 Seemeilen im Kielwasser, geben wir auf und fahren die letzten zwei Meilen unter Maschine in den Hafen. Dort machen wir gegen 1840 fest.

Heute Abend gehen wir ins „El Paso“ zum essen. Es ist wirklich lecker hier. Anschließend folgt ein schöner Spaziergang durch den Ort.

Stand: 144,5sm, davon 104,5sm gesegelt

03. Juli 2013 – Mittwoch, Hindeloopen /Niederlande

0700 – Das schöne Wetter von gestern ist weg. Es regnet, der Himmel ist grau und der Wind wankt zwischen drei und vier Windstärken aus SW. So richtig kommen wir nicht in die Gänge. Doch irgendwann gegen 1000 sind wir dann auch so weit, und verlassen das gastliche Hindeloopen. Das heutige Ziel, Medemblik.

1300 -In einer kurzen Gewitterböe drehen wir in den Wind, reffen ein und fahren dann weiter. Bereits nach zwanzig Minuten können wir schon wieder ausreffen. Jetzt können wir sogar ein paar Sonnenstrahlen geniessen..

1400 – Kurz vor Oude Zeug sichten wir eine Rettungsinsel, daneben zwei dunkle Flecken im Wasser. Eine Anfrage bei der Zentralen Meldepost ergibt, dass keine Übung gemeldet ist. Zunächst steuern wir den ersten dunklen Körper im Wasser an. Erst auf den letzten Längen erkennen wir, dass es sich um eine Wasserrettungspuppe handelt.

Wir bergen diese trotzdem und setzen anschließend Kurs auf die zweite Puppe. Ich nutze diese tolle Gelegenheit meine Crew zu trainieren. Gerade als wir die zweite Puppe bergen wollen, kommt von achtern ein RIB der KNRM auf und bittet uns die Puppen wieder ins Wasser zu werfen. Dieser Bitte kommen wir, dankbar für die Möglichkeit zum üben, gern nach.

Auf dem weiteren Weg dürfen wir noch das niederländische Nationalteam der Segler beim Training bewundern, bevor wir um 1630 in Medemblik fest machen.

Medemblik

Medemblik, Pekelharinghaven

Abends kommt es noch zu einer spontanen Grillparty mit der Crew der „Mephisto“. Tja, „meine“ alte Lady aus Heiligenhafen ist inzwischen unterwegs in der Nordsee. Mit den netten Jungs haben wir noch weit bis nach Mitternacht geklönt.

Stand: 167,6sm, davon 127,6 gesegelt

04. Juli 2013 – Donnerstag, Medemblik /Niederlande

0900 – Meine drei Trainees sind fleißig dabei unsere brave „PIM“ nur allein mit den Festmacherleinen am Kai in jede nur erdenkliche Richtung zu drehen. Als dies sitzt, legen wir ab, um sofort wieder anzulegen.

Die folgenden drei Stunden fahren die drei jeder ungefähr 10 An- und Ablegemanöver.

1245 – Wir verlassen Medemblik. Mit achterlichen Winden, vier bis sechs Windstärken aus West, sind wir schnell unterwegs in Richtung Stavoren. Bereits nach vier Stunden machen wir im Hafen fest.

1700 – Die Segel sind aufgetucht und wir beginnen aufzuräumen. Es war eine spannende und lehrreiche Woche auf der „PIM“. Abends gehen wir noch gemeinsam mit einer weiteren Crew ins Cafe Max. Auch dies wurde ein langer schöner Abend.

End-Stand: 183,8sm, davon 142,6sm gesegelt.

05. Juli 2013 – Freitag, Stavoren / Niederlande

0900 – Nach der langen Nacht wollten wir heute ausschlafen. Demzufolge sind wir nur noch zum Tanken gefahren. Bis 1200 war dann die „PIM“ aus- und aufgeräumt.

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PCO Baltic Cup – mit der „Mephisto“ auf der Regattabahn …


 31. Mai 2013 – Freitag, Heiligenhafen

Der heutige Tag war sehr ereignisreich. SKS-Prüfung bei fünf Windstärken, danach tanken, einen „Ersatzfender“ kaufen, da sich unser Kugelfender losgerissen hatte. Kurze Siegesfeier, dann die ersten Abschiede. Nebenbei das Boot aufklaren, reinigen, die Kabinen und Matratzen lüften.

Crewwechsel auf der "Mephsito"

Crewwechsel auf der „Mephisto“

1630 – Gerade wollen Martina und ich zum Einkaufen fahren. Am Parkplatz läuft uns Martin, Martinas Bruder und erstes Regattacrewmitglied, über den Weg.
Nun sind mitten im Übergang vom SKS-Törn zum Regatta-Törn. Während Martina und Martin sich kurz absprechen, wie es weiter geht,  sichere ich schnell einen Tisch fürs Abendessen, in Weinigels Fährhaus.

1815 – Wir sind etwas verschwitzt zurück vom Edeka und Aldi. Es war auch nicht so einfach unser geliebtes „Störtebeker Bier“ zu bekommen. So haben wir „Störti“ und „Flens“ gekauft. Der ganze Kofferraum ist voll mit den Vorräten für die Regattacrew. Jedoch sollen diese für die komplette Regattawoche reichen. Wir werden nicht oft zum Einkaufen kommen, in der kommenden Woche.

Wir schaffen es knapp bis zum Abendessen, mit Unterstützung aller, die Vorräte im Boot zu verstauen. Gerade Andreas, mit seiner Erfahrung der letzten drei Wochen, ist eine wichtige Stütze. Nebenher waschen Andreas, Martina und unsere Schmutzwäsche. Bei drei Leuten kommt schon einen großer Berg Wäsche zusammen.

1955 – Wir haben die Einkäufe an Bord. Unsere Wäsche ist sauber. Die Reste der SKS-Crew und die ersten der Regattacrew treffen sich in Weinigels Fährhaus zum Abendessen. Nicola und Barbara kommen leider erst um 2100 an. Sie werden herzlich willkommen geheißen.

Um 2300 ist auf der „Mephisto“ dann wieder fast jede Koje belegt.

01. Juni 2013 – Samstag, Heiligenhafen

0800 – Frühstückskaffeeduft zieht durch das Boot. Martin hat frische Brötchen organisiert und die letzten kommen von der Dusche zurück. Beim Frühstück wird sich noch über die Erlebnisse der letzten Woche ausgetauscht, die Erwartungen der kommenden Woche werden besprochen und während die verbliebenen SKS-Crew-Mitglieder langsam ihren endgültigen Abschied von der Mephisto nehmen, lernt die Regattacrew ihre „Mephisto“ kennen.

in Heiligenhafen

in Heiligenhafen

Der Wetterbericht sagt für den Abend eine leichte Windzunahme voraus, für die kommenden Tage fünf Windstärken. das kommt der „Mephisto“ entgegen, sie ist ein steifes Schiff, was ordentlich Wind abkann.

0900 – Wir arbeiten uns durch die Besonderheiten der Yacht. Die Vorsegel an Stagreitern zu fahren, ist in heutiger Zeit eher die Ausnahme. Die Arbeit an den Winschen wird geprobt, die Fallen und Schoten ausprobiert, die Segellast im Vorschiff besichtigt und natürlich das große Steuerrad schon mal zur Probe in die Hand genommen.

1000 – Kaum steht Jens, unser letzter noch fehlender Mitsegler, an Bord und hat seine Tasche unter Deck, werfen wir die Leinen los und laufen aus. Kurs Ærøskøbing. Die Eröffnungsfeier beginnt um 19:00 Uhr und bis dorthin sind es noch 45sm – auf direktem Kurs. Der Wind kommt mit drei Beaufort aus West – das heißt Kreuzen. Das Regattatraining beginnt.

Sobald wir offenen Seeraum erreicht haben, setzen wir die Segel: Genua und volles Groß. Dann segeln wir erst ein wenig in Richtung Südwest, bevor wir wenden und auf Nordkurs gehen.

1200 – 54°23,7´N 010° 52,9´E, – der Wind hat stärker aufgefrischt als erwartet. Es sind inzwischen obere fünf Windstärken. Moni geht zum Vordeck und holt die Fock aus der Segellast. Gemeinsam mit Martin und Nicola bereite sie diese an der Reeling zum Setzen vor. Dann bergen wir die Genua, setzen die Fock und sichern die Genua an der anderen Reeling. Das Manöver dauerte nur 15 Minuten und kostete Kraft. Aber wir haben nicht aufschießen müssen und „nur“ 1,5 Knoten Fahrt verloren während der Arbeit.

1230 – Wir laufen wieder volle Fahrt. 7,8 Knoten durch Wasser.

… einsegeln auf dem Weg nach Ærø

1430 – 54° 36,2´N 010° 51,7´E. Der Wind lässt nun deutlich nach, wir wechseln wieder von der Fock auf die Genua, so halten wir immer noch sechs Knoten Fahrt im Boot. Inzwischen liegen fast 32 sm im Kielwasser.

1630 – 54° 43,5´N 010°37,1´E. Wind? Aktuell kaum zu fühlen. Wir bergen die Segel. Fast 41 Seemeilen sind wir nun auf Kreuzschlägen gesegelt. Zwei Wechsel der Vorsegel sind auch dabei gewesen. Nun geht es unter Maschine, mit Marschfahrt, weiter in Richtung Marstal.

1900 – Wir haben die Ansteuerung von Marstal erreicht. In der letzten halben Stunde frischte der Wind doch wieder sehr deutlich auf. Inzwischen haben wir fünf Windstärken aus Nordwest, genau von vorn! Der Motor treibt die „Mephisto“ voran. Da die Fahrrinne nach Ærøskøbing eng und gewunden ist, übernehme ich nun selbst das Ruder. Der Wind nimmt immer mehr zu, in Böen erreicht er nun obere sieben Beaufort, die Wellen im Meyers Grund erreichen trotz der geringen Wassertiefe bis zu 1,5m Höhe. Beeindruckend!

Die „Mephisto“ hat keinen Kartenplotter. Was auf der Ausbildungsfahrt gut war, ist nun ein kleiner Nachteil. Martina postiert sich mit der Karte unter der Sprayhood und weist mich ein. Sie, ist nun der Kartenplotter. Die folgenden 90 Minuten werden anstrengend. Martina hakt jedes passierte Tonnenpaar ab.

Erst um 2130 erreichen wir den sehr vollen Hafen von Ærøskøbing. Der Wind steht auflandig. Es ist, wegen Bauarbeiten, noch enger im Hafenbecken. Dennoch kann ich die „Mephisto“ sanft an die Außenseite einer Baltic51 legen. Es ist genau die Baltic51, mit der Wilfried Erdmann 1989 zwei Mal mit Preisausschreibengewinnern über den Atlantik segelte („Der unmögliche Törn“).

Monica macht sich kurz frisch und flitzt dann zur Eröffnungsfeier des 11.en PCO-Baltic-Cup. Martina und die Crew kümmern sich um das Aufklaren unserer tapferen „Mephisto“. Dann folgen sie mir baldmöglichst nach.

Wir können noch ein paar abschließende Worte erhaschen, uns die Teller füllen und so haben wir noch 30 Minuten der Eröffnungsfeier ergattert.

Stand: 62,9 sm; davon 40,6 gesegelt … Was für ein Tag!

02. Juni 2013 – Sontag, Ærøskøbing

0700 – Der Wind orgelt unvermindert. Wir werden von den Böen immer wieder auf die Baltic51 gedrückt. Für heute sind sechs bis sieben Windstärken angesagt, oder genauer 11-14 m/s, in Böen sogar 18-20 m/s. Ich mache mich mit Martina auf den Weg zur Skipperbesprechung. Da werde ich vom Skipper der Baltic51 angesprochen, dass er gegen 1000 auslaufen möchte. Ich bitte ihn, sich das auf Grund der Wettersituation, noch einmal zu überlegen. Bei der Skipperbesprechung, wird der Start wegen dem Wetter auf unbestimmte Zeit verschoben.

0900 – Der Skipper der Baltic51 erinnert mich, dass er gegen 1000 auslaufen möchte. ich erkläre ihm deutlich, dass ich dies für riskant halte. Denn wenn ich versuche die „Mephisto“, mit ihrem ausgeprägten Radeffekt, von seinem Schiff bei starken auflandigem Wind zu lösen, kann dies nicht ohne Schaden für beide Schiffe abgehen. Es ist auch zu wenig Raum für ein sicheres Manöver vorhanden. Vorerst akzeptiert der Skipper der Baltic51 meine Argumentation.

Inzwischen wird der Start, aufgrund der Windsituation, ein weiteres Mal verschoben. Leider drängt mich der Skipper der Baltic51 nun massiv abzulegen. Er will unbedingt sofort auslaufen.

Ich weise wieder auf das hohe Schadenpotenzial für beide Yachten hin. Der Skipper akzeptiert dies und bleibt bei seinem Wunsch auslaufen zu wollen. Ich gebe nach… und koordiniere alle Beteiligen der drei betroffenen Schiffe. Die „Mephisto“ soll mit Leinen durch den Wind nach achtern versetzt werden. Das Manöver soll mit der Maschine der „Mephisto“ nur kontrolliert gebremst werden. Ziel ist die „Mephisto“ auf die hinter uns liegende Motoryacht zu fieren. Der Wind weht mit ca. sechs bis sieben Beaufort vorlich von Backbord und drückt die „Mephisto“ auf die Baltic51.

10:15 – Ich starte den Motor. Wir fieren die Leinen und lassen die „Mephisto“ langsam achteraus sacken. Die Steuerbordseite der „Mephisto“ ist mit sechs Langfendern und einem Kugelfender abgepolstert.

Die Crew der Baltic51 führt von ihrem Achterschiff eine weitere Vorleine. Jens steht am Steg bereit die neue Vorleine zu belegen. Martin wartet auf der Motoryacht, bereit die Achterleine anzunehmen. Am Bug kümmern sich Andreas und Martina um die Vorleinen und Vorspring. Nicola und Barbara achten auf die Fender an Steuerbord.

Wir lassen uns langsam achteraus sacken, der Wind schiebt kräftig von backbord voraus, so dass ich mit Standgas in Vorausfahrt dagegen halte.

Vom Bug her kommt ein Ruf „Bug ist frei“, daraufhin gebe ich das Kommando „Vorleine fest“. Wir schwenkten nach Steuerbord. Eine Sekunde zu früh… . Unser Ankerbeschlag bleibt am Nirostahl-Pützhalter der Baltic51, welcher am Heckkorb angebracht ist, hängen. bekomme das in diesem Moment gar nicht mit. Mein Augenmerk galt jetzt der sicheren Befestigung der „Mephisto“ am neuen Innenlieger. Ich werde von meiner Crew aber sofort informiert. Kaum sind wir sicher fest, gehe ich zum Bug, um mir ein Bild über den Schaden zum machen und die Schadensregulierung mit dem Skipper dir Baltic51 zu klären. Doch er winkt nur ab. Also kümmere ich mich weiter um unsere „Mephisto“. Leider wirkte dieses spannende Erlebnis noch lange nach… Der edle Nirostahl-Pützhalter ist inzwischen wieder wie neu. Manchmal sollte man einfach bei einem „nein“ bleiben…

1100 – Ich versuche ein wenig zu schlafen. Dazu lege ich mich in die Pilotenkoje im Salon. Doch nach dem aufregenden Vormittag, will mir dies nicht so recht gelingen. Kurz nach 1200 ruft Martina zum Mittagessen.

1300 – Auf der zweiten Skipperbesprechung wird beschlossen, dass es um 1430 einen Start zu einem kurzen Dreieckskurs geben soll.

Vorsegelwechsel

Vorsegelwechsel

Gemeinsam mit Andreas und Nicola schlage ich die Sturmfock an. Die Fock wird in Bereitschaft, klar zum setzen an den Seezaun gebändselt. Der Wind hat ein wenig abgenommen und mehr auf Nordwest gedreht. Unsere Crew ist jedoch keine eingespielte Regattacrew, sondern ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Zwei aus der Crew sind Segelanfänger. Also lieber etwas vorsichtiger sein, und weniger Segelfläche fahren.

1400 – Wir machen uns klar zum Auslaufen. Alle sind warm angezogen, Rettungswesten sind angelegt. Ich dampfe behutsam in die Achterspring ein, die Vorleinen werden nach und nach losgeworfen und teilweise auch noch mitgefiert. Als der Bug genug Platz hat, können wir vorwärts den Hafen verlassen.

Vor dem Hafen übergebe ich Nicola das Ruder. Sie muss tüchtig aufpassen in der unruhigen See den Kurs zum Start zu halten. Ich besetzte die Positionen so, wie sich meine Deckshands auskennen. Andreas, als erfahrensten muss ich bitten am Bugkorb das Vorsegel zu führen, Martina koordiniert an den Winschen Martin und Barbara. Jens steht am Mast und wird die Fallen dort durchholen.

Wir setzen unter Landschutz von Drejø die Segel. Dort sind die Wellen kleiner. Andreas wird dennoch gut geduscht, fast schon gebadet, als der Bug in die Wellen eintaucht. Ich bin mir nicht sicher ob er es noch lustig findet. Mitgefühl habe ich auf alle Fälle mit ihm.

Die Segel stehen, wir üben noch ein paar Kreuzschläge bevor es losgeht. Aber pünktlich 1435 gehen wir über die Startlinie.

Die Segelfläche ist mit Sturmfock und Großsegel im zweiten Reff, sicher nicht zu groß. Mit moderater Krängung kommen wir auf dem Am-Wind-Kurs mit fast sieben Knoten gut voran. Das Boot liegt toll am Ruder, und ein ausbrechen ist nicht zu erwarten. An Bord fühlen sich fast alle wohl. Nur zwei haben leichte Magenprobleme.

Immer wieder können wir bei den anderen Booten beobachten, wie sie ausbrechen und in die Sonne schießen. Viele davon segeln dennoch weiter unter Vollzeug. Abends erfahren wir, dass es eine Kollision gab und zwei Boote ihre Segel zerrissen.

Bis zur ersten Wendetonne liegen wir gut im Feld. Dann, auf dem folgenden Halbwindkurs, sind wir zu langsam. Die Sturmfock ist nun wirklich zu klein. Ich beschließe die Beseglung trotzdem beizubehalten. Nach und nach ziehen alle Boote an uns vorbei.

Die nächste und letzte Wendetonne ist schon aufgeräumt, als wir deren Position erreichen. Auf dem folgenden Raumwindkurs reffen wir das Großsegel aus und wechseln auf die Fock. Mit 5,8 Knoten Fahrt über Grund segeln wir gemütlich dem Feld hinterher. Wir passieren die inzwischen nicht mehr vorhandene Ziellinie.

Im Hafen mischen sich in mir Stolz darüber, umsichtig und ohne Schaden an Boot und Crew die Strecke abgesegelt zu haben, mit dem Ärger, so weit abgeschlagen worden zu sein. Da mir Sicherheit schon immer sehr viel bedeutet hat, freue ich mich dann umso mehr, von den anderen Crews für meine Achtsamkeit anerkannt zu werden.

Die anschließende Feier verlassen wir bald. Wir brauchen für morgen eine Strategie. Also beratschlage ich mich mit Martina und Andreas über die Taktik für morgen. Nebenher wird das Abendessen zubereitet. Hier hat Martina die Leitung übernommen.

Gegen 2230 sind die ersten in der Koje. Ein paar „Partymäuse“ werden erst nach Mitternacht kommen.

Stand: 82 sm, davon 59 gesegelt

03. Juni 2013 – Montag, Ærøskøbing

0700 – Der Wind weht draußen mit fünf Beaufort aus Nordwest, als ich mit Martina im Sonnenschein und 16°C zum Duschen gehe. Die Nacht war irgendwie zu kurz um ausreichend Erholung zu bieten. Ich fühle mich ein wenig müde und kraftlos. Andererseits freue ich mich auf den heutigen Tag.

Am Duschgebäude treffen wir auf Helge und ein paar andere Segler, es entwickelt sich ein längerer Plausch. Wetter, Strecke, Strategien und auch allgemeines wird besprochen. Dann ruft aber wirklich die Dusche.

0800 – Das Frühstück steht auf dem Tisch, die letzten kommen aus der Koje. Beim Essen gehen wir den heutigen Plan durch. Wir wollen heute versuchen nicht zu viele Wenden zu fahren. Denn jede Wende kostet Geschwindigkeit. Die Genua wird am Seezaun klar zum Setzen vorbereitet, da der Wind ab dem Mittag nachlassen soll. Wir starten mit der Fock.

Während die Backschafter sich um den Abwasch kümmern, sind Nicola und Andreas gemeinsam mit mir dabei die Vorsegel vorzubereiten. Martina bereitet mit Jens das Großsegel vor.

Kurz nach 0900 laufen wir aus. Der Start ist in dreißig Minuten. Andreas wird sich hauptsächlich um die Navigation kümmern. Martina und Jens lösen sich mit mir am Ruder ab. Barbara, Nicola und Martin werden die Schoten übernehmen.

... auf der ersten Kreuz ...

… auf der ersten Kreuz …

Auf der ersten Kreuz läuft alles super. Wir überholen sogar drei Yachten die vor uns gestartet sind. Doch nach der zweiten Wende, bricht ein Schäkel der unseren Unterliekstrecker führt. Das Großsegel steht nun bauchiger. Wir müssen den Kurs anpassen um die Sache zu sortieren. Zum Glück kein ernsthafter Schaden. Ein Reserveschäkel ist schnell montiert, dann können wir wieder auf Kurs gehen. Inzwischen haben wir drei Plätze verloren.

Eine Stunde und vier Wenden später folgt der Vorsegelwechsel, mit sieben Minuten ein persönlicher Rekord für unsere Crew. Die Genua macht sich auch sofort mit einem Fahrtgewinn bemerkbar. Der Wind lässt immer mehr nach. Wir haben eine fröhliche Stimmung an Bord. Die anderen Boote verlieren wir immer mehr aus den Augen. Sie fahren dichter unter Land. Wir bleiben dennoch bei unserer Strategie. Heute Abend werden wir sehen was es uns gebracht hat.

1500 – 55° 03,6`N 010° 06,3`E. Der Wind ist nimmt deutlich mehr ab, als angesagt. Nun müssen wir uns in Geduld üben. Wir haben noch einen langen, sehr langen Schlag bis zur Ziellinie. Vor uns sehen wir noch drei Boote, die Elise ist eine halbe Meile vor uns. Auch sie hatten sich für lange Schläge entschieden. Gemeinsam ertragen wir unser Schicksal, das uns der Wind zunehmend verlässt. Noch haben wir drei Knoten Fahrt im Boot. Über Funk frotzeln wir mit dem Zielschiff.

1935 – Wir sind echt glücklich dass die „Elektra“ noch auf Ihrer Position ist. Jürgen und seine Crew (Andy und Lutz) erhalten später in Årøsund einen Six-Pack Bier von uns zum Dank.

2105 – Wir sind fest in Årøsund. Es war ein langer Tag. Anfangs anstrengend, später war eher Geduld gefragt.

Stand: 174,1 sm, davon 107,5 gesegelt

04. Juni 2013 – Dienstag, Årøsund

0700 – Ruhiger Wind mit vier Beaufort begrüßt uns heute Morgen. Auch diese Nacht war mit wenig Schlaf gesegnet. Die Feierlaune nach der langen Segelzeit war erstaunlich hoch. Dennoch gehen Martina und ich erst einmal duschen. Dicht auf unseren Fersen ist Nicola. Das Frühstück bereiten wir im Anschluss alle gemeinsam. Unsere „Partylöwen“ sind heute Morgen selbst noch nicht ganz fit.

0830 – Wir verlassen unseren Liegeplatz. Das Leinenmanöver, das die „Mephisto“ aus der engen Box in die Boxengasse brachte, mag einigen etwas „unorthodox“ vorgekommen sein, hat aber dafür richtig gut funktioniert.

Wir haben heute auf der ersten Etappe Rückenwind, danach einen Halbwindkurs zum ersten Tagesziel. Also ist die Genua bereit gelegt, alle anderen Vorsegel sind sauber aufgeräumt in der Segellast im Vorschiff. Martina steuert auf den Start zu und wir fahren eigentlich einen fließenden Übergang in den Start, als wir um 0917 die Startlinie passieren.

Bis zum Erreichen des Schießgebietes bei Brunbjerg ist es eine schöne Regatta. Improvisierte Spinnakerbäume sollen die Schmetterlinge stabilisieren. Andere Boote versuchen mit regelmäßigen Halsen, vor dem Wind zu kreuzen.

Gegen 1100 vernehmen wir Schüsse. Dumpfer, langsamer und härter als Maschinengewehrfeuer, wie man es vom Fernsehen her kennt. Die Regattaleitung wiest alle Boote an auf Kurs 180° zu gehen und das Schießgebiet auf kürzestem Weg zu verlassen. Der kürzeste Weg ist aber für die vorderen Boote der eigentliche Weg aufs Ziel.

Also drehen vier Boote nach Süden ab, während der Rest direkt weiter aufs Ziel zu hält. So richtig glücklich sind wir am Ende mit der Wertung nicht. Doch wir akzeptieren, dass keine Wertungskorrektur vorgenommen wird. Es war halt eine Anweisung die zwei Lösungen zuließ. Und was zählt, ist eben die sportliche Fairness.

... vor dem Segel bergen ...

… Vorsegel setzen …

Um 1157 erreichen wir das Ziel. Diesmal als vorletzte. Wir suchen uns, wie alle anderen Boote einen Ankerplatz und machen Mittag. Das Wasser lockt, so kann ich nicht lange widerstehen. Schnell bin in meinem Badeanzug wieder an Deck. Nicola folgt mir bald. So kommt es, dass bald zwei Badenixen umher tollen und auch auf anderen Booten springen einige in das nicht wirklich warme Wasser.

1300 – Wir holen den Anker auf und bereiten uns auf den zweiten Start vor. Die Wartezeit vertreiben wir uns auf der Wasserfläche hinter dem Startschiff. Immer wieder schießen wir nahezu auf, fallen behutsam wieder ab und tasten uns so im Winkel von 45° zu den anderen startenden Booten an das Startschiff heran. Zwei Minuten vor dem Start fallen wir etwas weiter ab, nehmen Fahrt auf und wir jagen wie ein Pfeil über die Startlinie. Auf den tiefen Am-Wind-Kursen können wir im Feld gut mithalten.

Heute behaupten wir unsere Position im hinteren Drittel des Feldes. Letztendlich schaffen wir es aber dennoch nicht unsere Position bis zur Ziellinie zu halten. Als Vorletzte gehen ins Ziel. Auf diese Leistung der Crew und der „Mephisto“ bin ich stolz. Wir bergen die Segel und fahren unter Maschine in den Hafen der Dyvig.

1600 – Wir sind fest in der Dyvig. Heute ist Bergfest, also machen wir uns Landfein und helfen auch bei anderen Booten aus, ein paar lustige Kostüme für die Skipper herzustellen. Denn die Skipper müssen sich heute in „hübschen Kostümen“ präsentieren. Selbst gebastelt …

Schön war es bei der Siegerehrung die Rote Laterne einmal nicht abholen zu müssen. Die Party zum Bergfest ist gelungen. Ein reichhaltiges – mit besten Leckereien vom Grill und frischen Salaten – gestaltetes Buffet war das erste Highlight. Der „Catwalk der Skipper“ sorgte für eine Menge Spaß und abends dann noch bis spät in die Nacht. Wir nutzten die Geselligkeit zum regen Austausch und auch für interessante Gespräche. Viele der Crews kennen sich untereinander bereits von vorigen Veranstaltungen.

Stand: 177 sm; davon 134 gesegelt

05. Juni 2013 – Mittwoch, Dyvig

0730 – Ich stehe auf dem Steg und genieße die Ruhe. Ich nehme meine Kamera und mache einen kleinen Spaziergang, dabei pflücke ich meinem Schatz auch ein paar Blumen. Langsam drehe ich meine Runde, tanke mentale und körperliche Energie. Meine Gedanken kreisen um die heutige Wettfahrt. Denn der Wind wird heute maximal mit drei Windstärken wehen. Es ist absehbar, dass die „Mephisto“ bei ihrem Gewicht nicht gut in Fahrt kommt. Das wird heute der Tag der kleinen und leichten Boote werden.

0930 – Ich verabschiede Martina. Meine Co-Skipperin tauscht heute mit Stephan ihren Platz auf der „Velares“. Martina mag die kleine Französin ausprobieren. Stephan wird heute der „Erste Offizier“ auf der „Mephisto“ sein. Auch wenn ich Martina heute vermissen werde, freue ich mich darauf mit Stephan zu segeln. Und, ich gönne Martina aus vollem Herzen den Spaß auf dem kleineren Boot.

... ruhiger Regattatag ...

… ruhiger Regattatag …

1030 – Wir laufen aus, setzen nach der Enge die Segel und dann trödeln wir uns zum Start. Auch wenn es fast drei Windstärken sind und wir mit sechs Knoten eine gute Fahrt im Boot haben. Die anderen sind eben schneller.

Wir machen das Beste aus der Situation und haben dennoch unseren Spaß. Wir haben tolles Wetter, genießen das segeln und als wir mit einem Aufschießer über die Ziellinie kommen, um einen weiteren Kreuzschlag zu sparen, sind fünf schöne Stunden vergangen.

1700 – Wir bergen die Segel und fahren langsam in den Hafen von Augustenborg. Zur Siegerehrung stehen also für uns wieder die Rote Laterne und Feiglinge für jedes Crewmitglied bereit.

Nach dem Duschen gehen wir noch grillen, mit der Crew der „Velares“. Es wird ein langer und schöner Abend.

Stand: 209 sm; davon 157 gesegelt

06. Juni 2013 – Donnerstag, Augustenborg

0600 – Es ist Windstill im Hafen, als ich aus der Koje klettere. Martin ist unterwegs und „jagt“ Brötchen. Ich beschließe Kaffee zu kochen, bald schon unterstützen mich Jens und Martina. Da der Start um 1140 südlich von Sønderborg stattfinden wird, werden wir unterwegs zum Start frühstücken.

0745 – Wir legen ab und unter Maschine fahren wir in Richtung Sønderborg. Ich genieße es allein am Ruder zu stehen und unser Boot durch die morgendliche Ruhe zu steuern. Vor, neben und hinter uns – die anderen Regattaboote. Martina organisiert die Frühstücksroutine unter Deck.

0900 – Martina löst mich am Ruder ab. Ich esse einen Happen und bald schon sind wir an der Brücke vor Sønderborg.

1000 – Wir machen am Holzbollwerk kurz fest. Für ein Eis ist noch Zeit. Unser Start ist erst in neunzig Minuten. Also nutzen einige sogar die Chance für einen kurzen Stadtbummel.

1120 – Wir legen ab, setzen die Segel und fahren zum Start. Auch wenn wir guten Wind haben und mit streckenweise bis zu 8,5 kn Fahrt unterwegs sind, kommen wir jedoch nicht hoch genug an den Wind. Wir verlieren mit jedem Kreuzschlag Gesamtweg. Unser Wendewinkel ist einfach zu groß. Der Wind kommt genau aus Osten, und dort, wollen wir hin.

... Regattalalltag ...

… Regattalalltag …

Immer mehr sacken wir zum Ende hin durch. Wir nehmen es sportlich und geben nicht auf. Es freut uns zu sehen, dass die „Elektra“ wirklich auf der Zielposition wartet bis wir vor Ort sind. Nach einer Woche Regatta war die Crew soweit zusammen gewachsen, dass wir auch bei fünf Windstärken mit der Genua fahren konnten. Jeder Handgriff saß und jeder wusste was zu tun war. Nur, heute war der letzte Tag.

1800 – Wir sind fest in Damp. Der Eintrag im Logbuch „Ever last ship home!“ ist mein Ausdruck von stolzer Trauer. Stolz darauf nicht aufgegeben zu haben. Stolz darauf, keinen Bruch gemacht zu haben und die bunt gemischte Crew sicher durch die Regatta geleitet zu haben.

Wir machen uns hübsch und gehen zur Abschlussfeier.

Stand: 259 sm; davon 195 gesegelt.

07. Juni 2013 – Freitag, Damp

0600 – Nieselregen begleitet den Abschied der „Mephisto“ als wir uns bei Windstille aus dem Hafen schleichen. Die 42 sm bis nach Heiligenhafen fahren wir unter Maschine. Es ist fast schon irrsinnig. Kein Luftzug und die See wie Blei.

Konstant röhrt der Diesel und wir fahren mit 6,5 Knoten über die blanke See. Sieben Stunden lang. Dabei frühstücken wir die Reste an Bord, dann räumen wir auch schon ein wenig auf.

1300 – In Heiligenhafen tanken wir noch Diesel nach. Den meisten haben wir heute verbraucht. Dann liegt die „Mephisto“ in ihrer Box.

Wir nehmen uns Zeit alle Sachen aus- und aufzuräumen. Der komplette Nachmittag vergeht damit. Andreas, Barbara und Jens starten heute noch in Richtung Heimat. Gerade von Andreas verabschiede ich mich in aller Ruhe. Wir haben vier Wochen gemeinsam auf See verbracht. Er ist für mich schon zu einer Art Bruder geworden.

... Abends im Hafen ...

… Abends im Hafen …

Die letzte Nacht an Bord, sind wir zu viert. Martin und Nicola sind noch bei uns.

Stand: 301 sm; davon 195 gesegelt.

08. Juni 2013 – Samstag, Heiligenhafen

0800 – Die Rückgabe des Bootes an Herrmann ist eher ein kollegiales Gespräch. Es fällt mir schwer mich wieder an den Gedanken zu gewöhnen am Dienstag wieder im  „Buisness Dress“  im Lehrsaal zu stehen. Ich war gerade fünf Wochen in Folge an Bord. Martina fährt inzwischen Martin zur Leihwagenstation.

Als sie gegen 0900 wieder zurück ist, spazieren wir beide noch ein wenig durch Heiligenhafen. Wir können beide nicht einfach so loslassen. Auch wenn es für mich im Juli in Holland wieder an Bord geht, macht sich Wehmut im Herzen breit.

Ganz behutsam nehmen wir Abschied, von der Ostsee, Heiligenhafen und vor allem, von der „Mephisto“.

Danke, alte Lady!

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